O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA CAMBIALE DI MATRIMONIO
(Gioachino Rossini)
Besuch am
20. Juli 2018
(Premiere am 14. Juli 2018)
Herr Amerikaner“, wendet sich der englische Kaufmann Tobia Mill an seinen Gast aus der Neuen Welt, den Händler Slook. „Herr Europäer“, antwortet dieser mit gelindem Sarkasmus. Wie vom Zeitgeist bestellt, mutet die farsa comica im Programm des diesjährigen Belcanto Opera Festivals an. Ist doch Rossinis La cambiale di matrimonio – zu Deutsch der Heiratswechsel – auf ein Libretto von Gaetano Rossi durchaus als ein sehr frühes Unterfangen im „alten Europa“ zu verstehen, Amerika, diese neue fremde Kultur von Western Saloons und ungebremstem Kapitalismus, durch den Kakao zu ziehen. Allein schon unter dem Aspekt des clash of cultures ist die äußerst seltene Begegnung mit dem quirligen Einakter im charmanten Kurtheater von Bad Wildbad ein Vergnügen. Doch damit begnügt sich Bariton Lorenzo Regazzo, seit mehr als einem Dutzend Jahren eine feste Größe als Sänger und Dozent an der Oos, keineswegs.
Ihn, den Rossini- und Mozart-Interpreten, hat es offenkundig bei seiner ersten Inszenierung für Wildbad gereizt, den Schabernack von 1810, der der dem 18-jährigen Komponisten die Theatertüren Venedigs öffnet und den Weg zu einer ganzen Serie von scritture, also Aufträgen, bahnt, auf die Spitze zu treiben. Europa, so scheint es, hat im Kultur- und Lifestyle-Poker der beiden Kontinente immer noch ein As im Ärmel. Hat der Komponist mit seiner schon erstaunlich ausgebufften Partitur irgendwann sein erstes Pulver verschossen, setzt Regazzo bei Regie und Bühne stets noch einen drauf. So ist eine Turbo-Produktion der farca entstanden, die die enge Grenze zwischen Komödie und Klamauk austestet und sich ganz nebenbei noch einen Reim auf das moderne Regietheater zu machen sucht.
Ausgangspunkt dieser cosa rara ist der Entschluss von Slook, sich bei seinem Branchenkollegen eine Frau zu kaufen. Mill, der Adressat dieser eigentlich unakzeptablen Anmutung, wirft allerdings den angereisten Slook keineswegs aus dem Haus. Da er als neoliberaler Marktwirtschaftler sich allein von Angebot und Nachfrage leiten lässt, ist es für ihn problemlos, seine eigene Tochter Fanni als Tausch- und Handelsware in das Kalkül einzubeziehen. Der Parcours in dieser wie in vielen anderen Komödien der Opera buffa – verwiesen sei etwa auf Donizettis Don Pasquale – ist damit gesteckt. Fanni, ihrem mittellosen Lover Edoardo Milfort herzlich zugetan, gelingt es im Verein mit dem selbstbewussten Dienerpaar Clarina und Norton, Slook zu überlisten. Damit steht dem lieto fine nichts mehr entgegen. Alle Beteiligten besingen das Glück Fannis und Edoardos.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dem Genre nach ist die einaktige farca mit wenigen Solisten, einem nicht zu aufwändigen Orchester, unter Verzicht auf einen Chor und in der Regel mit nur einem Bühnenbild ein äußerst kostengünstiges Theaterformat. All das passt exakt zu den Modalitäten im Kurtheater, wäre da nicht eben Regazzos Grundidee, die Komödie durch die Konstruktion einer Metaebene spektakulär bis grotesk zu überwölben. Träger dieser Idee ist – notabene – der Wildbader Erzkomödiant selbst, indem er sich als Supervisor und korrigierende Instanz in das Geschehen einbringt. Am Anfang verbirgt sich Regazzo noch hinter einer überdimensionalen Ausgabe eines Buches zum modernen Regietheater. Ein Einfall, der nicht weiter verfolgt wird. Dann bewegt er sich offen in der Szene, gibt mehr oder minder erhellende Regieanweisungen, krittelt an der Aussprache seiner jungen Sängerkolleginnen und Sängerkollegen herum, teilweise in Deutsch, hantiert mit den reichlich ausgebreiteten Requisiten und spitzt in teils witzigen, teils billigen Kommentaren die Handlung noch mehr zu, als Rossini und sein Librettist es bereits eh besorgt haben.
Regazzos Übertreibungen arbeiten mit allen, auch plumpen Mitteln. Clarina deutet einen Striptease an, den sie recht gut hinbekommt. Edoardo gendert im Frauenkostüm über die Bühne. Slapstick hat Hochkonjunktur. Zum guten Schluss dieser grassierenden Albernheit landet unter Bemühung des deutsch-österreichischen Psychiaters Richard von Krafft-Ebing die ganze Sippschaft in der Psychiatrie. Spätestens hier hat sich die farca zum Komödienstadl gewandelt. Der letzte Schuss trifft den Regisseur, der den Regisseur mimt – immerhin eine versöhnliche Prise Selbstironie.

Erstaunlich genug – in dieser Pseudowelt von Komödie, die zum Klamauk changiert oder gern auch umgekehrt, kommt das Sextett der Sängerdarsteller, das von der Kostümdesignerin Claudia Möbius adäquat ausgestattet worden ist, hervorragend zurecht. In den Virtuosi Brunenses, die von Jacopo Brusa dirigiert werden, verfügen sie auch über einen glänzend disponierten Rückhalt. Ein zusätzlicher Pluspunkt dieser musikalischen Entourage ist GianLuca Ascheri, der am Tafelklavier unterhaltsame Pointen in Form von Zitaten aus diversen Opern des 19. Jahrhunderts einstreut. Es ist schlicht ein Vergnügen, ihnen einzeln oder in den diversen spritzigen Duetten zuzuhören. Als Offenbarung der Aufführung kristallisiert sich gegen Schluss die Sopranistin Eleonora Bellocci heraus, die die Fanni singt und mit der so genannten Jubelarie Vorrei spiegarvi il giubilo das Bravourstück der Aufführung liefert. Als Slook hat Bariton Roberto Maietta prachtvolle Momente, so vor allem mit seinem Entree im Anwesen des englischen Kaufmanns im Westernstil seiner Heimat, den Rossini mit einer eleganten und ausführlichen Orchesterbegleitung untermalt. Matija Meic gibt Fannis Vater Mill mit virilem Bariton und imposanter Ausstrahlung. In den weiteren Rollen überzeugen Maria Rita Combattelli als Clarina, Javier Povedano als ihr Pendant Norton sowie Xiang Xu, der den Eduardo je nach Szene mit Ernst und Frivolität gibt.
Der empathische, nicht übertriebene Beifall der Besucher gilt vor allem der jungen Sängergarde, völlig zu Recht, dann auch mit subtiler Nuancierung dem Regisseur. Einen Spaß haben sie alle erlebt, die auf wie die vor der Bühne. Kein schlechtes Fazit eines turbulenten Theaterabends.
Ralf Siepmann