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Kasperletheater von hoher Güte

OBERON
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
19. Mai 2019
(Premiere am 13. Mai 2019)

 

Theater an der Wien

Sein Kopf ist voller Glühbirnen. Er ist mehrere Meter hoch, eine Mischung aus Toten­schädel und Dracula-Kopf, aus Kuschel­monster und Geister­bahn­ge­spenst mit einem meter­langen, weißen Gewand: Das ist „Oberon, der König der Elfen“, zumindest so wie ihn Nikolaus Habjan sieht. Es ist der Titelheld aus Carl Maria von Webers letzter Oper, einer roman­ti­schen Feenoper am Theater an der Wien,  in einer Kopro­duktion mit der Bayeri­schen Staatsoper München, wo diese Produktion schon im Sommer 2017 bei den Münchner Opern­fest­spielen gezeigt wurde. Kompo­niert wurde das Stück für das Royal Opera House Covent Garden, den barocken Masques eines Henry Purcell nachemp­funden und hier auch urauf­ge­führt 1826. Aber das Werk erreichte nie die Popula­rität eines Freischütz und fristet ein eher kümmer­liches Dasein am Reper­toirerand. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Musik, sondern im englisch­spra­chigen Libretto von James Robinson Planché. Die Übersetzung ins Deutsch besorgte Theodor Hell.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das unsäg­liche Libretto hat mit William Shake­speare wenig zu tun, sondern kreist um eine abenteu­er­liche Helden­story eines Hüon de Bordeaux, der die nicht unwillige Kalifen­tochter Rezia nach Europa bringen soll, und deren Treue, über die Oberon und Titania einen handfesten Streit hatten, wiederholt auf die Probe gestellt wird.

Ob dieses fantas­tische Mittel­al­ter­märchen heute noch funktio­nieren kann, da hatte auch Regisseur, Puppen­er­schaffer und Puppen­spiel­meister Nikolaus Habjan große Zweifel. Deshalb erfand er eine Rahmen­handlung und zeigt dabei einer­seits ein nüchternes Versuchs­la­bo­ra­torium, die Bühne stammt von Jakob Brossmann, mit einem Experiment der Hirnfor­scher Oberon und Titania, die rauskriegen wollen, ob Treue überhaupt möglich ist. Und anderer­seits zeigt er einen mitunter etwas überdrehten, bunten Klamauk-Reigen, der jedoch wegen der bisweilen viel zu langat­migen Sprech­texte, denen eine empfind­liche Kürzung gutgetan hätte, zwischendrin an Schwung einbüßt. Dabei fällt auch die Sommer­nachts­traum-Stimmung unter den Tisch.

Foto © Werner Kmetitsch

Stars dieser Produktion sind die Puppen­spieler Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock, die auch drei Pucks verkörpern. Sie lassen nicht nur den Riesen Oberon als überna­tür­liche Macht leibhaftig werden, sondern auch die lebens­großen Klapp­maul­puppen einer hässlichen Alten und ihres trottel­haften Ehemanns sowie die feige Harems­wache oder den präpo­tenten Verlobten Rezias, den Hüon einfach absticht. Die Puppen mit ihren ausdrucks­starken Köpfen und flatternden Stoff­körpern kichern, stöhnen und schnarren, dass es eine wahre Freude ist. Das ist Kasper­le­theater von höchster Güte und gefällt auch dem Publikum. Sie übertreiben völlig grotesk hemmungslos und auf das Schönste, ohne ein einziges Mal albern zu wirken. Hingegen wirkt der Klamauk bei den Sänger­men­schen teils aufgesetzt.

Von recht unter­schied­licher Qualität hört man das Sänger­ensemble: Mauro Peter ist ein gestan­dener und sehr kraftvoll singender Oberon, Juliette Mars ist seine keifende Gattin Titania. Annette Dasch singt die Rezia recht anspre­chend, aber nicht außer­ge­wöhnlich. Mit wunder­barer Stimm­kultur lässt die junge Natalia Kawalek als Fatime aufhorchen, ein Versprechen für die Zukunft. Vincent Wolfsteiner ist ein recht eindi­men­sio­naler, wenig subtiler Hüon. Kernig hört man Daniel Schmutzhard als Knappe Sherasmin. Wunderbar wie immer und auch ungemein spiel­freudig erlebt man den Arnold-Schoenberg-Chor unter der bewährten Leitung von Erwin Ortner.

Feenzauber, Leiden­schaft, Verzweiflung, Komik: All dies findet man meisterhaft in der Musik. Sie wird vom extrem tempe­ra­mentvoll gesti­ku­lie­renden Thomas Guggeis und dem nicht immer ideal dispo­nierten Wiener Kammer­or­chester, bei dem immer wieder Intona­ti­ons­pro­bleme zu hören sind, wiedergegeben.

Zum Schluss gibt es sehr viel Applaus ohne den geringsten Widerspruch.

Helmut Christian Mayer

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