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Foto © Michael Pöhn

Zeitkreisel tanzt durch Stilkosmos

ORLANDO
(Olga Neuwirth)

Besuch am
11. Dezember 2019
(Premiere am 8. Dezember 2019)

 

Wiener Staatsoper

Juden­ver­folgung, Atombombe, Vietnam, 68-er Generation, Social Media, Kaufrausch, Trump-Rhetorik, Syrien-Krieg, Klima­pro­teste: Es ist schon ein seltsames und vor allem ziemlich überfrach­tetes Potpourri, das Olga Neuwirth bei der Urauf­führung ihrer neuen Oper Orlando, ein Auftragswerk der Wiener Staatsoper, speziell im zweiten Teil da ausbreitet. Und da jagt dann beinahe atemlos und ziemlich plakativ bei dem Libretto, das sie gemeinsam mit Catherine Filloux erstellt hat und der Regie von Polly Graham eine Idee die andere. Dazu gibt es fast peinliche Zwischen­texte und platte Slogans. Zu viel gewollt, zu wenig erreicht. Vor allem im zweiten Teil des Abends, der diesen mit seinen endlosen Wieder­ho­lungen und nicht enden wollenden Monologen ziemlich in die Länge zieht. Dabei hätte die Oper der 51-jährigen Kompo­nistin, der ersten Frau, die an der Wiener Staatsoper eine abend­fül­lende Oper, wenn man von der Kinderoper von Johanna Doderer von 2017 absieht, wahrscheinlich erfolg­reicher werden können, wenn sie sich ausschließlich an den Roman von Virginia Woolf gehalten hätte, auf dem ihr Werk basiert, die die Geschichte des fast 400-jährigen Leben von Orlando 1928 beendet. Gemeinsam mit Catherine Filloux arbeitete Olga Neuwirth am Libretto und dehnte die litera­rische Vorlage bis ins Heute aus und erreicht dabei mehr Flach- als Tiefgang. Verant­wortlich dafür sind Unwuchten im selbst erstellten Textbuch. Während Neuwirths erste Opern­hälfte diese Vita rasant verdichtet, leidet der Abend nach der Pause an Spannungs­schwund. Und vor lauter Welthis­torie kommt Orlando eine bühnen­taug­liche Geschichte abhanden.

Erzählt wird die Geschichte vom jugend­haften Helden Orlando in 19 Bildern, der 1598 als junger ungestümer Mann Königin Elizabeth I begegnet. Während des großen Frosts 1610 in London verweigert sich ihm die attraktive Sasha. Orlando zieht sich bedrückt zurück und wird zum Schrift­steller. Das Schreiben wird zum wesent­lichen Inhalt des Romans. Gräuel und Krieg lassen ihn in einen langen Schlaf fallen, aus dem er als Frau erwacht. Die rechtlose, nicht respek­tierte Frau erlebt im vikto­ria­ni­schen Zeitalter die repressive soziale Atmosphäre und kämpft um ihre Rechte als Frau und später für die Kinder. Nach dem Ende des Romans sackt die Drama­turgie ab und die Erzählung wird nur mehr zu einem langge­zo­genen, verkrampften gesell­schafts­po­li­ti­schen Statement. Roy Span gestaltet eine Bühne ohne Kulissen mit wenigen Requi­siten. Wesent­lichen Eindruck hinter­lassen die Video­ein­spie­lungen mit stimmungs­vollen Landschafts -, Farb‑, Regen- und Schnee­auf­nahmen. Dabei hängen einige Leinwand­panele von der Bühnen­decke und werden wie Vorhänge verschoben. Phanta­sievoll bunt und geradezu abenteu­erlich voluminös sind die Kostüme und Masken von Rei Kawakubo, angepasst an die verschie­denen Jahrhun­derte. Die Perso­nen­regie hinter­lässt wenig Eindruck auf einer zumeist vollbe­setzten und vollge­stellten Bühne. Und immer wieder tanzt ein überdi­men­sio­naler Zeitkreisel als Projektion bei den Szenen­über­gängen und führt durch die Jahrhunderte.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der musika­lische Stilkosmos ist gewaltig! Es gibt musika­lische Paral­lel­sphären, die aufein­an­der­prallen, sich übermalen und bisweilen eine komplexe Gleich­zei­tigkeit erzeugen: Auf dieser Reise durch die Jahrhun­derte schimmert orches­trale Spätro­mantik ebenso durch wie komplexe rhyth­misch repetitive Musik und stimmen­ver­än­dernde Elektronik durch. Verfrem­dungen von Offen­bachs Cancan blitzen auf ebenso auf wie Bella ciao, das Lied des italie­ni­schen Wider­stands gegen den Faschismus. Das Weihnachtlied O Tannenbaum und das Kirchenlied Danke für diesen guten Morgen sind hörbar wie auch mit Streif­zügen durch die Musik­ge­schichte. Neuwirth verliert ihre fasset­ten­reiche Handschrift selbst dann nicht, wenn sie Vorbilder zitiert oder persi­fliert: Renais­sance-Madrigal, Lautenlied, Henry Purcells Cold Song, Händel-Arie, Bach-Choral, Ringel­reihe-Tanz, oder ein Sound der Talking Heads. Ebenso erlebt man Walzer­klänge, Flower-Power-Riffs, Rock, Punk, Jazz und Funk, worum sich eine auf die Bühne geschobene kleine Band bemüht, die die Orches­ter­klänge umkreisen. All das wird man am Ende gehört haben, und doch klingt es originär. Besonders intensiv geraten ihr dabei die orches­tralen Zwischenspiele.

Foto © Michael Pöhn

All das wird in einer Glanz­leistung vom Orchester der Wiener Staatsoper unter dem sachkun­digen und völlig exakt schla­genden Dirigenten Matthias Pintscher präsen­tiert. Mit dem Chor, der Choraka­demie und der Opern­schule der Wiener Staatsoper hat der Dirigent einen Riesen­ap­parat zu bewegen. Er macht das bei seinem Debüt im Haus mit solcher Ruhe, Präzision und Übersicht, als ob es ein obligates Reper­toire­stück wäre. Seine Souve­rä­nität rührt wohl auch daher, dass er nicht nur ein ausge­suchter Experte für Zeitge­nös­si­sches ist, sondern selber Komponist.

Chapeau auch für die Sänger, unmöglich alle fast dreißig, meist in mehreren Rollen, aufzu­zählen! Die phäno­menale Kate Lindsey brilliert als Orlando mit ihrem dunklen Mezzo, nimmt wie selbst­ver­ständlich alle Hürden der Partitur und weiß auch darstel­le­risch den Wandel vom Mann zur Frau in feinen Fassetten glaubhaft zu machen. Constance Hauman, unter anderem als Königin Elizabeth I, singt ausdrucks­stark. Anna Clementi ist eine eindring­liche Erzäh­lerin in dem englisch­spra­chigen Werk, Justin Vivian Bond leiht der Stimme von Orlandos Kind eine angeraute Stimme. Intensiv ist auch Leigh Melrose als unter anderem Green und ganz besonders der Counter­tenor Eric Jurenas als Orlandos Schutz­engel. Agneta Eichenholz faszi­niert als Sasha ebenso wie der Rest des großen, motivierten Ensembles, während der sehr gute Chor in der Rolle des Beobachters belassen wird.

Am Ende gibt es Jubel für alle Musiker, speziell für Kate Lindsey und für den Dirigenten, und bei der Premiere respek­tablen Applaus für das Team um Regis­seurin Polly Graham und Ovationen für die offenbar sehr zufriedene Olga Neuwirth, unter­mischt aller­dings mit ein paar wenigen Buhs.

Helmut Christian Mayer

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