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MOÏSE
(Gioachino Rossini)
Besuch am
19. Juli 2018
(Premiere)
Absolutes Highlight jedes Musikdramas, das sich der biblischen Geschichte des Exodus der Juden aus Ägypten zuwendet, ist der Zug der Unterdrückten durch das Rote Meer. Damit ihre unverhoffte Rettung nach jahrzehntelanger Gefangenschaft und der Untergang der Unterdrücker. Georg Friedrich Händel lässt 1739 sein Oratorium Israel in Egypt in einer Szene von apokalyptischem Ausmaß kulminieren. Chor und Orchester malen klangmächtig aus, wie die Fluten die Ägypter verschlingen. Gioachino Rossini, der sich gleich zweimal mit dem Stoff auseinandersetzt, einmal in der italienischen Fassung Mosè in Egitto 1818 für Neapel, neun Jahre später in Moïse et Pharao ou Le Passage de la Mer Rouge für Paris, setzt subtilere Akzente. In der italienischen Version, die der Komponist selbst als Oratorio begreift, danken die Hebräer ihrem Gott in einem ergreifenden Hymnus für die Rettung. In der französischen Version, die Jochen Schönleber, der Leiter des Belcanto Opera Festivals, für die zentrale Spielstätte von Rossini in Wildbad, die Trinkhalle, inszeniert, klingt das Epos nach der Beruhigung der Naturgewalten sinfonisch aus, verhalten, vielleicht gar versöhnlich. Utopia existiert, zumindest in der Kunst.
Grundlage der Wildbader Adaption von Rossinis Schöpfung im Stil der Grand Opéra ist die Partitur des Verlegers Eugène Troupenas, die dieser 1827 für die Uraufführung in der Académie royale de musique Paris veröffentlicht. Das Textbuch der Librettisten Luigi Balocchi und Étienne de Jouy steht im Gegensatz zu ihrem italienischen Vorläufer unter dem Vorzeichen einer weitreichenden Überarbeitung, die sich als Umbau des Originals beschreiben lässt. Rossini, „Monsieur Crescendo“, berauscht von den glänzenden Perspektiven in der damaligen Opernmetropole Europas, dringt auf die Umbenennung einiger Charaktere, ordnet die besten melodischen Einfälle neu an, ergänzt die Erstfassung um Material, das teilweise neu komponiert wird.
Das alles mag nur für den Rossini-Connaisseur, der Jahr für Jahr zu dem Belcanto Festival in der kleinen Stadt an der Enz pilgert, hoch interessant sein. Unter dem Strich bringt es aber auch den gängigen Wildbad-Pilgern eine wesentliche sicht- und hörbare Erkenntnis. Rossinis Art, eigene Werke ständig zu modifizieren, mit ihnen zu spielen, um nicht zu sagen: jonglieren, folgt nicht zwingend allein einem egoistischen Marketinginteresse. Gewiss, hin und wieder durchaus, wenn er italienische Erfolgsstücke zum Gefallen der Pariser Theatermagnaten auf das Format der Grand Opéra mit all ihren Konzessionen an Mittel der musikalischen Ausgestaltung wie die obligatorischen Ballette trimmt. Vielmehr beweist Moïse exemplarisch einen künstlerischen Prozess, die Stufe von der bloßen Veränderung zur substantiellen Weiterentwicklung.
Hat Mosè in Egitto über weite Strecken oratorisches Profil, zeichnet sich Moïse durch eine robustere Dramatik, eine prononcierte Diesseitigkeit aus. Schönleber, zuständig für Regie und Bühnenbild, im Gespann mit der Kostümbildnerin Claudia Möbius, dem Videodesigner Anton Kaun und der Ausstattungsspezialistin Sandra Li Maennel Saavedra setzt sich deutlich von religiösen Kontexten und der alttestamentarischen Ikonographie ab. „Für mich hat Moïse mit dem Moses der Bibel ungefähr so viel zu tun wie Elisabetta in der gleichnamigen Oper von Rossini mit Elizabeth I.“, beschreibt er sein Credo. Ein schöner Einfall ist im Bühnenbild das überdimensionale Buch, das spontan mit dem biblischen Buch Moses assoziiert wird. Es dient allerdings nicht als symbolisches Überzeichen, sondern wird spätestens im vierten Akt seiner inhaltlichen Wirkmächtigkeit beraubt. Aufgeklappt avanciert es zur Imagination einer Loge in der Pariser Opéra, in der der Pharao mit seiner Gemahlin Sinaïde, seinem Sohn Aménophis und Gefolge einer Vorführung lauscht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Besonders plausibel wird die Sicht der Relativierung in der dramaturgischen Schlüsselszene, wenn das Meer über den Ägyptern zusammenschlägt. Gestützt auf die Videosequenzen Kauns auf einer Screenwand, die für die Verhältnisse der Halle eigentlich größer ausfallen müsste, wandelt sich das wundersame Spektakel zu einer abstrakten Phrasierung. Zugleich entzieht sich das Szenario so der Verführung, das Geschehen in der konkreten Aktualität von politischen Konflikten anzusiedeln, in Sonderheit dem zwischen Palästinensern und Israelis. Zu sehen sind zwar Bilder von Panzern, Kampfflugzeugen und zerbombten Städten, die in Wüstenlandschaften und Wasserläufe übergehen. Doch bleibt all das marginal, wird nicht plakativ.
Für diese Bildersprache hat Schönleber den schönen Begriff des „assoziativen Realismus“ erdacht. Eine ähnliche Lösung findet Regisseurin Lotte de Beer im April dieses Jahres in Köln in ihrer Inszenierung der italienischen Fassung, als sie zusammen mit dem Rotterdamer Figurentheaterkollektiv Hotel Modern das Exodus-Kapitel in einer ahistorischen, quasi überzeitlichen Verfremdung auf die Bühne zu bringt. Realistisch entwickelt sich in Wildbad auch das Procedere beim Zug der Hebräer durch das Meer; sie verschwinden hinter Vorhängen. Das Ganze löst sich dann in der Schwärze einer Wüstennacht auf. Lediglich Anaï, die Tochter der Moses-Schwester Marie, zerrissen zwischen der Liebe zu Aménophis und der Loyalität zu ihrem Volk, bleibt im Scheinwerferlicht am Bühnenrand präsent. Ein Indiz für das Interesse des Regisseurs an realen Konflikten, hier den zwischenmenschlichen im Rahmen einer in das alttestamentarische Kapitel eingebauten Love Story, die natürlich Rossini, dem Schwärmer, entgegenkommt. Ein äußerst modernes dramaturgisches Prinzip, das die Erzählweise gerade in Kinofilmen vom Typ Titanic bestimmt.

Ist nun die französische Fassung mit der genuinen Eleganz ihrer Musik und dem besonderen Melos der französischen Sprache der italienischen vorzuziehen? Lässt man eine solche Frage, weil zu sehr dem Rankingdenken nah, überhaupt zu und klammert man die obligatorischen Ballettmusiken, die sich gewiss noch stärker als geschehen hätten kürzen lassen, als Publikumsstolpersteine aus, offenbart sich mit Moïse eine der großartigsten Kompositionen Rossinis im französischen Stil. „Ich hatte Talent und ganz viel Instinkt“, hat er einmal über sich selbst gesagt. Mit diesem „Instinkt“ sind die diversen Plagen plastisch ausgemalt, die über den Ägyptern hereinbrechen, sind die Liebesduette und die populäre Gottesanrufung des Moses Des cieux où tu résides im vierten Akt ausgestaltet. Nicht zuletzt die machtvollen Chorpassagen, in denen der Górecki Chamber Choir, einstudiert von Mateusz Prendota, brilliert und seine homogene Klasse zeigt. Da stört es auch nicht wirklich, dass das Ensemble als Chor der Ägypter in Frack und Abendgarderobe teils unfreiwillig realsatirisch ein Ballett simuliert, das eigentlich ausgespart ist.
Solistisch ist ein Abend primär der Männerstimmen zu konstatieren, was gewiss auch mit der Eigenart der Partitur zu tun hat. Bass Alexej Birkus agiert als Moïse mit Inbrunst und Souveränität. Als sein Antipode in der Rolle des Pharaon ist ihm Luca Dall’Amico mit durchdringendem Bass zumindest ebenbürtig. Der Tenor Randall Bills ist mit Mozart-affinem Timbre ein überzeugender Aménophis, angenehmer jedenfalls als die Rolle voll von Arroganz und Hybris, die er verkörpert. Eine positive Überraschung ist Patrick Kabongo als Éliézier, Bruder des Moses. Sein Tenor verblüfft mit warmem Melos und blitzender Strahlkraft in der Höhe, die ihn für diverse Rossini-Partien qualifizieren dürfte, nicht nur in Le Comte Ory, seinem Pariser Debüt.
Als Anaï lässt die Wildbad-erprobte Elisa Balbo ungeachtet ihres enormen Engagements einige Wünsche offen. Sie forciert ihren Feuer speienden Sopran gegen den Esprit der Komposition, als wolle sie ganz allein die himmlischen Mächte auf die Seite der Hebräer ziehen. Quasi den Gegenpart füllen die Sopranistin Silvia Dalla Benetta als Sinaïde und ganz besonders Albane Carrère als Marie, Anaïs Mutter, mit charismatischem Mezzo aus. In den peripheren Rollen zeigen Baurzhan Anderzhanov als Oberpriester Oziride und Voix mystérieuse sowie Xiang Xu als General Ophide stimmliches Format. Fabrizio Maria Carminati, Belcanto-versierter Dirigent, führt die wohltemperierten Virtuosi Brunenses und das prächtige Sängerensemble souverän durch die Wüsten der Handlung sowie Höhen und Täler der vieraktigen Opera seria. Berauscht von den breitflächigen Musiktableaus und den lyrischen Zwischentönen des Werks, applaudiert das Publikum allen Beteiligten mit Hingabe.
Ralf Siepmann