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Wissen Sie noch, was alles im Jahr 1958 geschah? Hier ein kurzer Rückblick auf bedeutende und weniger bedeutende Ereignisse. König Albert II. von Monaco wird geboren, Papst Pius XII. stirbt und Boris Pasternak erhält den Nobelpreis für Literatur. Elvis Presley nimmt seinen Dienst in der US-Armee auf, General Charles de Gaulle wird französischer Präsident. Deutsche Verkehrssünder werden von nun an in Flensburg registriert, und in Marburg operiert der Chirurg Rudolf Zenker mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine erstmals einen Patienten in Deutschland erfolgreich am offenen Herzen. Im belgischen Brüssel wird mit der Expo 58 die erste Weltausstellung der Nachkriegszeit eröffnet und in den USA die NASA gegründet. Und an der Wiener Staatsoper feiert am 3. April 1958 in der Inszenierung von Margarethe Wallmann und in der Ausstattung von Nicola Benois Giacomo Puccinis Oper Tosca Premiere. Herbert von Karajan dirigiert, Renata Tebaldi singt die Tosca, Giuseppe Zampieri den Cavaradossi und Tito Gobbi in einer seiner Paraderollen den Scarpia. Während die Protagonisten dieser Premiere alle schon lange im Opernhimmel sind und viele Ereignisse von 1958 nur noch Randnotizen in den Jahreschroniken sind, hat diese Inszenierung der Tosca die Zeit überdauert und steht nun schon zum 605. Mal seit der Premiere vor über 60 Jahren auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper.
Ein Blick in die Chronik der Wiener Staatsoper zeigt große Namen, die im Verlaufe von über 600 Aufführungen beteiligt waren. Neben Karajan waren es Dirigenten wie Clemens Krauss, Rudolf Kempe, Giuseppe Patané oder Zubin Mehta, die diese Aufführungen prägten. Auch die Besetzungslisten der Hauptpartien lesen sich wie das Who is Who der großen Sängerinnen und Sänger des 20. Jahrhunderts. Leonie Rysanek, Birgit Nilsson, Montserrat Caballé und Renata Scotto sprangen alle von der Engelsburg in den Tod und kamen anschließend wieder putzmunter und strahlend vor den Bühnenvorhang – bis auf Martina Serafin, die sich im Dezember 2015 bei eben diesem Sprung ein Bein brach.
Unter den Tenören, die den Cavaradossi geben durften, finden wir so illustre Namen wie Giuseppe di Stefano, Nicolai Gedda, Carlo Bergonzi, James King und natürlich die drei Tenöre Domingo, Carreras und Pavarotti. Auch der fiese Polizeichef Scarpia wird von großen Namen wie Hans Hotter, George London, Eberhard Wächter oder Sherill Milnes umrankt. Über 1,2 Millionen Menschen haben in diesen 605 Aufführungen die zwei Stunden Liebe, Kampf und Leidenschaft durchlitten, an deren Ende immer alle tot sind. So ist und bleibt die Wallmann-Tosca die unumstrittene Nummer eins der Staatsopern-Inszenierungen, vor Franco Zeffirellis La Bohème aus dem Jahre 1963 mit etwas über 430 Aufführungen. Auch Josef Gielens Madama Butterfly aus dem Jahre 1957, immerhin ein paar Monate älter als die Tosca und auch noch auf dem Spielplan, hat es bisher auf über 380 Aufführungen gebracht. Und noch ein Jubiläum gilt es zu erwähnen. In dieser Spielzeit feiert die Wiener Staatsoper ihren 150. Geburtstag.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Somit ist der Besuch einer Aufführung der Tosca in Wien immer auch ein Stück erlebter Zeitgeschichte, in doppelter Bedeutung des Wortes. Denn kaum eine Oper ist so in der Geschichte verankert wie Giacomo Puccinis Tosca. Die Handlung spielt in Rom am 14. Juni 1800. Hier treffen Kirchenstaat und Polizeistaat aufeinander, sind schicksalhaft miteinander verbunden. Aber auch die Kunst, die Freiheit des Gedankengutes, steht im Widerspruch zum despotischen Herrschaftsdenken und kirchlicher Allmacht. Margarethe Wallmanns Personenregie ist der damaligen Zeit entsprechend ganz klassisch angelegt und erzeugt im Beziehungsgeflecht der drei Hauptprotagonisten eine immense Spannung. Toscas flammende Leidenschaft und Eifersucht, Cavaradossis naives Freiheitsdenken und Scarpias Brutalität und seine Bigotterie kommen in dieser Inszenierung richtig gut zur Geltung. Wallmann und Benois setzen auf die emotionale Wirkung von ausdrucksstarken Bildern. Der erste Aufzug spielt ganz klassisch in der Kirche Sant‘ Andrea della Valle. Grandios das Te Deum am Schluss des ersten Aufzuges mit einem Pontifikalamt nebst Schweizer Garde. Hier wird dem musikalischen Verismo-Stil Puccinis ein großes und nachhaltiges Bild zugeführt. Die historisch anmutenden Kostüme von Nicola Benois wirken elegant, insbesondere die große Abendrobe der Tosca im zweiten Aufzug sticht ins Auge. Das Bühnenbild ist pompös, der Palazzo Farnese im zweiten Aufzug höfisch dekadent, das Dach der Engelsburg mit Blick auf den Petersdom im dritten Aufzug perspektivisch gelungen. Man glaubt fast, sich in den Kulissen der Uraufführung der Tosca anno 1900 wiederzufinden. Und die Personenregie konzentriert sich auf die bekannten Gesten und Handlungen, die trotzdem nicht verstaubt wirken, sondern ein klassisch zeitloses Opernerlebnis ermöglichen.

Sängerisch wie musikalisch ist es ein großer Abend für die Staatsoper Wien. Die Sopranistin Kristine Opolais legt die Partie der Tosca dramatisch und theatralisch an, mit leuchtenden Höhen und einem warmen Timbre in der Mittellage. Die Phrasierungen zwischen den dramatischen Ausbrüchen und den Piano-Tönen meistert sie fließend ohne Mühe. Ihre Arie Vissi d’arte singt sie mit großem Pathos, Innigkeit und Verzweiflung. Vittorio Grigolo als Cavaradossi ist ein Belcanto-Tenor, wie man ihn heute nur noch selten hört. Seine schöne Stimme besticht durch ein warmes Timbre und seine leuchtenden und durchdringenden Höhen setzen sich mühelos und ohne Kraftverlust gegen das Fortissimo im Orchester durch. Sein E lucevan le stelle singt er mit ganz großem Gefühl und Ausdruck, so dass das Publikum ihm in Anschluss einen mehr als einminütigen jubelnden Szenenapplaus spendiert. Der Bariton Marco Vratogna gibt den Scarpia mit großem Engagement und schöner, markanter Stimmführung. Er strahlt das dämonische, brutale Element aus, das die bigott-perverse Aura dieser Figur so treffend charakterisiert. Gänsehaut gibt es beim Finale des ersten Aufzuges, wenn er voller Inbrunst das Te Deum gemeinsam mit dem Chor singt. Clemens Unterreiner gibt den Angelotti mit markantem Bariton. Wolfgang Bankl spielt den Mesner mit komödiantischem Witz und kraftvollem Ausdruck. Leonardo Navarro gibt einen verschlagenen Spoletta, und Marcus Pelz als Sciarrone und Ayk Martirossian als Schließer fügen sich solide in das Gesamtensemble ein. Maryam Tahon, ein Kind der Opernschule, singt das Hirtensolo im dritten Akt mit leichtem und hellem Sopran.
Großartig auch das Orchester der Wiener Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Evelino Pidò. Es wird mit großer Leidenschaft musiziert, Pidò trägt die Sänger mit unprätentiösem Dirigat und lässt so den Klangköper aus Orchester, Chor und Sängerensemble zu einer musikalischen Einheit werden. Die Bläser intonieren sauber und präzise, insbesondere auch die Solo-Klarinette. So entfaltet sich der typisch melodische und gleichzeitig gewaltige Puccini-Klang. Der von Martin Schebesta musikalisch sehr gut einstudierte Chor harmoniert bestens, besonders ausdrucksstark natürlich im Te Deum.
Das Publikum, das leider die unangenehme Eigenschaft hat, in die letzten Töne hinein schon los zuklatschen, ist am Schluss begeistert, es gibt großen, langanhaltenden Beifall für alle Protagonisten und Jubel für die drei Hauptakteure und den Dirigenten. Ein Rosenstrauß für Kristine Opolais, von einem Verehrer über den Orchestergraben geworfen, landet prompt auf den Häuptern von zwei Musikern, die dann galant den Strauß nach oben an die Primadonna weiterreichen. Und Vittorio Grigolo ist von seinem Erfolg anscheinend so berauscht, dass er vor Freude wie ein Olympiasieger auf dem Podium herumspringt und die Arme in die Höhe reckt. Aber das passt alles zu einem Abend der großen Gesten und des großen Gesangs in dieser wunderbar historischen Inszenierung. Und ganz ehrlich, so eine schmachtende Opernvorstellung zum Genießen muss auch mal sein. Wünschen wir dieser Inszenierung weiterhin alles Gute, dann gibt es in 40 Jahren anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Premiere die tausendste Vorstellung mit Sängern, die vielleicht heute noch nicht geboren sind.
Andreas H. Hölscher