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Beim Betreten des Zuschauerraumes empfängt die Premierenbesucher der Blick auf die fast leergeräumte Hauptbühne. Vom Schnürboden herab hängen in einer Diagonale aus der Bühnentiefe bis unter die Decke des Proszeniums sternförmige Scheinwerfer. Im Hintergrund deuten – kenntlich an ihrer Berufskleidung – zwei junge Frauen einen Straßenstrich an. In der Bühnenmitte liegt die Leiche einer Berufskollegin, Manon. Kein Zweifel, es handelt sich um die Tristesse der Ausfallstraße, an deren Rand sie starb.
Kaum ist das Licht im Auditorium erloschen, betritt Hausherr Uwe Eric Laufenberg die Bühne. Regisseur Bernd Mottl und Cristina Pasaroiu, die Protagonistin des Abends, lassen ansagen, wenn Letztere das Bein nachziehe, hänge das nicht mit der Inszenierung zusammen. Rasch ersetzt Hochachtung die im Publikum der ausverkauften Vorstellung zunächst aufkommende Heiterkeit, als es erfährt, die Sopranistin habe sich zu Probenbeginn den Fuß gebrochen. Der Bruch sei von Wiesbadener Spezialisten genagelt worden. Der herzliche Applaus gilt gleichermaßen der couragierten Sängerdarstellerin wie den anwesenden Ärzten.
Kräftig karikierend streicht Mottl in den Genreszenen das Milieu der Pariser Halbwelt heraus. Lebemänner, Ganoven und Kokotten bedenkt der Regisseur mit geradezu revuemäßig pointierten Auftritten. Für Manon bedeutet die Klosterzelle keine Option. Luxus, Amüsement und Libertinage sollen den Lebenshunger stillen. So aufrichtig sie den jungen Des Grieux liebt, Manon realisiert rasch die Chancenlosigkeit der Beziehung. Als sie sich dennoch darauf einlässt, hat sie ausgespielt. Mottl verlangt der Titelfigur vollen und musikalisch bis ins letzte Detail nuancierten Körpereinsatz ab. Der reicht vom Augenaufschlag, mit dem sie Des Grieux bedenkt, über verliebte Balgereien, den Auftritt als Maitresse von Format, bis zu der Art, wie sie die Hasardeure in der Spielhölle im Vorbeigehen sinnlich streift und in die Verlorenheit des Sterbenmüssens. Manons Unglück heißt Des Grieux, der ein zwar sympathischer, aber arg schwacher Charakter ist. Eben in erster Linie von Beruf Sohn. Mottl nimmt ihn nicht ernst. Unreif wie ein Schuljunge eilt Des Grieux im ersten Akt zum Bus, später versteckt sich der attraktive Priesteramtskandidat vor den zudringlichen Frömmlerinnen im Spind der Sakristei. Wiederholt rettet ihn der von Mottl mit archaischer Wucht gezeichnete Vater aus der Bredouille. Auf Kosten Manons.
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Das Schlussbild zeigt die Titelfigur als geschändete Frau. Wie die anderen Delinquentinnen bieten die Gefängniswärter sie zahlungswilligen Kunden zur Vergewaltigung an. Später werden die Zwangsprostituierten als Exportware in einen Container verladen. Final verliert hier Mottl Massenet aus den Augen, um viel eher Puccinis Manon Lescaut in Szene zu setzen.
Bühne und Kostüme verantwortet Friedrich Eggert. Die verlassen daliegende Ausfallstraße verwandelt sich durch optisch reizvoll fokussierte Raumsegmente in einen Busbahnhof, dessen Betonträger und Neonröhren die architektonische Tristesse der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts ästhetisieren, eine Mansarde für Des Grieux‘ Behausung, zu der für La Bohème allein die Atelierfenster fehlen, eine Sakristei aus dem Bilderbuch, ein illegales Casino, in dem trotz Ventilatoren die Luft zu stehen scheint. Der Schlussakt überzeugt durch raumgreifende Leere unter den Hängelaternen. Im Hintergrund wartet der Container für die Zwangsprostituierten.

Durch farbenfrohe Stangengarderobe versucht bei Eggert selbst das Kleinbürgertum aus den ersten Jahrzehnten nach dem letzten Weltkrieg an der Spaßgesellschaft teilzuhaben, während die Halbwelt – unfreiwillig – jeden besseren Geschmack parodiert. Kostümlich vollzieht Eggert die Stationen von Manons Leben präzise nach. Anfangs ins züchtig graue Kleid gehüllt, fällt doch bereits das Rosa von Haarband und Schnürsenkeln auf. Fortschreitend dominieren Pink- und Rottöne. Bis am Ende ein knallgelbes Oberteil hinzu kommt. Taillierung und Kürze der Kleider und Röcke dokumentieren zudem Manons jeweilige Lebensumstände.
Den von Albert Horne einstudierten Chor des Hessischen Staatstheaters zeichnen Anmut und Transparenz aus.
Jochen Rieder gestaltet mit dem Hessischen Staatsorchester ein Klangbild, dessen empfindsame Grundierung nie ins Schmalzige abgleitet. Wie avanciert Massenet die Spielhölle orchestriert hat, dräut aus dem Graben. Fast vermutet der Hörer sich vor Neidhöhle. Die Ensembleszenen sind bestens tariert.
Cristina Pasaroiu ist Manon. Das Pensionatsgänschen, bald darauf den verliebten Backfisch, später das sich prostituierende Luxusgeschöpf, schließlich die Todbereite beglaubigt Pasaroiu stimmlich wie darstellerisch jeweils passgenau fokussiert. Stilsicher spannt sie Bögen, die von berückenden Piani bis zu emotional packenden Ausbrüchen reichen. Die virtuos, doch ohne jede Gefallsucht vorgetragenen Koloraturen fügen sich wie selbstverständlich ins Rollenporträt. Ioan Hotea als Des Grieux bewegt sich elegant und zugleich leidenschaftlich durch die hohen Lagen seiner Partie. Um sich dorthin aufzuschwingen, vernachlässigt er die Legatokultur. Der Lescaut von Christopher Bolduc ist ein wenig eng geführt. Florian Kontschak weiß Des Grieux‘ Vater mit autoritärem Bass Geltung zu verschaffen. Erik Biegel als Guillot-Morfontaine formiert mit Shira Patchornik als Poussette, Stella An als Javotte und Silvia Hauer als Rosette eine stets aufgekratzte Spaßtruppe.
Das Publikum feiert die Produktion samt ihrer tapferen Protagonistin mit zahlreichen bravi. Erst als Cristina Pasaroiu die Ovationen entgegennimmt, gestattet sie sich, ihre Beeinträchtigung beim Gehen nicht länger zu überspielen.
Michael Kaminski