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ARIADNE AUF NAXOS
(Richard Strauss)
Besuch am
26. Januar 2019
(Premiere)
Hehre, hohe Kunst gegen lockere Unterhaltung, Opera seria gegen Opera buffa, elitäre Bildung gegen heiteren Zeitvertreib, um diese Gegenpole kreist die Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss. Schon die Entstehung des Werks war von diesem Konflikt geprägt: Denn der Komponist und sein Textdichter Hugo von Hofmannsthal stritten sich erbittert, wie man solche gegensätzlichen Positionen vereinen könne. So war die Kammerspiel-Aufführung 1912 in Stuttgart eigentlich ein Reinfall, und erst die überarbeitete Fassung reüssierte 1916 in Wien. Es ging im Grund darum, dass hier Theater aus dem Geist des Schauspiels, weg vom unechten Operngehabe, auf die Bühne gebracht werden sollte. Und diese Endfassung, mit einem „schlanken“ Orchester von 36 Musikern, mit einem Vorspiel, in dem lockeres Parlando der späteren Mitwirkenden dominiert und in dem nur der Komponist, hier weiblich besetzt, ein arioses Bekenntnis an die Musik als heilige Kunst ablegen darf, und mit einer Kombination von ernster und heiterer Opernhandlung im Hauptteil mit großen Arien erfüllte die Ansprüche von Komponist und Publikum.
Schon im Vorspiel zeigt sich, dass es hier um Theater auf dem Theater geht, auch um Bühnenpraxis, denn der Auftraggeber der musikalischen Schöpfung verlangt für eine Abendunterhaltung von den dazu bestellten Akteuren eine Mischung aus großer Barockoper mit heroischer Handlung und Musikstück mit Elementen der Stegreifkomödie, der Commedia dell’arte, eine musiktheatrale Kombination, die nicht zu lange dauert und nie langweilt. Hofmannsthal stellt hier die ideale Liebe Ariadnes der fröhlich unbeschwerten Auffassung von erotischen Beziehungen bei Zerbinetta gegenüber, die ihre Meinung mit halsbrecherischen Koloraturen äußert. Am Schluss aber siegt doch die „große“ Liebe zwischen Ariadne und Bacchus, was Strauss zu prächtigen Arien, einem gefühlvollen Duett und dahin schmelzenden Orchesterklängen anregt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dieser im Grund inhomogene Aufbau des Werks veranlasst Dominique Horwitz in seiner gelungenen Inszenierung am Mainfranken-Theater Würzburg dazu, den Aspekt der Realität zu betonen, den improvisatorischen Zug des Ganzen hervorzukehren und zwei ganz verschiedene Teile zu schaffen, die aber durch das Ziel, Kunst zur Unterhaltung zu bieten, zusammengehalten sind. So lässt Ausstatter Pascal Seibicke das Vorspiel auf einem düsteren, nebligen Vorstadt-Platz mit zwei Camping-Anhängern stattfinden, wo das „fahrende Volk“, das auch mit Rollkoffern ankommt, auf die Anweisungen seines Geldgebers wartet. Schon erscheint der Haushofmeister, Georg Zeies, und verkündet, was der reiche Auftraggeber von seinen Künstlern wünscht, nämlich eine kurzweilige Kombination von Drama und Komödie. Unmöglich!, finden die Vertreter der ernsthaften Kunst auf der linken Seite, die die etwas zwielichtigen Darsteller der leichten Unterhaltung auf der rechten Seite verachten. Primadonna und Sexy-Girl geraten aneinander. Zwischen allen Lagern aber steht die verzweifelte Komponistin, die ein Musiklehrer zu trösten versucht und ein Tanzmeister aufheitern will. Erst das Einverständnis zwischen der von allen Zerwürfnissen erschöpften Komponistin und der lebensklugen Zerbinetta beendet den Streit. Pause. Schnitt.
Im zweiten Teil blicken die Zuschauer in eine grellbunte Zirkuswelt namens Tartarus. Hier dirigiert ein Zirkusdirektor das Orchester, das nun hinten sitzt. Vorne, in einer schon etwas abgewetzten runden Manege, spielt sich das Geschehen ab. Links warten die Vertreter der „ernsten“, heroischen Oper auf ihren Auftritt, rechts sind die Gestalten der leichten Muse platziert. Gerade die vier männlichen Komödianten sind extrem schrill und verrückt bunt kostümiert, während die Zerbinetta als zierlicher Wirbelwind ganz in Orange allein durch ihre Beweglichkeit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Außerdem gehören zu dieser Seite noch drei turnende Akrobaten, die auch die Podeste hin- und herschieben. Ariadne erscheint elegant in üppig weißer Robe, ein Pferd auf der Seite wartet ebenfalls auf seinen Einsatz, auf dem dann Bacchus im Abendanzug statt auf einem Schiff ankommt, und die drei Nymphen, zwei davon seltsamer Weise zusammengebunden in Blau, eine in Rosa, mischen mit als Revue-Girls. Es gibt viel Glitzer, viel Farbe, und immer wieder wabern weiße Nebel über das Arena-Rund, buntes Scheinwerfer-Licht kreist, alles ist also fern alltäglicher Realität, eine Zirkus-Vorstellung.

Dass dieser Einfall so gut funktioniert, dafür sorgen auch hervorragende Sänger-Darsteller. Aus deren Kreis ragt natürlich musikalisch allein durch ihre sehnsüchtigen Arien die Hauptperson der Oper hervor, Ariadne, die Primadonna. Ilia Papandreou gibt ihr mit ihrem hochdramatischen Sopran glänzende Höhen, feine Emotionen in stets gerundeten Linien, und sie sieht auch noch blendend aus, verkörpert ihre Trauer und Todessehnsucht überzeugend. Ihr Gegenpart ist die lustig herumflirrende Zerbinetta. Nicht nur, dass Akiho Tsujii in dieser Rolle ein selbstbewusstes, rundum reizvolles Persönchen mit flinker Beweglichkeit kokett ins Zirkusrund zaubert, ihr glockenheller, flexibler Sopran liefert auch noch ein Feuerwerk an gestochen reinen Koloraturen ab, dass einem fast schwindlig wird. Als Komponistin, die fast an ihrer Berufung verzweifelt, imponiert Marzia Marzo einmal mehr nicht nur in der glaubhaften Gestaltung der Rolle, sondern vor allem mit ihrem schönen Mezzosopran, der sich wunderbar voll und schimmernd weiten und so alle Facetten der Empfindung ausdrücken kann. Daniel Magdal gefällt als Bacchus nicht so ganz. Ausgerechnet er vollführt nur große, repräsentative Gesten, ohne Gefühle deutlich zu machen, und scheint sich nur auf seine sängerisch anspruchsvolle Aufgabe als schmetternder Heldentenor zu konzentrieren; von einem jugendlichen Gott oder Liebhaber ist er weit entfernt. Die drei Nymphen aber preisen die beseelte Natur in stimmlicher Harmonie durch Silke Evers als Najade, Barbara Schöller als Echo, und auch Anneka Ulmer fügt sich unauffällig als Dryade in dieses Terzett ein. Unter den vier männlichen Commedia-dell’arte-Figuren ragt auch körperlich Daniel Fiolka als Harlekin heraus, ruft Heiterkeit hervor; Yong Bae Shin als Scaramuccio, Igor Tsarkow als Truffaldin und Roberto Ortiz als Brighella erfüllen ihre komödiantischen Aufgaben bestens. Taiyu Uchiyama als Perückenmacher, Kosma Ranuer als besorgter, schön singender Musiklehrer sowie der agile Mathew Habib als fröhlich wuselnder Tanzmeister vervollständigen das Szenario um den Opernzirkus. Eigentlich gelingt eine Versöhnung der ernsten und heiteren Muse am Ende nur unausgewogen. „Die heiteren Figuren sind zum Schluß nicht zu ihrem Recht gekommen, weder in der Musik noch in der Erscheinung – sie sind fallen gelassen und daraus resultiert ein Gefühl von Inkomplettheit, leider“, meinte Hofmannsthal 1916 dazu. Dass hier das Lyrische vom Dramatischen auch musikalisch dominiert wird, zeigt sich am triumphalen Ende; hier „siegt“ der Opernkomponist Strauss über den Poeten Hofmannsthal.
In der Musik leuchten aber während der ganzen Aufführung sowohl feine, emotionale Momente wie auch starke Gefühle auf, und Enrico Calesso am Pult des Philharmonischen Orchesters Würzburg lotet sie genüsslich aus, auch wenn dadurch der Anfang noch etwas zu breit und etwas verwaschen wirkt; aber mehr und mehr werden glänzende Steigerungen und instrumentale Einzelleistungen zu großen Ausdrucksträgern.
Das Premierenpublikum im voll besetzten Haus feiert lange und lautstark die gelungene Aufführung.
Renate Freyeisen