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CORRADINO, CUOR DI FERRO
(Gioachino Rossini)
Besuch am
21. Juli 2019
(Premiere)
Am Anfang gibt es bei offener Bühne ein verdutztes Augenreiben. Was in Rossinis Semiseria Corradino, Cuor di ferro ossia Matilde di Shabran auf das glänzende Libretto von Jacopo Ferretti vor und in einer Trutzburg spielt, ist beim Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad das redaktionelle Zentrum einer Tageszeitung. Das Fehlen von Schreibcomputern und das in die Jahre gekommene Interieur mit klobigen Schreibtischen lassen auf eine Verlagerung des Geschehens in die späten 1980-er Jahre schließen. Schon vor der Ouvertüre klappern die Schreibmaschinen. Die hastigen Telefonate und ständigen Besprechungen illustrieren einen üblichen, nämlich turbulenten Redaktionsalltag. Wie auf der Bühnenwand im Hintergrund zu lesen, ist das Personal von Rossinis letzter Buffa für Italien, im Karneval des Jahres 1821 am Teatro Apollo zu Rom uraufgeführt, in „Corradinos Tagesspiegel“ gelandet. Das Büro dieses Signor Eisenherz, der sich mit Waffen umgibt, Menschen, insbesondere Frauen und die Poesie verachtet, grenzt sich im Hintergrund gegen das Großraumbüro der einfachen Angestellten ab. Hinter einer Glaswand kujoniert der Unhold seine Untergebenen, dass die Fetzen fliegen, hier: Manuskripte für die nächste Ausgabe, die die Wut des Chefredakteurs bis zum cholerischen Ausbruch steigern. Wie, fragt man sich unwillkürlich, soll nur die Ausgabe für den nächsten Tag erscheinen? Kurios genug: Zum Finale wird sie als Rossini-Zeitung im Saal verteilt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Muss im Wildbader Spielzeitsommer 2019 ein im vormodernen Spanien spielendes melodramma giocoso mit seinem kruden Plot voll heiterer, schrecklicher und unlogischer Züge eins zu eins auf die Bühne gebracht werden? „No!“ hat sich Stefania Bonfadelli, einstige Belcanto-Virtuosin und seit einigen Jahren gefragte Regisseurin im italienischen Opernfach, gedacht. Wie mit dem Katapult getrieben verwandelt sich der Stoff für ihr Wildbad-Debüt in ein Szenario zur aktuellen Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit. „Wo ist heute“, fragt Bonfadelli rhetorisch, „eine stärkere reale Frauenfeindlichkeit anzutreffen als in unserer alltäglichen Arbeitswelt?“
Ihre originelle Grundidee kollidiert zwar in etlichen Szenen mit der „Wahrheit“ dieser streckenweise skurrilen Komödie. Etwa dann, wenn das Schwert des militanten Corradino in der Bürowelt Serena Roccos, der für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, zu einem Brieföffner schrumpft. Etwa dann, wenn auf einem TV-Monitor „breaking news“ von einem militärischen Angriff künden, was den Redakteuren bedeuten soll, als Kriegsberichterstatter ins Feld zu ziehen. Insbesondere dann, wenn die Journalisten, im Original einfache Bauern, zu Protokoll geben, sie könnten schlicht nicht lesen. Die zahlreichen Ungereimtheiten nimmt das Publikum indes sicht- und hörbar in Kauf. Bonfadelli hat das Ernsthafte wie Komödiantische dieses Werks durchaus mit einem Augenzwinkern beim Wort genommen und dem Belcanto-Festival an der Enz im 31. Jahr seines Bestehens eine der vergnüglichsten Produktionen je geschenkt.
Die Entstehungsgeschichte des Werks, auch Hintergrund des sperrigen Titels, wäre allein schon eine längere Betrachtung wert. Ohne weiteres ist ja nicht zu verstehen, warum das Original für Rom Teilkompositionen des Rossini-Kollegen Giovanni Pacini enthält, die Rossini später in einer zweiten Fassung für Neapel wieder eliminiert. Und warum Niccolo Paganini, der bekannte Geiger und Komponist, als Dirigent der Uraufführung Operngeschichte schreibt. Für Wildbad 2019 greift Florian Bauer angesichts einer verworrenen Dokumentenlage im Prinzip auf die römische Urfassung und weitere Autografen sowie handschriftliche Quellen zurück. Eine opernarchäologische Leistung, die einmal mehr die Rossini-Kompetenz des Teams um Wildbad-Intendant Jochen Schönleber unter Beweis stellt.

Die Wandlung des grimmigen Chefredakteurs alias Corradino vom Brutalo zum Verehrer der Schönheit von Frauen im Allgemeinen und Matildes im Besonderen hat natürlich den einzig vorstellbaren Grund. Es ist die Verführungskraft des Weiblichen an sich. Der Liebreiz, der Charme, die Verspieltheit des anderen Geschlechts, wie sie in der Musik des Meisters aus Pesaro ihren Champagner-perlenden Ausdruck gefunden hat. Bis Matilde, Tochter eines in der Schlacht gefallenen Ritters, die Kehrtwendung des Hartherzigen zum schmachtenden Liebhaber vollzogen hat, bieten Dramaturgie und Musik allerlei Gelegenheiten, die Charaktere der teils liebenswerten, teils unangenehmen Protagonisten kennenzulernen. Zu nennen wären vorrangig der fahrende Dichter Isidoro und des Schlossherrn Leibarzt Aliprando, die die Buffa-Seite des Werks vortrefflich bedienen. Giulio Mastrototaro verkörpert mit kernigem Bariton den Poeten, der den Chefredakteur dermaßen reizt, dass dieser ihn am liebsten auf der Stelle umbringen möchte. Emmanuel Franco geht mit prächtigem Bariton und großem komödiantischem Talent in der Rolle des Arztes förmlich auf. So etwas wie einen Gegenpol verkörpert die Figur der Contessa d’Arco, in Bad Wildbad Hauptaktionärin der Zeitung, die es auf den Chefredakteur abgesehen hat. Sie verfolgt ihren intriganten Plan eher aus praktischen Erwägungen, ohne sonderliche Gefühle zu investieren. Die Mezzosopranistin Lamia Beuque macht aus dieser ambivalenten Rolle noch das Beste.
Rossinis Abschiedsgeschenk für Rom gießt ungeachtet einiger formaler Redundanzen und Stagnationen noch einmal das ganze Füllhorn seiner Professionalität über alle Beteiligten aus. Der Superlativ des Werks sind bei einem Minimum an Soloarien die kunstvoll aufgebauten und prasselnd zu Ende geführten Ensemblenummern, die sich wie ein algebraischer Diskurs von Duett und Terzett über Quartett, Quintett, Sextett bis hin zu einem filigranen A‑capella-Septett durch das ganze Stück ziehen. Letzteres macht, auch wenn man glaubt, Rossinis Kolossalgemälde der Mehrstimmigkeit aus dem Effeff zu kennen, einfach staunen. Anfänglich finden sich Corradino und Matilde in einem quirligen Liebesduett, das mit einem Trommelwirbel atmosphärisch umschlägt. Einer der Gegenspieler des Unholds, Edoardo Lopez, kommt ins Spiel. Sein Vater Raimondo hat sich aufgemacht, den gefangen gehaltenen Sohn zu retten. Jeder für sich hängen die Einzelnen parlandoartig in den Folgesequenzen ihren Gedanken und Gefühlen nach, bevor alle einmünden in den Höhepunkt der Komposition, das unbegleitete Septett.
Die dramaturgische Steilvorlage der Bonfadelli nimmt ein bestens präpariertes und gut gelaunt agierendes Sängerensemble mit Wonne auf. Sara Blanch verblüfft als Matilde mit ihrem exzellenten Sopran in jeder Beziehung, in Ausdauer, Ausdruck, Kantabilität und Virtuosität. Ihre Koloraturen perlen à la Spumante. Michele Angelini ist in der Titelrolle ein Tenore di Grazia mit berückender nobler Höhe und großer Variabilität in den tieferen Registern. Er ist der Furor, der den „Blasebalg“ in seinem Kopf beklagt, und der kooperative Neue Mann. Sein gehauchtes Anima mia, Matilde ist, kaum zu glauben, Erfüllung, nicht Unterwerfung. Angelinis Pech der Premiere, als er den Corradino lediglich spielen konnte und durch den Einspringer Francisco Brito sängerisch ersetzt werden musste, scheint im Übrigen weitgehend überwunden.
Ein Stimmwunder für sich ist an diesem Abend der seit 2015 Wildbad-erprobte Mezzo Victoria Yarovaya in der Hosenrolle des Eduardo. Mit stupender Wucht und starker Bühnenpräsenz macht sie den Furor der gequälten Seele spürbar, besser: erlebbar. Zusätzliche Belcanto-Sterne gebühren der Yarovaya im Verein mit Blanch für die Interpretation des packenden Duetts No; Matilde: non morrai, in dem sich die beiden Stimmen wie Blumen ranken, um am Ende zu verschmelzen. Grandios! Hier nimmt Rossini die kommenden Glanzstücke dieses Artefakts vorweg, in seiner Semiramide sowie indirekt in Bellinis I Capuleti e i Montecchi und seiner Norma.
In den weiteren Rollen überzeugen Ricardo Seguel als Ginardo, Julian Henao Gonzalez in der Doppelrolle des Egoldo und des Rodrigo sowie ganz besonders Shi Zong mit einem wehmütigen Auftritt als Raimondo Lopez. Mit famoser Leistung gibt das 2013 gegründete Passionart Orchestra Krakau unter der umsichtigen Leitung von José Miguel Pérez-Sierra sein Debüt an der Enz. Mit Witz und Können absolviert Gianluca Ascheris am Fortepiano die Begleitung der Rezitative. Nicht zuletzt und ganz wesentlich tragen die Männer des ebenfalls 2013 gegründeten Górecki Chamber Choir, der zum zweiten Mal nach 2018 in Wildbad dabei ist, zu dem formidablen Gesamteindruck bei.
Die über die Zeitstrecke von knapp vier Stunden wachsende Spannung des Publikums entlädt sich am Ende förmlich in einem brausenden, anhaltenden Jubel. Eine Rossini-Sternstunde im kleinen, aber tapferen deutschen Rossini-Mekka. Wer zumindest an dem musikalischen Vergnügen Teil haben möchte, bekommt diese Chance alsbald. Das Deutschlandradio sendet die dritte Aufführung dieser Kostbarkeit in seinem Programm Deutschlandfunk Kultur am Samstag, 27. Juli, ab 19 Uhr live aus Bad Wildbad.
Ralf Siepmann