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Foto © Michael Pöhn

Musikalität sticht Reizüberflutung

FAUST
(Charles Gounod)

Besuch am
29. April 2021
(Premiere)

 

Wiener Staatsoper

Eine Metro-Station namens Stalingrad, die es wirklich gibt, ein Cola-Automat, eine alter­tüm­liche Telefon­zelle, ein abgeta­keltes Café in den Banlieues, ein Voodoo-Laden, wo der Teufel haust, eine schäbige Wohnung im ersten Stock, wo Marguerite zusammen mit Marthé wohnt. Man sieht auch einen Kirchturm mit Chimären, an Notre-Dame erinnernd: Und dieses Mini-Paris steht kompri­miert auf einer Drehbühne, die Bühne stammt von Aleksandar Denić, wobei alles zusätzlich noch schäbig angekramt, voll Trash ist und völlig überfrachtet wirkt: So ist der neue Faust von Charles Gounod an der Wiener Staatsoper optisch zu erleben, diesmal noch ohne Publikum. Aber so neu ist die Produktion auch wieder nicht, denn sie hatte schon 2016 in Stuttgart Premiere und wurde jetzt im Rahmen der Opern-Einkaufstour von Direktor Bogdan Roščić an die Wiener Staatsoper geholt.

Zudem gibt es ständige Video-Einspie­lungen auf mehreren Leinwänden, meist live von mehreren Kameras, die von ständig neben dem Protago­nisten störend herum­hu­schenden Kamera­leuten bedient werden, wo man das Geschehen aus anderen Perspek­tiven und in Nahauf­nahmen wahrnehmen kann. Aber es gibt auch vorge­fer­tigte Videos von fahrenden Autos auf den Champs-Élysées, von Personen, die ihr Auto pflegen und Wasch­mittel und Zahnpasta-Werbung ausge­rechnet beim Liebes­duett, bei der wunder­baren Arie des Valentin wird blutiges Wasser von den gerei­nigten Füßen des Sièbel getrunken. Das tote Kind wird im Kinder­wagen verbrannt. Aber man kennt ja die detail­reichen, ständig reizüber­flu­tenden und von der Musik ablen­kenden Stilmittel inklusive der Brechungen von Frank Castorf.

Foto © Michael Pöhn

Natürlich spielt die Geschichte nicht im Mittel­alter, sondern in überla­gernden Epochen des frühmo­dernen Paris Mitte des 19. Jahrhun­derts und des Paris nach dem Zweiten Weltkrieg, als Charles de Gaulle an der Macht war und wo der Algeri­en­krieg in Videos und Kostümen der Soldaten präsent ist. Dazu werden noch einige, an der Rampe gespro­chene oder einge­blendete Texte, etwa von Rimbaud oder Baude­laire, einge­schoben. Faust wird zu Beginn als alter, zitternder Clochard darge­stellt, Marguerite als eine verfüh­re­risch gewandete Prosti­tu­ierte aus der Halbwelt, Mephisto als Voodoo-Zauberer, der mit Nadeln Puppen­herzen durch­sticht sowie als beißender Vampir, ausstaf­fiert mit Tätowie­rungen, Fellhose und Hufeisen. Wenn die Soldaten vom Krieg heimkehren, schleppt jeder ein abgeschla­genes Haupt eines getöteten Feindes mit.

Es ist wieder einmal nicht die Insze­nierung, sondern es sind wieder einmal die Sänger und die Musiker, die diesen Abend zum Ereignis machen. Juan Diego Flórez vollzieht einen Fachwechsel, aller­dings hat sein Tenor in den drama­ti­schen Momenten dieser Oper manchmal doch etwas zu wenig Substanz. Aber wunderbar sind sein Timbre, seine Phrasierung, seine Höhe und sein Ausdruck. Nicole Car singt die Marguerite fulminant, mit hoher Dramatik und leuch­tenden Höhen. Vor allem im Finale krönt die Austra­lierin, die schon im Herbst hier erstmalig am Haus als Tatjana in Tschai­kowskys Eugen Onegin begeistern konnte, ihre Leistung mit wunder­barer Inten­sität. Bei ihrer Gebets­szene wird sie von Schlangen umrankt. Statt zu sterben, geht sie aller­dings auf ein Gläschen ins Caféhaus, vielleicht ist da Gift drin. Extrem verschlagen, zynisch und markig, vielleicht etwas monochrom ist der jugend­liche Mephisto des Adam Palka, der die Rolle schon in Stuttgart gesungen hat. Schön­stimmig erlebt man Étienne Depuis, er ist übrigens der Ehemann von Nicole Car, als Valentin. Beide gefallen auch schau­spie­le­risch eindrucksvoll bei seinem Tod vor der blutver­schmierten Telefon­zelle. Sièbel wird von Castorf als Frau darge­stellt. Kate Lindsay singt ihn ideal. Monika Bohinec ist eine stark aufge­wertete, gut singende Marthé, die im gemein­samen Zimmer mit Marguerite durchaus auch ein Opium­pfeifchen raucht. Martin Häßler singt den Wagner solide. Anfänglich etwas außer Tritt singt dann der von Thomas Lang einstu­dierte Staats­opernchor ausge­zeichnet. Anfänglich muss er revue­artig und schrill daher tanzen.

Im Graben steht wie schon bei der letzten Premiere des Stücks wieder Bertrand de Billy am Pult des Wiener Staats­opern­or­chesters. Da wird mit viel Raffi­nement, franzö­si­schem Parfum und mannig­fal­tigen Valeurs musiziert. Der eine oder andere Akzent hätte aller­dings drama­ti­scher sein können.

Übertragen wird die Produktion am 9. Mail in ORF III und live mit Publikum kann man sie am 19. Mai, dem Tag der Wieder­eröffnung nach fast 200 Tagen Opern-Lockdown erleben.

Helmut Christian Mayer

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