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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
29. September 2018
(Premiere)
Dieses Ausrufezeichen muss einfach am Anfang stehen. Wann ist zuletzt eine Neuproduktion in einem deutschen Musiktheater mit Bravo-Rufen und ekstatischem Jubel für die Inszenierung gefeiert worden? Eine Neuproduktion zumal an der Schnittstelle von Regie- und konventionellem Theater. Eben das ist Bernd Mottl und seinem Regieteam mit einer klugen, detailliert durchgearbeiteten und weitgehend schlüssigen Inszenierung von Richard Wagners „großer komischer Oper“ am Wiesbadener Staatstheater gelungen. So apostrophiert Wagner seine Meistersinger noch in seinem zweiten Prosaentwurf. „Groß“ lässt sich Mottls Regiekonzept durchaus nennen, weil er den Gegensatz zwischen dem althergebrachten Spießbürgertum und der Anarchie des Neuen mit der ganzen Wucht eines lebendigen Gestaltungsgeistes zur Geltung bringt. Und „komisch“ ist Mottls Handschrift allemal, weil der Regisseur Wagners feines Gespür für Ironie, Parodie, Humor und die Abgründigkeit des Melancholischen in einer unterhaltsamen, theaterwirksamen Manier zum Funkeln bringt, die das Publikum immer packt, zumeist erheitert.
Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, hat sich in einer kürzlich ausgestrahlten TV-Dokumentation über die Geschichte des Münchner Nationaltheaters hinter alle Ambitionen gestellt, mit der Opernregie neue Wege für die alte Kunstform zu finden. Eine Oper, sagt Bachler, deren Inszenierung nicht wenigstens von einem Aspekt unserer heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse ausgehe, „ist verschenkt“. Den „einen Aspekt“ macht Mottl in Wagners Antagonismus von Jung und Alt, von Tradition und Erneuerung, von Pioniergeist und Überforderung fest. Seine Meistersinger-Inszenierung bezieht ihre blühende Vitalität und bitterböse Komik aus dem unterstellten Zustand einer Gesellschaft, die mit der wachsenden Überalterung zugleich ihre Überforderung durch die Ausbreitung junger Fortschrittstechnologien erlebt. Die Alten werden abgehängt und von den Jungen tendenziell verdrängt, die nicht nur neue Regeln in der Kunst verlangen, sondern für das Leben überhaupt. Für diese Dichotomie „zwischen galoppierendem Fortschritt und der Verherrlichung des Damals“ stehen einmal Alteneinrichtungen, in denen die Meistersinger-Zunft ihrem physischen und gesellschaftlichen Ende entgegendämmert, andererseits die digitalen Werkzeuge der Jungen. Ihre Smartphone-getränkte Euphorie im Finale ist allerdings noch keine Antwort auf die Frage, ob die ersehnte Demokratie gegen die Dominanz der globalen Datenkonzerne behauptet werden kann.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es versteht sich von selbst, dass die Katharinenkirche, in die Wagner die erste Begegnung des Ritters Walther und des Bürgermädchens Eva hineinkomponiert hat, in Friedrich Eggerts Bühnenbild keine Chance hat. Eggert, der auch für die fantasievollen Kostüme der spätmittelalterlichen Gesellschaft wie des Jungvolks in Rocker- und Gothic-Outfit verantwortlich zeichnet, hat sich für die Bilder eins bis drei eine fränkische Schankwirtschaft im Stil der Nachkriegszeit einfallen lassen. Rustikales Eichenholz in allen Varianten beherrscht die Szenerie im „Alt Nürnberg“. Gemerk und Singstuhl sind zunächst hinter einem Vorhang verborgen. Hinter dem Tresen zapft David Bier. Er und Magdalene säubern die Tische. Die Lehrbuben tollen durch den Raum. Später spielen sie Karten. Am Flipperautomaten schlägt ein kräftiges Mannsbild die Zeit tot. Einen guten Aufzug später entpuppt sich Tuncay Kurtoğlu als Amtsperson in Gestalt des Nachwächters, auch als Sänger von Gewicht.
Passend zum Grundton des Generationenkonflikts erobert Walther im Dress eines Motorradfahrers die Szene. Der junge Rebell, so auch äußerlich der Antipode zur Ständegesellschaft im Niedergang, hält sich nicht lange mit den Benimmregeln von gestern auf. Die Chuzpe des Halbstarken kommt bei Eva glänzend an. Ungeniert nähern sich Walther und Eva, tauschen intensive Küsse. Eva drängt es gar mit ihrem Galan in einen Seitenbereich der Gaststätte. So rasch wie möglich möchten beide erleben, was sie später ihrem Gönner und Förderer Sachs in der Schusterschube zumuten: die Zweisamkeit im Bett.

Das von David ausgiebig gezeigte Schild „Geschlossene Gesellschaft“ nimmt die böse Ahnung vorweg. Der Zug der Meistersinger, der sich in die Singschule bewegt, ist eine Ansammlung von Gicht- und Parkinson-Kranken, Übergewichtigen, Gehbehinderten und potenziellen Schlaganfallopfern. Besonders betroffen zeigt sich Veit Pogner mit einer rollenden Gehhilfe; seine tiefschwarze Sonnenbrille weist ihn zudem als blind aus. Wie es um die Elite der Handwerker bei Mottl steht, wird zum Ende des Aufzugs deutlich. Da übernehmen die Lehrlinge, jetzt Pflegekräfte, das Kommando. Praktischerweise liegt das Altenheim gleich neben der Schankstube. Die Entautorisierung der alten Meister, der rote Faden in Wagners Satyrspiel von der Einheit von Kunst, Politik und Leben, hat ihr Bild gefunden. Auch die öffentliche wie die private Perspektive von Hans Sachs scheint ohne Zukunft. In seinem Zuhause mit Schrank, Kühlschrank, Fahrstuhl und Schallplattensammlung hat sich der Schuster ein Bett auf Rollen installieren lassen, das sich sinnigerweise für Betreuung und Pflege eignet, was auch gleich unter Beweis gestellt wird.
Es ist das Geschehen in der Schusterstube, in dem Mottl die besten Momente seiner Deutung gelingen. Ergreifend der einsame Sachs, der per Diaprojektor Bilder seines Lebens an sich vorbei ziehen lässt. Es sind die letzten bitteren Stationen des Niedergangs eines gut situierten Bürgers, der Abschied von der Frau, die ihm genommen, die Distanz zu den irgendwie verlorenen Kindern, die Schließung seines einst florierenden Ladens, der Abriss des Gebäudes. Wunderbar ausgespielt der Wechsel von Distanz und Nähe, den Sachs gleich zweimal durchmacht, einmal mit Eva, die er ziehen lassen, zum anderen mit Walther, den er für die Durchsetzung seiner politischen Interessen gewinnen muss. Hier zeigt sich Mottls Fähigkeit zur bis ins Detail durchgearbeiteten Personenregie mit situativen Einfällen, die punktgenau zu Wagners Text auch visuell funktionieren.
Kein Nachteil dürfte dabei der Umstand sein, dass die ironischen Seitenhiebe gegen die Spießbürger besser gelingen als die nicht immer zwingenden Querverweise auf die Zeitzeugen der digitalen Gegenwart, wofür etwa Evchens von Zalando gelieferte Schuhparade steht und das Selfies-Gestöber auf der Festwiese. Apropos „Gestöber“: Die nächtliche Prügelszene – Myriam Lifka wirkt an der Choreografie mit – und die Jubelstürme beim abschließenden Johannisfest illustrieren noch einmal den Riss, der durch die Generationen geht. Ganz im Zeichen der Jungen die Raufereien im Dunkel der Nacht, geprägt von den traditionellen Formen das Schlussbild im C‑Dur der Wagnerschen Utopie.
Christian Thielemann stellt in seinem Wagner-Buch die Meistersinger unter die „Zauberworte“ Atmosphäre und Poesie. „Wie schaffe ich es als Dirigent“, führt er fragend aus, „diese Musik in ihren Überzeichnungen und Parodien assoziativ glitzern zu lassen – und ihr gleichzeitig Autorität zu verleihen?“ Das keineswegs übermächtig besetzte Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der kollegial-gewinnenden Leitung Patrick Langes liefert eine jederzeit hörenswerte Antwort, die die notwendige knifflige Balance zwischen höchsten Lautstärkepegeln und den leisesten Zwischentönen findet. Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters, einstudiert von Albert Horne, präsentieren sich in adäquater Form.
Wäre das Quintett in der Schusterstube, ein polyphones Meisterstück, ein Gradmesser für die sängerische Qualität des Ganzen, so wäre auch die Gesamtleistung des Sängerensembles durchaus preiswürdig, bei geringen Einschränkungen. Oliver Zwarg ist spielerisch wie in der vokalinterpretatorischen Durchdringung seiner Marathonrolle ein ungemein präsenter Sachs. Marco Jentzsch verlegt sich als Walther von Stolzing stärker auf das Heroische seiner Rolle, das im Aufbegehren des Junkers ja auch angelegt ist. Das Lyrisch-Schmelzende dagegen, das in Glücksmomenten der Bühne auf den Parnass des Singens führen kann, kommt zu kurz. Betsy Horne überzeugt als Eva mit ihrer Unbekümmertheit und Frische als naives Bürgermädchen, das im Verlauf der Handlung einen Reifeprozess absolviert. Margarete Joswigs Magdalene, im ersten Aufzug unvorteilhaft auf jung getrimmt, gewinnt als Sängerdarstellerin nach und nach Kontur. Eine der erfreulichen Besetzungen ist der David Erik Biegels. Mit seinem hellen, schelmisch blitzenden Tenor dürfte er manchen an den jungen Peter Schreier in dieser Rolle erinnern.
Im Gros der insgesamt mimisch und vokal trefflichen Meistersinger ragen Young Doo Park als Veit Pogner sowie Benjamin Russell als Fritz Kothner heraus. Daniel Carison offeriert mit der Art, wie er den Hermann Ortel zeichnet, eine Sonderbegabung. Last not least ist der Sixtus Beckmesser, diese Parodie des beflissenen, bildungsbürgerlichen Papiergelehrten, bei Thomas de Vries in den besten Händen. Er erheitert mit gleichbleibend gesanglicher Linie in den sanguinen Passagen, berührt in der Melancholie seiner Niederlage in der Kunst und nicht zuletzt bei Evchen. Ein starkes Rollendebüt! Sitz und Länge der Haare dieses Stadtschreibers sind übrigens dem Standardbild Richard Wagners nachempfunden. Vielleicht eine ironische Kommentierung Mottls mancher tendenziöser Meistersinger-Inszenierungen der letzten Jahre, in denen der Legende vom Beckmesser als Karikatur des Juden nachgeeifert worden ist. Viel zu erzählen und noch mehr zu diskutieren nach einem Opernabend, dem nur noch eine verheißungsvolle Spielzeit folgen kann.
Ralf Siepmann