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Opernthriller mit Blutbad

SALOME
(Richard Strauss)

Besuch am
18. Januar 2020
(Premiere)

 

Theater an der Wien

Grau und kalt ist der Beton­bunker mit den steilen Treppen. Soldaten in roten Uniformen, die Kostüme stammen von Cedric Mpaka, mit Gewehren bewachen ihn. Weiter oben können sich die hohen Wände öffnen und man wird die Festtafel Herodes sehen sowie später einen riesigen, roten Mond. Im Mittel­punkt dieses Einheits­bildes, es wurde von Julius Theodor Semmelmann erdacht, dieser monumen­talen Beton­ar­chi­tektur, sieht man eine heutige Zisterne. Spekta­kulär wird der Metall­deckel hochge­zogen, der an der Unter­seite einen Spiegel enthält, was spannende Effekte hervorruft. Darunter hängt an Ketten gebunden die Puppe des Johanaan, ausge­mergelt und bleich, wie er sein soll. Dahinter steht ganz in Grau geschminkt, der Sänger.

Wenn man Nikolaus Habjan engagiert, weiß man, was bekommt: Puppen. So geschehen auch bei Richard Strauss Salome am Theater an der Wien.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Zwar wollte der Puppen­de­signer bei seiner Insze­nierung zuerst zur Gänze darauf verzichten. Doch dann konnte er doch nicht wider­stehen und es sind es zumindest zwei geworden, eine für die Titel­heldin und eine für Johanaan. Während Salome mit ihrer Puppe meist sehr eng verbunden ist, die auch manchmal mit Narraboth und Herodes kuschelt, ist das bei Johanaan kaum der Fall. Salomes Tanz wird unter­stützt von sechs Tänzern mit nacktem Oberkörper und entwi­ckelt sich beim Hofstaat fast zu einer Orgie. Extrem blutig ist seine Hinrichtung. Der Henker, ein Soldat erscheint mit dem abgetrennten Puppenkopf und einem blutigen Schwert, seine Arme sind bis über die Ellbogen mit Blut verschmiert. Dann gibt er Herodias den Ring zurück und bedient sich an der Tafel. Doch Habjan zeichnet darüber hinaus eine ungemein spannende, mit vielen Ideen gespickte, feinge­zeichnete, sehr psycho­lo­gisch verdichtete Regie aus, die gefangen nimmt.

Foto © Werner Kmetitsch

Die Perso­nen­führung wirkt umso mehr, weil er eine Singschau­spie­lerin ersten Ranges hat. Schon wie an der Bayri­schen Staatsoper in München letzten Juni faszi­niert Marlis Petersen als Salome. Sie spielt die Titel­heldin großartig mit allen erdenk­lichen Fassetten bis zur eigenen Selbst­aufgabe nicht nur als unschuldige Kindsfrau, sondern auch als selbst­be­wusste, wie auch trotzige, laszive und hyste­rische Prinzessin von Judäa. Auch ihr Gesang ist wortdeutlich, ein Faktum, das auch für alle anderen Sänger zutrifft, wie auch extrem expressiv, ungefährdet und mühelos sind ihre Spitzentöne und geht unter die Haut. Während ihres faszi­nie­renden Schluss­ge­sangs wälzt sie sich extrem in Blut. Ihr zur Seite ist Johan Reuter ein mit schönem, durch­schlags­kräf­tigem Bariton singender, kraft­voller Johanaan. John Daszak singt den Ausbund an Schlech­tigkeit, den Herodes mit markantem, höhen­si­cherem und kraft­strot­zendem Charak­ter­tenor, Michaela Schuster eine kräftige Herodias. Extrem schön und durch­schlags­kräftig klingt der Tenor von Martin Mitter­rutzner als Narraboth. Auch die vielen kleineren Partien sind alle gut besetzt.

In einer eigens erstellten, reduzierten Fassung von Eberhard Kloke für den filigranen Theaterbau des Theaters an der Wien und den deshalb einge­schränkten Platz, für ein kleineres Orchester – von 104 auf 59 Musiker – erklingt Strauss geniale Musik aus dem Graben. Dort waltet Leo Hussain am Pult des ORF-Radio-Sympho­nie­or­chesters Wien. Aber trotz der klanglich kaum bemerk­baren Dezimierung gibt es Steige­rungen bis zu gewal­tigen Klang­ex­plo­sionen, die manchmal lautstär­ken­mäßig überhitzt sind. Und durch­gehend ist Hochspannung garan­tiert mit Gänse­haut­faktor, denn es wird mit zugespitztem Expres­sio­nismus und schil­lernden, reichen Orches­ter­farben, aber auch kammer­mu­si­ka­lisch, trans­parent und dabei immer sänger­freundlich musiziert.

Das Publikum dankt mit Riesen­jubel und vielen bravi, der sich besonders bei Marlis Petersen noch enorm steigert.

Helmut Christian Mayer

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