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Górecki Chamber Choir - Foto © Patrick Pfeiffer

Der Reiz des Anderen

ROMILDA E COSTANZA
(Giacomo Meyerbeer)

Besuch am
19. Juli 2019
(Premiere)

 

Rossini-Festival, Trink­halle, Bad Wildbad

Die meisten Opern­lieb­haber dürften Giacomo Meyerbeer mit seinen Erfolgen im Stil der Grand Opéra in Verbindung bringen. Mit Robert le Diable bis hin zu L’Africaine, die zwischen 1831 und 1865 sämtlich in Paris auf die Bühne gelangen. Doch dieser franzö­si­schen Phase des 1791 in Berlin geborenen Kompo­nisten geht ein erstes Leben des Jakob Liebmann Meyer Beer voraus, wie der Sohn begüterter Eltern anfänglich heißt. Ausgelöst durch eine 1816 begonnene Itali­en­reise, baut sich in dem 25-jährigen eine Bewun­derung für die italie­nische Oper und speziell für Rossini auf. In dessen Werkver­zeichnis stehen zu der Zeit ja bereits so große Erfolge wie Tancredi und vor allem Il Barbiere di Siviglia. In diesem Sog entsteht Meyer­beers erste von insgesamt sechs italie­ni­schen Opern. Romilda e Costanza erlebt 1817 die Urauf­führung in Padua und weitere Auffüh­rungen in Venedig. Beim Belcanto-Festival Rossini in Bad Wildbad erlebt das Melod­ramma semiserio in zwei Akten eine konzer­tante Wieder­erwe­ckung, die sich mit dem Quali­täts­siegel „Moderne Erstauf­führung“ schmückt. Darunter verbirgt sich eine edito­rische Leistung, die mangels Autograf in einer der Urfassung entspre­chenden Parti­tur­ab­schrift aus dem Konser­va­torium in Padua ihren Ausgangs­punkt hat. Zuviel Aufwand? Ganz sicher nicht für Wildbad-Afici­o­nados, die sich über eine zwar nicht spekta­kuläre, aber höchst bemer­kens­werte Trouvaille freuen, was das Musika­lische angeht und die Offen­ba­rungen hinsichtlich des kompo­si­to­ri­schen Kontextes.

Was soll beim Belcanto-Zauber an der Enz, oberflächlich und leicht satirisch betrachtet, eine Rossini-Oper, die nicht vom Meister aus Pesaro stammt? Etliche Plätze in der Trink­halle in der ersten von zwei Auffüh­rungen bleiben unbesetzt. Kritische Stimmen sind hier und da zu vernehmen. Es gibt Opern- und gerade Festi­val­be­sucher, die in konzer­tanten Auffüh­rungen generell etwas Minderes sehen. Konzertant, und dann noch eine skurrile Grabung in den Randzonen des größten Melodikers im italie­ni­schen Opern­himmel? Intendant Jochen Schön­leber weiß genau, warum er sich im Programm­zettel 2019 an die „verehrten Opern­freunde“ mit dem Hinweis wendet, Festivals wie Rossini in Wildbad sollten „doch immer etwas Anderes, Beson­deres und Nicht-Alltäg­liches“ sein.  In der Tat. Wo sonst sollten Kompo­si­tionen aus dem Rossini-Umfeld wie die Revolu­ti­onsoper Il Vespro siciliano des Peter von Lindpaintner ihre Reakti­vierung erleben, die 2015 in Wildbad aufge­führt wurde?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Romilda e Costanza ist der Beginn einer insgesamt vier Opern umfas­senden Zusam­men­arbeit Meyer­beers mit einem der produk­tivsten Libret­tisten der damaligen Zeit, Gaetano Rossi. Dessen Name taucht allein viermal im Werkver­zeichnis Rossinis auf. Vom Debüt La cambiale di matri­monio über Tancredi bis hin zu Semiramide. Meyerbeer ist finan­ziell so gestellt, sich den Stoff wie den Textbuch­ver­fasser frei auswählen zu können. Die doppelte Dreiecks­ge­schichte variiert das in dieser Epoche so beliebte Sujet der „Rettungsoper“, das elementar mit den Namen Beethoven und Grétry verknüpft ist. Ein Mann, der proven­za­lische Prinz Teobaldo, agiert, der Klassiker, zwischen zwei Frauen, die sich als Rivalinnen wie gemeinsam Liebende erleben. Eine Spur inter­es­santer: die Zwillings­brüder Teobaldo und Retello, die unter­ein­ander verfeindet sind und es mit einem dritten, dem Ziehbruder Pierotto, zu tun haben. Die Handlungs­stränge bis zum überra­schenden Lieto fine sind gespickt von heftigen Gefühls­aus­brüchen, von Macht- und Liebes­ge­lüsten, von Rache und Vergeltung, vom Verschmähen und verschmäht werden.

Für den anerkannten Opern­kom­po­nisten in spe bietet Rossis halb ernste, halb komische Kolportage über die beacht­liche Länge von drei Stunden die willkommene Gelegenheit, sich unter dem Eindruck der Manier Rossinis einen eigenen Weg im italie­ni­schen Fach zu bahnen und seine Origi­na­lität im Umgang mit der Partitur unter Beweis zu stellen. Ob und inwieweit das gelungen ist, dürfte erst nach einer genaueren Ausein­an­der­setzung mit Meyer­beers Partitur möglich sein. „Man wird seinen Werken zu Beginn seiner italie­ni­schen Zeit nicht gerecht“, schreibt der Meyerbeer-Biograf Reiner Zimmermann, „wenn man sie ausschließlich unter dem Aspekt der Rossini-Nachahmung betrachtet.“ So nahe seine ersten Versuche auch seinen italie­ni­schen Vorbildern seien, werde doch – so der Autor – „sein Bestreben deutlich, alle Tendenzen aufzunehmen“.

Luiza Fatyol – Foto © O‑Ton

Löst man sich also aus der mentalen Meyerbeer-Rossini-Verschraubung, lässt man die typischen Rossini-Elemente wie Crescendo und serielle Dynamik schlicht per se auf sich wirken, erschließt sich unter der engagierten Gesamt­leitung Luciano Acocellas ein Klang­ge­mälde ganz eigener Art. Im Wechsel­spiel von Tutti und Soli, vornehmlich Violine, Horn, Klari­nette, Fagott, in der Führung der Sänger­stimmen, im Mitein­ander von Solisten und Chor und in den beiden Finali legt Meyerbeer eine partiell verblüf­fende Könner­schaft an den Tag. Ein für die Mitwir­kenden der Wildbader Innovation prächtig bereitete musika­lische Lagerstatt.

Dem Passionart Orchestra Krakow, das führende Konzert­mu­siker und Absol­venten der Musik­aka­demie vereint, und den Männern des Górecki Chamber Choir gelingt eine stilge­rechte Grundierung, die alle Farben des Dramas erfüllt, von der großen absolu­tis­ti­schen Geste bis hin zur von Liebes­ge­fühlen gespeisten Verklärung. Aus dem an Rollen reich bedachten Tableau ragen als Teobaldo Patrick Kabongo mit noblem Tenor, perfekter Phrasierung und einer schier unerschöpf­lichen Tessitura sowie – mit Abstand – die Rivalinnen, die Sopra­nistin Luiza Fatyol als Costanza und der Mezzo Chiara Brunello in der Rolle der Romilda, heraus. Dabei erzielt Brunello mit ihrer stupenden Tiefe besondere Effekte. E tanto dunque, Szene und Duett der beiden Frauen im zweiten Akt, schließlich verweist in Struktur und Ausführung bereits auf große Momente des Belcanto in der Zukunft. Das kann auch vom Gipfel im zweiten Akt, dem Sextett Egli sciolto! ah tradi­mento, gesagt werden, das an Virtuo­sität wenig zu wünschen übrig lässt.

Musika­li­sches und szeni­sches Vergnügen verbreiten die Buffo-Antipoden des blutrüns­tigen Brüder­paars, der Bariton Giulio Mastro­totaro als Pierotto und sein Kollege Emmanuel Franco als Albertone. Ein Bravour­stück dabei Francos komödi­an­tische Philo­sophie-Einlage vom Fatalismus in der Welt, der aller­dings so gar nicht als schlimm empfunden wird. Javier Povedano gibt mit Retello den Finsterling. Sein Bass ist aber nicht so schwarz und durch­dringend, wie es die Rolle hergibt. In weiteren Partien verstehen César Cortes als Lotario und Claire Gascoin als Annina, Eindruck zu machen. Lediglich der Bassist Timophey Pavlenko überzieht in der kleinen Rolle des Knappen Ugo durch übermäßige Lautstärke.

Das Publikum gibt seiner Freude über das Erlebte und seiner Anerkennung für die Leistung aller Mitwir­kenden mit enthu­si­as­ti­schem Jubel und diversen Bravo-Rufen adäquat Ausdruck. Unter dem Strich eine zwar nicht Reper­toire-affine, aber belebende Begegnung mit der Belcanto-Peripherie. Eben das gehört zum Rossini-Festival an der Enz.

Ralf Siepmann

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