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Foto © Dave Clive

Wilde Räubergeschichte im alten Venedig

IL BRAVO
(Saverio Mercadante)

Besuch am
27. Oktober 2018
(Premiere am 20. Oktober 2018)

 

Wexford Opera Festival, National Opera House

Die Welt auf den Kopf gestellt wurde auch bei der zweiten Opern­ra­rität beim Wexford Festival, das dafür bekannt ist, ausschließlich selten gespielte oder vergessene Opern aber von hoher Qualität aufzu­führen: Bei Saverio Merca­dantes Il bravo – von diesem italie­ni­schen Kompo­nisten wurden in Wexford in letzter Zeit allein sechs Opern gezeigt – die 1839 an der Mailänder Scala urauf­ge­führt wurde, ist die bekannte Kulisse Venedigs in verschie­denen Varia­tionen andeu­tungs­weise meist verkehrt oder schräg wahrzu­nehmen. Die doch ziemlich krause Räuber­ge­schichte, die auf einem Roman des bekannten US-Autors James Fennimore Cooper basiert, handelt von einem, vom venezia­ni­schen Senat wegen seines gefan­genen Vaters zu heimlichen Auftrags­morden gezwun­genen Edelmann, das Wieder­finden seiner Frau und Tochter, inklusive natürlich einer ziemlich verwi­ckelten Liebes­ge­schichte, die jedoch tragisch endet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Renaud Doucet hat sie mit seinem ständigen Partner und Ausstatter André Barbe in histo­risch-klassi­schen Kostümen in einer eher stati­schen Regie, die sich mit Auftritten sowie Abgängen und bloßen Arran­ge­ments beschränkt und mit teils ziemlich abgestan­denen Opern­gesten erzählt. Die Projek­tionen, die zu Beginn und während der Szenen­wechsel immer wieder zu sehen sind, von alten italie­ni­schen Meistern von bekannten Plätzen und Orten der Serenissima werden immer mit aktuellen, heutigen Anspie­lungen gewürzt.  So sieht man etwa als Hinter­grund zum alten Markus­platz ein riesiges Kreuz­fahrt­schiff mit dem Namen MS Calamità. Oder es schwimmen am Canale Grande neben den bekannten Gondeln auch moderne, schlauch­boot­artige Wasser­fahr­räder herum. All das regt noch irgendwie zum Schmunzeln an. Hingegen sind die immer wieder in Scharen auftau­chenden und herum­lat­schenden, heutig gewan­deten, mit Mobil­te­le­fonen fotogra­fie­renden Touristen ziemlich entbehrlich, denn sie tragen eigentlich gar nichts zur Geschichte bei und erhellen sie auch in keiner Weise. Offen­sichtlich will man mit diesen Ideen dem Regie­theater huldigen und krampfhaft Aktua­lität einfließen lassen.

Foto © Dave Clive

Als bester Belcanto entpuppt sich die Musik von Saverio Merca­dante, in der man schon frappant den jungen Verdi hören kann. Obwohl so manche Arien sehr diffizil angelegt sind, werden sie vom Ensemble überwiegend exzellent bewältigt: Ekaterina Bakanova ist eine flexible, kolora­tur­si­chere Violetta, um die sich alles dreht. Ihre, wie sich später heraus­stellt, Mutter Tedora wird von Yasko Sato sicher, aber mit etwas engen Höhen und zu wenig Ausdruck gesungen. Der Titelheld „Il bravo“ selbst ist bei Rubens Pelizzari mit seinem kraft­vollen, höhen­si­cheren, farbig etwas eindi­men­sio­nalen Tenor in besten Händen. Viel zu lyrisch und mit viel zu wenig Durch­schlags­kraft hört man hingegen den Tenor von Alessandro Luciano als Pisani. Die schönste Stimme des Abends hat zweifellos der junge Gustavo Castillo mit seinem unver­braucht klingenden, kernigen, runden Bariton als „böser“ Foscari. Ein Namen, den man sich merken sollte. Der Chor des Hauses, dessen Einstu­dierung Errol Girdle­stone besorgte, singt sehr homogen und vital.

Vital und mit vielen Schat­tie­rungen im Ausdruck und in der Dynamik hört man auch das Orchester des Wexford Festivals unter Jonathan Brandani. Die Rarität verfügt über jede Menge wunderbare belkan­teske Musik. Trotzdem wirken letztlich die fast drei Stunden – ohne Pausen gerechnet – gegen Ende hin doch etwas zu lang.

Großer, länger anhal­tender Jubel.

Helmut Christian Mayer

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