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IDOMENEO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
30. April 2019
(Premiere)
Kretas König, knapp der mörderischen See entronnen, trägt einen toten Jungen mit rotem Pullover und blauer Hose zur vorderen Bühne. Erschüttert setzt Idomeneo das Kind am Boden ab. Es ist der berührendste Moment in Uwe Eric Laufenbergs Neuinszenierung von Mozarts Dramma per musica, die sehr vieles will, vielleicht zu viel. Das Bild erinnert an Bilder, die im September 2015 auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsansturms in Europa um die Welt gehen. Der zweijährige syrische Junge Alan Kurdi war nach dem Ertrinken an der Mittelmeerküste der Türkei angeschwemmt worden. Die Szene extremer Ernsthaftigkeit lässt sich als prototypisch für den Ansatz des Intendanten und Regisseurs verstehen, die inneren wie äußeren Räume der politischen Macht auszuleuchten. Aufgezeigt werden sollen die destruktiven Wirkungen politischer Entscheidungen, von Kriegen, humanitären Katastrophen, Flucht und Vertreibung.
In der Tragédie lyrique, die das junge Salzburger Genie 1781 als Auftragswerk für München auf ein Libretto Giambattista Varescos zuvor komponiert, sind es Machtkämpfe nach Beendigung des mythischen Krieges um Troja. Zugleich dienen die Schrecknisse Laufenberg als Folie für seine Ambition, die heutigen Kriege in das Zentrum der Wahrnehmung zu rücken. Eine zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden äußerst fordernde Haltung, die durch das zumindest höchst originelle Konzept noch getoppt wird. Auf Idomeneo, die Festivalpremiere, folgt anderntags der Seria-Zwilling La Clemenca di Tito, jeweils mit derselben Besetzung in der Titelrolle. Mirko Roschkowski ist es an den ersten beiden Abenden. Thomas Blondelle ist für die Folgevorstellungen verpflichtet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Seine mit dem Frühklassik-Spezialisten Konrad Junghänel entwickelte Idee des Mozart-Doppelprojekts liegt Laufenberg so sehr am Herzen, dass zwei Stunden vor Beginn der Aufführung ein Pressegespräch in einem Seitenraum des Hochbarockfoyers im Hessischen Staatstheater Wiesbaden anberaumt ist. Es habe ihn gereizt, erläutert er, die beiden Seria in den sieben großen Opern im Werkverzeichnis Mozarts, eben Idomeneo und Titus, in einen dramaturgischen und musikstrukturellen Zusammenhang zu bringen. Das Werk hat, beginnend schon mit Mozart und endend bei Richard Strauss, allerlei Bearbeitungen erlebt. Der Wiesbadener Produktion liegt allerdings keine prinzipielle Entscheidung für eine bestimmte Fassung zugrunde, etwa für die Münchner oder die Wiener. Der Part des Arbace, Vertrauter des Königs, ist samt seinen beiden Arien komplett gestrichen. Lediglich ein Teil seiner Rezitative ist dem Oberpriester, dem Gran Sacerdote, zugesellt. Hingegen ist Elettras furiose Wahnsinnsarie im dritten Akt, die Mozart für die Uraufführung streichen musste, erhalten und ein Highlight auch dann der Aufführung. Wem es vergönnt ist, beide Aufführungen zu erleben, wird so indirekt eingeladen, Gesangsnummern, Arien, Ensembles, Rezitative in ihrer Unterschiedlichkeit wie übergreifenden Gemeinsamkeit zu erkennen. Da ist für ein Festival, das auch Frühlingsgefühle atmen will, die Latte schon recht hoch gelegt.
Während in Titus der Machtverlust des Herrschers und seine innere Wandlung als Folge interner Intrigen gezeigt werden, thematisiert Idomeneo die Ohnmacht des Imperators in Gestalt des obersten Atriden unter dem Druck einer externen Krise. Thrones in Games, um es mal auf eine griffige Formel von heute zu bringen. Um einen von Poseidon angezettelten Sturm zu überleben, gibt der als Held aus dem Krieg um Troja nach Kreta heimgekehrte König dem Gott das Gelübde ab, ihm den ersten Menschen zu opfern, der ihm am Gestade begegnet. Dieser erste ist Idamante, sein Sohn. Was sich aus dieser klassischen Tragödie der Antike zur Musik Mozarts in einer unvergleichlichen Mischung aus spätbarocken Anleihen, französischen Stilelementen und Italianità auffaltet, ist die Verführung des Publikums zu einem Diskurs über Macht und Herrschaft. Mozarts Botschaft von Aufklärung und Humanität muss ja in jeder „vor- oder nachzivilisatorischen Epoche“, betont Laufenberg, neu zur Geltung gebracht werden. Schaut man in die Zentren der Autokraten heute, ist die Läuterung nach dem Muster Idomeneos den Herrschenden weitgehend fremd. Nach der Lösung des Konflikts um die zugesagte Opferung Idamantes gibt der kretische Herrscher auf Geheiß der Götter die Macht an seinen Sohn ab. Um mit dem letzten Satz seines Schlussrezitativs zu resümieren: O me felice – Oh, ich Glücklicher.

Für das Mozart-Doppel hat sich Laufenberg wie beim Wiesbadener Tannhäuser der Mitarbeit des Ausstattertandems Rolf und Marianne Glittenberg versichert. Idomeneos faktische wie seelische Odyssee spielt in einem undefinierten Einheitsraum, der phasenweise mit Billigstühlen von heute möbliert ist. Je nach Stimmungslage werden sie aufgestellt oder umgestoßen. Allein der Hintergrund einer Reihe von Torbögen, die den Blick auf die See oder einen Sonnenball erlauben, nimmt Bezug auf den historischen Kontext. Unterschiedliches Licht von Andreas Frank schafft Effekte, die mit den Affekten der Protagonisten Wechselspiele eingehen. Während der Ouvertüre ruft ein per Video auf einen Vorhang projiziertes imperiales Treppenhaus die Vorstellung jenes königlichen Palastes hervor, in dem laut Originalvorlage der erste Akt spielt. Roschkowski alias Idomeneo, gewandet in einen noblen Zweireiher, eilt hier wie in einer Show des Unterhaltungsfernsehens die Stufen mal hinauf, mal hinab, immer wieder nichts- und somit vielsagend den Blick in Richtung Publikum wendend. Ist hier ein Machthaber auf der Suche nach seinem Zentrum? Seiner Zukunft? Es lässt sich erahnen, welche Rolle diese Treppe in La Clemenca di Tito virtuell oder faktisch spielen wird, wenn sich die Verräter auf den Weg zum Thron machen werden.
Die Kostüme Marianne Glittenbergs scheinen keinerlei Grundmuster zu folgen. Idomeneo bewegt sich überwiegend in einer schwarzen Ledermontur, Idamante in einem Glitzeranzug, der das kleine Genderspiel unterstreicht, das ja stets mit der Besetzung dieser Rolle verbunden ist. Der übrigens prächtig agierende Chor des Staatstheaters Wiesbaden in der Einstudierung von Albert Horne erlaubt die vermutlich überzogene Assoziation einer interkulturellen Gesellschaft. Immerhin sind die Accessoires so verteilt, dass die Kreter von ihren Sklaven, den Trojanern, unterscheidbar werden. Wirklich notwendig ist das ohnehin nicht, weil Idamante in tiefster Liebe zu Ilia den Gefangenen die Freiheit schenkt. Die Opulenz, die insbesondere die Referenzinszenierung Jean-Pierre Ponnelles im Rahmen seines Mozart-Zyklus bestimmt, gibt es diesmal nicht, nirgends. So passt es ins Unprätentiöse, dass die kretische Königskrone unter Kleiderlumpen am Boden gefunden wird.
Die Inszenierung Laufenbergs schafft es nicht, über die Strecke der drei Akte die Spannung zu halten, die der Musik bis hin zu ihren gekonnt inszenierten Pausen – Mozarts „Stille zwischen den Noten“ gibt das Motto der Festspiele 2019 vor – zu eigen ist. Manches ist simples Aktionstheater. Volk, Gefangene laufen mal von links, mal von rechts über die Bühne. Leichen werden in den goldgelben Folien heutiger Rettungseinsätze hinein- und dann wieder hinausgetragen. Hingegen gelingen ihm mit der Personenregie einige Effekte, die die psychologischen Reviere der inneren Kämpfe packend nach außen tragen. So exemplarisch beim grandiosen Quartett Soffrir più non se può, allein musikalisch ein eigener Kosmos. Elettra, die Außenseiterin, die ihre Rache, Leidenschaft, Verletzlichkeit ungehemmt deklamiert, ist mal am Rande postiert, dann in der Mitte, wie von Idomeneo, Idamante und Ilia fürsorglich aufgenommen.
Ein Lieto fine hat – keine Überraschung – in der Sicht Laufenbergs keine Chance. Drastische Abweichungen vom Libretto sind bei Idomeneo ohnehin keine Seltenheit. So ist in Peter Konwitschnys Heidelberger Inszenierung im vergangenen Jahr am Ende der Theaterboden mit den Leichen aller Protagonisten übersäht. In Wiesbaden stirbt Elettra, sich den Dolch gebend, einen effektvollen Bühnentod, was zwar im Libretto angedeutet, aber üblicherweise nicht ausgespielt wird. Rasselnd fährt der Altar mit ihrer Gestalt in die Tiefe. Selbst Idomeneo verliert die letzte Contenance. Nachdem Idamante das Tod verheißende Ungeheuer vernichtet und sich bereit erklärt hat, Idomeneos Opferlamm zu sein, ist dieser nicht nur willens, das zu akzeptieren. Bewaffnet mit einem Dolch, schickt der Herrscher sich persönlich an, die Tat mit den eigenen Händen zu vollziehen, ehe die Stimme des Orakels, mächtig interpretiert von Young Doo Park, interveniert.
Der Einsatz des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden im Mozart-Doppel ist dank der gerade erforderlichen, quasi erweiterten Kammerbesetzung verblüffend einfach gelöst: durch Halbierung. Junghänel, gelernter Lautenist, schickt mit energischem Dirigat und großem Gefühl für die Abstimmung zwischen Bühne und Graben die Musiker auf eine stilvolle und stiladäquate Reise durch das Filigrane und Aristokratische der Partitur. Es ist verblüffend zu hören und eine wahre Ohrenwonne, wie die Holzbläser die lyrischen Kantilenen der Ilia und die Streicher per Pizzicati die anstehenden Ausbrüche Elettras vorwegnehmen. Großes Mozart-Glück mit einer Persönlichkeit am Pult, die sichtlich darin aufgeht, ihren Wiesbadener Mozart-Zyklus fortsetzen zu können.
Sängerisch zeugt das Ganze von bemerkenswerter Festspielkultur. Roschkowski ist bei seinem Rollendebüt ein Idomeneo der Vehemenz, der sein Publikum insbesondere in den Phasen des Zauderns, der Zerrissenheit, der Klage zu packen versteht. Der Tenor, gerade erst in Bonn ebenfalls als Rollendebütant ein gefeierter Lohengrin, verfügt bei wenig ausgeprägtem Timbre über Ausstrahlung und Melos. Der Part des kretischen Königs anders als der des römischen Imperators ist durchaus rau. So gesehen, ist Roschkowski ein adäquater Interpret der Rolle. Der Schmelz allerdings, den die Figur durchaus verträgt, etwa im Werben um seinen Sohn, ist seine Sache nicht, vielleicht noch nicht. Ob sich hier ein junger Sänger auf die zu den Gipfeln führende Reise zu den großen Mozart-Partien macht, wird abzuwarten sein.
Wie schon 2014 in der Gießener Idomeneo-Produktion ist der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim ein hinreißender Idamante. Seine technisch großartig geführte Stimme schafft jede Höhe mühelos. Kims Bandbreite an vokalen Ausdrucksmitteln, an emotionaler Dichte scheint noch ausgeprägter, ausgereifter. Wunderbar harmoniert der Counter zudem mit Slavka Zamecnikova als Ilia, die ihr Hausdebüt gibt. Ihr lyrischer Sopran und ihre famosen Koloraturen profilieren die Rolle der trojanischen Sklavin in bester Mozart-Manier. Übertrumpft – jedenfalls für das Empfinden des Publikums – wird sie von der Elettra Netta Ors, die die unendliche Gefühlsklaviatur der Tochter Agamemmons – flammende Rache, aufbrausender Stolz, wilde Eifersucht – famos zu artikulieren versteht. Orr nutzt die Gunst der Stunde und kämpft mit allem, was sie aufzubieten hat, inklusive eines unvermittelt entblößten Busens im dritten Akt, um ihre Liebe zu Idamante und eine elektrisierende Interpretation ihrer Rolle. Nicht zuletzt imponiert der Tenor Rouwen Huther als Oberpriester.
Alle Akteure einschließlich des Regieteams genießen weidlich den anhaltenden Jubel des Publikums. Stunden vorher hat Laufenberg von seinem Traum erzählt: Mozarts Top sieben innerhalb von sieben Tagen im Staatstheater präsentieren zu wollen. Ein Traum, der nach dieser Eröffnungspremiere nicht Utopie bleiben muss.
Ralf Siepmann