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Sie ist schon ziemlich in die Jahre gekommenen und nur noch rudimentär vorhanden, jene Uraltinszenierung von Otto Schenk aus dem Jahre 1981 von Umberto Giordanos Andrea Chénier an der Wiener Staatsoper. Und sie hat auch schon ziemlich Staub angesetzt mit ihren traditionellen Kostümen und den heruntergekommenen Kulissen, die die Örtlichkeiten einigermaßen historisch andeuten. Sie ist überwiegend geprägt von den unterschiedlichen, schauspielerischen Fähigkeiten der Protagonisten. Jeder agiert nach seinem Können. Bei den Massenszenen hingegen dominiert die Statik, die man einfach so hinnimmt. Aber eigentlich ist das Publikum ja nicht wegen der Inszenierung gekommen. Die ist dem Opernfreund in diesem Fall ziemlich egal, denn es geht in erster Linie um die Protagonisten, die den Opernabend interessant machen.
„Viva la morte insiem!“ Es sind die letzten Spitzentöne der beiden, die sie gemeinsam schmettern, bevor sie unter gewaltigen Orchesterklängen mit einem Holzkarren zum Schafott geführt werden. Aber nicht nur vor ihrem Liebestod, in diesem finalen Duett faszinieren Jonas Kaufmann und Anja Harteros bei dieser französischen Revolutionsoper, sondern auch zuvor stimmlich und darstellerisch, besonders wenn sie gemeinsam in voller Harmonie singen und vom Publikum im ausverkauften Haus umjubelt werden. Nicht zu Unrecht werden die beiden immer wieder als das neue Traumpaar der Oper bezeichnet.
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Das war jedoch an diesem Abend zumindest keineswegs von Anfang an so: Nach London und München singt Jonas Kaufmann die Titelpartie in diesem richtigen Verismo-Reißer nun erstmalig an der Wiener Staatsoper. Denn anfänglich wirkt er kurz direkt etwas knorrig in der Tiefe und singt recht verhalten. Doch er steigert sich immer mehr. Seine höchsten Spitzentöne sitzen absolut sicher und sind kraftvoll. Schließlich weiß er mit seinem wunderbar samtigen, baritonal klingenden Timbre und seinem kultivierten Schöngesang zu betören und ohne Manierismen auch im Ausdruck zu berühren. Er passt ideal in die Rolle des melancholischen, ja verträumten Poeten, der ernsthaft, aber auch leidenschaftlich für die Revolution und die Liebe brennt: Die Partie ist wie geschaffen für ihn.

Indisponiert angesagt, lässt Anja Harteros, Kaufmanns Münchner Dauerpartnerin, bei ihrem Wiener Rollendebüt als Maddalena di Coigny zu Beginn etwas zurückhaltende, für sie ungewohnte Töne vernehmen. Sie wirkt, wie die Rolle es vorsieht, zu Beginn sehr mädchenhaft, zeigt im Laufe des Abends immer größere Gefühle und reichere Nuancen. Sie begeistert mit großer Legatokultur und eindrucksvollen Spitzentönen. Ihre große Arie La mamma morta“ wird zum Ereignis und besonders bejubelt.
Robert Frontali ist mit seinem kernigen, kräftigen Bariton ebenfalls sehr präsent und kann mitreißend die innere Zerrissenheit des Carlo Gérard darstellen. Auch für seine Paradearie Nemico della patria erntet er ebenfalls viel Applaus und Jubel. Aus den zahlreichen Nebenrollen ragen Ilseyar Khayrullova als ausdruckstarke Bersi, Zoryana Kushpler als sehr berührende Madelon, Carlos Osuna als intriganter Incroyable, Wolfgang Bankl als mächtiger Mathieu sowie Boaz Daniel als warmstimmiger Freund Chéniers Roucher hervor. Untadelig singt auch der Chor der Wiener Staatsoper, der von Thomas Lang einstudiert wurde.
Marco Armiliato am Pult liebt den großen Klang und lässt das Orchester der Wiener Staatsoper mit saftiger Dramatik, aggressiven und manchmal lauten, knalligen Revolutionsklängen immer extrem spannend musizieren, nimmt dabei aber nicht immer Rücksicht auf die Sänger. Es sind jedoch auch immer wieder subtile Farbnuancen aus dem Orchestergraben zu vernehmen.
Zum Schluss ertönt lautstarker, langanhaltender Jubel für alle Sänger und den Dirigenten beim vollends begeisterten Publikum.
Helmut Christian Mayer