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Terzett der Vervollkommnung

ADINA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
17. Juli 2022
(Premiere am 24. Juni 2022 in Krakau)

 

Rossini in Wildbad, Kurtheater, Bad Wildbad

Unter einer farsa ist eine spezielle italie­nische Variante der Komödie zu verstehen. Sie bereitet ihrem Publikum einen zauber­haften Spaß, ohne ihre Protago­nisten vorzu­führen. In der Oper vor und nach 1800 hilft die Variante der Opera buffa ohne Chor jungen Kompo­nisten, Impre­sarios ihr Talent zu beweisen. Der an seinem Durch­bruch arbei­tende Rossini ist von dieser Option so angetan, dass er allein fünf davon schreibt, ehe er mit Tancredi, seiner ersten Opera seria, 1813 in Venedig seinen wirklichen Durch­bruch schafft.

Adina, die Farsa semiseria, die Rossini 1818 kompo­niert, hat mit ihrem Zwillings­format wenig zu tun. Sie ist eh ein Sonderfall, nicht allein, da sie einen Chor und ein großes Orchester vorsieht. Der Einakter, in Auftrag gegeben mutmaßlich von einem Mäzen, der seiner Geliebten, einer Sopra­nistin am Teatro São Carlos in Lissabon, imponieren und unerkannt bleiben will, erlebt erst 1826 seine Urauf­führung in der Metropole Portugals. Der Komödie mit dem Libretto von Marchese Gherardo Bevil­acqua-Aldobrandini, der sich an Felice Romanis Textbuch Il califo e la schieva für den Kompo­nisten Francesco Basili orien­tiert, bei Rossini in Wildbad eine neuer­liche Chance zu geben, ist ein Anerkennung erhei­schendes Verdienst von Festival-Berater Reto Müller und Intendant Jochen Schön­leber. Letzterer verant­wortet auch die Regie.

Adina, eine von drei Opern, mit denen bei Wildbad ´22 exponierte Frauen in das Zentrum des Geschehens gerückt werden, variiert ein Sujet, das insbe­sondere aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Entführung aus dem Serail bekannt ist. Entfernt erinnert es an die Komische Oper Der Barbier von Bagdad von Peter Cornelius aus dem Jahr 1858. Fünfzehn Jahre nach dem Verlust seiner Geliebten Zora lernt der Kalif von Bagdad die junge schöne Sklavin Adina kennen und lieben. Sie erinnert ihn an Zora. Obwohl Adina bereits in den jungen Araber Selimo verliebt ist, vermag er sie zur Heirat zu überreden, Selimo, der sich als Gehilfe des Gärtners Mustafà ausgibt, will sich damit nicht abfinden. Er überredet sie zur Flucht mit einem Boot. Das Gestade, von dem die beiden aufbrechen wollen, ist voller Soldaten. Sie nehmen das Liebespaar und ihren Unter­stützer fest. Adina bittet den Kalifen um Gnade für Selimo. Dabei entdeckt der ein Halsband mit einer Abbildung, das sie als seine eigene Tochter ausweist. Die von allerlei Schrecken überwölbte Handlung – eben semiseria – mündet in ein Lieto fine, das Rossini in einem Finale mit der glück­lichen Adina im Zentrum feiert.

Foto © Patrick Pfeiffer

Schön­lebers Insze­nierung, die rund drei Wochen zuvor ihre Premiere beim Royal Opera Festival in Krakau erlebt, ist räumlich auf die Verhält­nisse im reizvollen, aber beengten Wildbader Kurtheater zugeschnitten, was bei begrenzter Dekoration ein durchaus respek­tables Ergebnis hervor­bringt. Die Grundidee der Umsetzung des Serail-Ambiente in Schön­lebers Regie­konzept besteht in der Verla­gerung der Szenerie in ein Land Südame­rikas. So soll, wie es in einem Interview im Programmheft heißt, den Orient­kli­schees entronnen werden. Erster Protagonist ist nun in der Rolle des Califo ein unifor­mierter Herrscher oder auch General mit Sonnen­brille, der an den maximo lider Fidel Castro erinnert.

Schön­leber zeichnet ihn als „einem ziemlich von sich selbst einge­nom­menen älteren Macho“, was Emmanuel Franco überhaupt nicht daran hindert, dieses Rollen­ge­schenk mit polterndem Spielwitz, gelegentlich drasti­scher Mimik und seinem robusten Bariton voll anzunehmen. Die Erdbeeren, die Adina laut Textbuch für den geliebten Kalifen gepflückt hat, wachsen natürlich auch in Südamerika. Sie eignen sich zudem in Gestalt von Leuchten als Decken­schmuck, was dem gewollten unprä­ten­tiösen Erschei­nungsbild noch einmal Aufwind verleiht. Soweit das von einem seitlichen Platz auf dem Balkon mit einge­schränkter Sicht­mög­lichkeit erkennbar ist, begnügt sich die Ausstattung mit beschei­denem Mobiliar. Einige Stuhl­reihen, ein Bett und einige Acces­soires lassen darauf schließen, ob es sich um das Innere der Staats­macht oder das Zimmer Adinas handelt.

Hierhin verschafft sich auch eine Presse­meute auf der Jagd nach intimen Hochzeits­fotos Zugang. Der Philhar­mo­nische Chor Krakau, von Marcin Wrobel bestens vorbe­reitet, hat in dieser Szene wie in der Intro­duktion und dem Finale darstel­le­risch wie musika­lisch prächtige Auftritte.

Links und rechts an den Seiten­wänden des Bühnen­raums prangt ein Foto des Herrschers alias Kalifen. Es dient auch als Projek­ti­ons­fläche für die Gefühle der jungen Frau, die je nach Stimmungslage den Porträ­tierten mit dem Lippen­stift traktiert oder umschmei­chelt. Cennet Aydogan, für die Kostüme verant­wortlich, lässt Adina anfänglich in einen weiß-beige­far­benen Morgenrock unterwegs sein, den sie im Finale in ein rot-weiß gepunk­tetes Kleid tauscht. Dieses Momentum greift indirekt wieder das irgendwie kindliche Stilmittel der Erdbeeren auf, dem sich am Ende auch der Kalif nicht entziehen kann, als er in Adina seine Tochter erkennen und auf sie als poten­zi­eller Ehemann verzichten muss. Selimo agiert im Anzug, die Reise­tasche in der Hand wie jemand auf der Flucht, die er ja auch am liebsten antreten würde. Zusammen mit Adina, die zum Aufbruch zu nötigen er keinerlei Skrupel hat.

Rossini ist 1818, als ihn der Auftrag des unbekannten Mäzens erreicht, mit verschie­denen Projekten ausge­lastet, so der Kompo­sition und Organi­sation einer neuen Oper für seine Heimat­stadt Pesaro. Eine Ouvertüre fehlt, da sie angeblich vertraglich nicht vereinbart ist. Reto Müller weist in einem Beitrag für das Programmheft zu Adina nach, Rossini habe für die farsa lediglich die Schlüs­sel­szenen, so das pracht­volle Quartett Nel lasciarti, o caro albergo und das perlende Finale mit dem Schluss­rondo, kompo­niert. Die weiteren Nummern stammten aus Anleihen an eigene Kompo­si­tionen, quasi Plagiate in eigener Sache, sowie aus Beiträgen eines unbekannten Mitar­beiters. Der fließenden Abfolge der neun Nummern, die das Philhar­mo­nische Orchester Krakau unter dem Dirigenten Luciano Acocella mit hohem Gespür für Rossinis Crescendi und Pirou­etten großartig meistert, tut das aller­dings keinerlei Abbruch.

Foto © Patrick Pfeiffer

Wenn die Krakauer und Wildbader Adina irgendwann Opern­ge­schichte schreiben sollte, dann nicht primär wegen ihrer Errettung aus einem tiefen Bühnen­schlaf. Vielmehr wegen einer kompo­si­to­ri­schen heutigen Ergänzung, die ihr den selbst gewählten Status einer Modernen Erstauf­führung einbringt. Causa speciale ist ein ursprünglich vorge­se­henes Terzett, das das Wieder­sehen Adinas mit dem verschollen geglaubten Selimo durch Vermittlung Mustafas thema­ti­siert. Es fehlt aller­dings in der Partitur, die an den Mäzen übergeben wird.

In der Armida 2022 wird die Lücke durch Rückgriff auf ein Terzett von Giovanni Pacini geschlossen, einem persön­lichen Mitar­beiter Rossinis bei der Kompo­sition von Mathilde di Shabran. E tu me chiedi – Tu sospiri? Incerta stai?, vorge­tragen von Adina, Selimo und Mustafa, erklingt nun als Nummer 3a in der ergänzten Partitur. Melodisch verfüh­re­risch und atmosphä­risch passend, als wäre es für diesen Einsatz von Anfang an bestimmt gewesen. Die Urheber­schaft an dieser Ergänzung teilen sich im Übrigen Fabio Tranchida, Maria Chiara Bertieri und Acocella.

Die beiden anspruchs­vollen, von stupenden Sprüngen und Kolora­turen geprägten Haupt­rollen sind mit Sara Blanch und Franco heraus­ragend besetzt. Blanch, zuletzt 2019 Titel­figur in Wildbads Mathilde di Shabran, setzt gleich mit ihrer Auftritts­kavatine Frago­lette fortunate ein prägnantes akusti­sches Zeichen. Blendend präsent ist sie auch im einfühl­samen Duett Se non m’odi, o mio tesoro mit dem Kalifen. Dass sie sich am Ende noch zu steigern versteht, mag man in diesem Augen­blick kaum glauben.

César Arrieta nutzt vor allem mit der Selimo-Arie Giusto cielo che i dubbi miei, die mit dem treff­lichen Englischhorn unterlegt ist, die vokale Gunst der Stunde. Als Ali, Vertrauter Califos, überzeugt Aaron Godfrey Mayes in der einzigen echten Neben­rolle mit der Arie Pur troppo la donna. Shi Zong ist mit kernigem Bass ein Mustafà, der die Furcht des Gärtners glaubhaft spüren lässt. Ihn trifft zum Leidwesen des Audito­riums gleich doppeltes Pech. Ist ihm doch keine Arie vergönnt, wird er zudem noch das Opfer Alis.

Das Publikum honoriert die Leistung aller Mitwir­kenden, auch die des Regie­teams, mit Bravi-Rufen und anhal­tendem herzlichem Applaus. Danach zieht es die Besucher auf der Flucht vor den Sommer­tem­pe­ra­turen in die schat­tigen Plätze und Wege rund um das Kurtheater. Das vorherr­schende Thema sind aber nicht die Rekord­werte oberhalb der 30-Grad-Marke. Vielmehr wird all das disku­tiert, was sich mit Rossinis Werk an Episoden um empathische Frauen, verhin­derte und echte Liebhaber sowie mäzena­tische Dukaten verbindet. Was will man mehr in diesem Festi­val­sommer 2022?

Ralf Siepmann

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