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FASZINATION WAGNER
(Selcuk Cara)
Besuch am
29. Mai 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Internationale Maifestspiele, Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Die Internationalen Maifestspiele am Hessischen Staatstheater Wiesbaden neigen sich dem Ende zu, nicht ohne zuvor noch mit einem Höhepunkt aufzuwarten. Nicht die große Oper ist es, davon gab es in den vergangenen Wochen genug. Vielmehr steht ein szenisches Konzert mit dem Titel Faszination Wagner auf dem Programm.
Vor drei Jahren erregte Selcuk Cara mit seinem autobiografischen Roman Türke, aber trotzdem intelligent Aufsehen. Darin schildert er seine Erlebnisse als Deutscher, der aufgrund seines Aussehens für einen Türken gehalten wird. Da hat Cara schon seine Karriere als Opernsänger hinter sich. Bis ins Wagner-Fach hat der Bass sich vorgearbeitet. 2014 beendete er seine Bühnenauftritte. Da studierte er bereits zwei Jahre Regie im Masterstudiengang Szenografie mit Schwerpunkt Film.
In Wiesbaden stellt er seine erste eigene Bühnenproduktion vor, die im Oktober vergangenen Jahres am Nationaltheater Prag ihre Uraufführung erlebte. Faszination Wagner erzählt in knapp zweieinhalb Stunden von Siegfried, der kurz vor seinem Tode steht und noch einmal sein Leben Revue passieren lässt. Aus Caras Sicht soll es kein bebildertes Konzert, sondern eine „szenische Reflexion“ sein. Und vor allem soll das Werk Menschen die Musik Wagners näherbringen, die sich nicht erst mal zum Kennenlernen 16 Stunden in den Ring des Nibelungen setzen wollen.
Eröffnet wird der Abend im sehr gut besuchten Wiesbadener Staatstheater mit dem Vorspiel aus Lohengrin. Eine symphonische Fantasie für Violine und Orchester aus Tristan und Isolde vervollständigt den ersten Teil. Im zweiten Teil wird viel gesungen. Da erklingen beispielsweise der Schwertmonolog aus der Walküre, die Schmiedelieder sowie Waldweben und Waldvogel aus Siegfried, aber auch aus der Götterdämmerung Siegfrieds Erzählung, Tod und Trauermarsch. Klar, dass Filmemacher Cara es sich nicht entgehen lässt, die Musik mit selbsthergestellten Video-Sequenzen zu unterlegen. Eines der Hauptmotive ist neben Wasser und Sternenbildern der Wolf. Dazu ist Cara eigens mit einem Team in ein Reservat nach Österreich gereist, um fantastische Bilder von Wölfen einzufangen. Zweieinhalb Monate lang hat er anschließend die Bilder zu Videosequenzen geschnitten. Die Bühne wird auf die Projektion eingerichtet. Ein schwarzer Vorhang begrenzt sie wenige Meter hinter dem Graben, der später allmählich nach oben gezogen wird und so die Projektionsfläche freigibt.

Wer auf szenische Reflexion abzielt, denkt minimalistisch. Und so gibt es beim Lohengrin nichts weiter als die schwarze Fläche und die Musik aus dem Graben. Beim Tristan tritt Lidia Baich als Geigen-Solistin auf die Bühne. Ein buntschillerndes Lamee-Kleid bringt Farbe ins Bild, die Schleppe irritiert. Ansonsten erzielt Cara damit eine so starke Wirkung, dass das rauschende Wasser im Bild eigentlich überflüssig ist. Nach der Pause entsteigt niemand Geringeres als Andreas Schager dem Bühnenunterboden in weißem Hemd und weißer Hose mit gebleichtem Gesicht und ergrauten Haaren die Bühne. Fast sakral möchte man das nennen und bereits an das Leichengewand denken. Im Folgenden bewegt er sich meditativ über die Bühne, immer wieder eingefangen von einem harten Weißlicht-Verfolgerspot. Schager steht für die solide Karriere und die Fähigkeiten des Operndirektors am Theater Krefeld Mönchengladbach. Denn dort hatte der österreichische Tenor sein erstes Festengagement. Das Stadttheater, das Talente entdeckt und fördert, die dort ihr Sprungbrett in die weite Welt finden – so soll es sein. Momentan hat Krefeld Mönchengladbach übrigens mindestens zwei Sängerinnen in petto, denen es ähnlich ergehen könnte. Schager ist inzwischen als Siegfried fest etabliert, nachdem er dieses Jahr an der Metropolitan Opera New York reüssierte. In Wiesbaden zeigt er, warum das so ist.
Vergebens sucht man an diesem Abend am Staatstheater Übertitel. Aber wozu auch? Schager singt wortdeutlich, mit grandiosem Volumen, ohne auch nur bemüht zu erscheinen. Seine Siegfried-Erzählung haut einen um. Dass er dabei seine Bodenhaftung nicht verloren hat, ist nicht nur sympathisch, sondern vermutlich auch der wichtigste Baustein für seine weitere Entwicklung.
Am Pult des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden steht Guillermo Garcia Calvo, der die Solisten nach Möglichkeiten unterstützt.
Nach rauschendem Beifall gibt es noch die Happy-Birthday-Einlage für Cara, der an diesem Tag das erste halbe Jahrhundert vollendet. Und er freut sich gleich doppelt. Denn neben den Geburtstagsfeierlichkeiten, die im Anschluss an die Aufführung Fahrt aufnehmen, sind bereits weitere Aufführungen von Faszination Wagner terminiert.
Michael S. Zerban