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ZELMIRA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
21. Juli 2018
(Premiere)
Rossini satt in Bad Wildbad im Nordschwarzwald. Allein vier Opernproduktionen, etliche Konzerte, dazu die Petite Messe Solenelle bilden den Kern von Rossini in Wildbad im Jahr des Doppeljubiläums. Vor 150 Jahren wird der Komponist von 39 Opernwerken in Pesaro geboren. Seit respektablen 30 Jahren existiert nun das Belcanto Opera Festival, dank insbesondere seines Intendanten Jochen Schönleber. Diesem gelingt es von Jahr zu Jahr, junge, talentierte Spezialisten des Rossini-Fachs sowie Belcanto-affine Chöre und Orchester aus dem mittel- und osteuropäischen Raum für die Festwochen zu gewinnen und bei bescheidener finanzieller Ausstattung auch meistens bei der Stange zu halten. Ein Engagement, das in einer Sonderzuwendung des Kunstministeriums und einer gleichzeitigen Förderung seitens der Baden-Württemberg-Stiftung im Jubiläumsjahr einen sichtbaren und wirksamen Ausdruck gefunden hat. Eine offenkundig zudem willkommene Gelegenheit für Ministerpräsident Winfried Kretschmann als Schirmherr des Jubiläumsfestivals, sich als Anhänger der Kunst der Oper zu outen und diese in den Programmheften der aktuellen Saison „als Königin der Bühnenkünste“ zu feiern.
Eine der programmatischen Zielsetzungen des Festspiels geht dahin, Opern Rossinis auch jenseits der Blockbuster wie Il Barbiere zu präsentieren. Das dann regelmäßig bei Stoffen, die sich nicht gerade für eine aufwändige Inszenierung aufdrängen, in konzertanten Aufführungen. Frei nach Salieri: Prima la musica e poi lo spettacolo. Nach Aureliano in Palmira im Vorjahr nun also in deutscher Erstaufführung Zelmira, Rossinis Abschiedsgeschenk an Neapel, 1822 im Teatro San Carlo uraufgeführt. Das Dramma per musica beruht auf einem wenig inspirierten Libretto von Andrea Leone Tottola nach Pierre-Laurent Buirette de Belloys Schauergeschichte Zelmire von 1762. Kern der auf der antiken Insel Lesbos spielenden, schwerfälligen Geschichte von Königsmördern, Thronräubern und Abenteurern ist das leicht absurde Spiel um Zelmira, die Tochter des Königs Polidoro, die des Anschlags auf ihren Gemahl Ilo beschuldigt wird, den Fürsten von Troja. Um in schönster Operntradition das lieto fine, das glückliche Ende der Oper, zu sichern, werden alle Verleumdungen und Intrigen auf Anfang gestellt. Vater und Tochter überleben. Respire in seno/Sereno – il cor, seufzt im Finale des zweiten Akts Zelmira. Und der Chor lässt die hellenische Kolportage in einem Jubel der Herzen ausklingen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Anders als etwa Semiramide, ein Jahr später in Venedigs La Fenice zur Uraufführung gebracht, fristet Zelmira in den Spielplänen der Musiktheater weltweit ein Schattendasein. Die Gründe dürften nicht nur in der Dürftigkeit der Handlung begründet sein. Auch musikalisch fällt die Partitur in Punkto Eleganz und Stringenz ein Stück hinter den vergleichbaren Seria-Werken Rossinis zurück. Gewiss, die Titelpartie, ganz auf die Sopranistin Isabella Colbran, seine spätere Ehefrau, zugeschnitten, bietet Belcanto-Auftritte vom Feinsten, so die melancholische, von Harfe und Englisch Horn umspielte Klage Perche mi guardi e piango und das obligate finale Rondo, akzentuiert von Chor und Orchester. Das Duett von Polidoro und Ilo, ein Schlüsselmoment des Dramas, begleitet einmal von Solostreichern, dann, nach einem Freudenausbruch der beiden, von Piccolo-Flöten und Oboen, bestätigt wie der expressive Dialog der Zelmira mit ihrer Vertrauten Emma die exorbitante Ensemblekunst Rossinis. Zum Superlativ wird die nicht zuletzt durch zwei grandios gestaltete Quintette. Doch ist die Partitur nicht frei von Redundanzen und Längen im typischen recitar cantando. Es ist auch nach dieser Wildbader Erstaufführung durchaus nachvollziehbar, wenn der Rossini-Experte Richard Osborne schreibt, die Musik für Zelmira wirke „eher konstruiert als inspiriert“.
Voller Inspiration und Elan dagegen meistern die Virtuosi Brunenses, regelmäßig Gast an der Oos, ihre Aufgabe. Das Projektorchester aus Mitgliedern des Orchesters der Janáček-Oper und der Philharmonie Brünn sowie weiterer Musiker von Orchestern Tschechiens scheint an diesem Abend seinem Namen alle Ehre machen zu wollen. Sie agieren schlicht virtuos. Einen gehörigen Anteil daran ist zweifellos Gianluigi Gelmetti, dem aus Rom stammenden Experten für das italienische Fach, zuzuschreiben, 2017 in Wildbad auch als musikalischer Leiter von Eduardo e Christina präsent. Gelmetti führt die Virtuosi, den von Mateusz Prendota einstudierten, exzellenten Górecki Chamber Choir und das herausragende Sängerensemble hochkonzentriert und souverän durch die Aufführung.

In der Titelrolle begeistert die Wildbad-bewährte Silvia Dalla Benetta durch eine stupende vokale Leistung, die natürlich auch ein Stück durch Rossinis Faible für die ansonsten heikle Rolle begünstigt ist. Sie ist firm in all den dynamischen Linien mit ihren jähen Sprüngen und den fordernden Koloraturen, die der Sopranistin abverlangt werden. Rossini ist bei ihr – wie bei ihrer Vorgängerin vor 150 Jahren – in besten Händen, genauer: Stimmbändern. Dass das Podest, auf dem die Musik zelebriert wird, fast zu einem Schaufenster weiblicher Belcanto-Kompetenz avanciert, ist danach Marina Comparato als Zelmiras Vertrauter Emma zuzuschreiben. Die Mezzosopranistin glänzt mit einer in allen Registern ausgereiften, beweglichen Stimme von hoher Impulsivität. Con affetto in einem Wort, was in diesem Fall auch eine exzessive Körpersprache meint, die ihr das Publikum allerdings nicht übel nimmt, wie der lebhafte Schlussbeifall beweist.
In den Rollen der Männer überzeugt vor allem Federico Sacchi als Polidoro mit gefälligem Timbre, akkurater Intonation und Phrasierung. Dabei ist der Bass erst kurzfristig eingesprungen. Auch der zweite Bass im Vokalensemble, Luca Dall’Amico als Leucippo, macht mit sonorem Timbre Eindruck. Mert Süngü ist als Ilo mit seinem macht- und ausdrucksvollen Tenor äußerst präsent. Allerdings forciert er völlig unnötig permanent, als wolle er sich mehr auf sein Temperament als auf seine eigentlich technisch professionelle Stimme verlassen. Etwas rätselhaft erscheint die sängerische Performance von Joshua Stewart in der Rolle des Zelmira-Gegenspielers Antenore. Der Tenor geht seine Auftritte zwar couragiert und geschmeidig an, eckt jedoch im Passaggio hingegen zwischen Mittel- und Oberstimme immer wieder an. Der in Wildbad viel beschäftigte Tenor Xiang Xu bewältigt seinen Part als Eacide ohne Fehl und Tadel. In marginaler Rolle gibt Emmanuel Franco dem Hohepriester Jupiters seine angenehme Bass-Stimme.
Das Publikum in der voll besetzten Trinkhalle, dem zentralen Spielort des Belcanto-Festivals, überschüttet alle musikalischen Akteure mit anhaltendem Beifall. Zelmira erlebt eine Erstaufführung in Deutschland, die die Rezeptionsgeschichte des Werks bereichern wird. Das Festival sieht noch eine weitere Aufführung Ende dieser Woche vor, dauert im Übrigen noch bis Ende Juli. Genügend Gelegenheiten mithin noch für Rossini-Afficionados und Belcanto-Fans.
Ralf Siepmann