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Sieg der Musik

DER BARBIER VON SEVILLA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
10. März 2018
(Premiere)

 

Mainfranken-Theater Würzburg

Reinstes Vergnügen bereitet Gioachino Rossinis Commedia Der Barbier von Sevilla dem Opern­freund, wenn szenisch wie musika­lisch alles stimmt. Im Mainfranken-Theater Würzburg kann der beglückte Besucher einen solchen Abend erleben. Bei der Urauf­führung in Rom 1816 war ein ungetrübter Genuss nicht möglich, denn feind­selige Claqueure schlugen Krach, die Gitar­ren­saiten rissen beim Ständchen des Grafen, Basilio stürzte und musste seine Verleum­dungsarie blutüber­strömt singen, und am Schluss regte eine verstörte Katze auf der Bühne das Publikum zum Miauen an. Dennoch konnte Rossini seiner Mutter nach der zweiten Aufführung voller Freude schreiben: „Mein Barbiere di Siviglia ist ein Meisterwerk, … weil es eine ganz spontane und äußerst imitative Musik ist“. Von Stund‘ an begann der Siegeszug dieser herrlich komischen Oper, die heute ständig auf den Bühnen der Welt gespielt wird. Dabei merkt man dem Werk die äußerste Eile bei der Entstehung nicht an. In 26 Tagen war die Oper fertig, in 13 Tagen stand die Instru­men­tierung; im Libretto des römischen Dichters Cesare Sterbini war alles Politische der Vorlage der Komödie von Beaum­ar­chais von 1775 elimi­niert. Nach der üblichen Gepflo­genheit verwendete Rossini für die Ouvertüre schon vorhan­denes Material, nämlich die Eingangs­musik zu seinen ernsten Opern Aureliano in Palmira aus dem Jahr 1813 und Elisa­betta regina d’Inghilterra von 1815 sowie Teile von Arien aus anderen Opern, wie er auch später Teile des Barbiere etwa für die Cenerentola entnahm; die Secco­re­zi­tative mussten  andere entwerfen. Den Zeitdruck, unter dem Rossini stand, merkt man dem Werk nicht an. Es sprüht nur so vor Einfällen, aber die Eile, die Geschwin­digkeit, der voran­trei­bende Motor der Handlung sind konsti­tu­ie­rende Bestand­teile auch der Musik. Ein weiteres Element, das ständig die Intrigen befeuert, ist die Käuflichkeit der Welt, die Macht des Geldes oder Goldes, ein Argument, an dem schließlich der geizige und gierige Doktor Bartolo scheitert. Außerdem macht sich die Handlung lustig über dessen „nutzlose Vorsicht“; das Geschehen ist ausge­richtet an den Struk­turen und Typen der Commedia dell’ arte, etwa bei der Figur des Figaro, dem schlauen Diener Brighella, dem verklei­deten Grafen, dem Capitano, dem törichten Alten, dem Dottore. Rossini aber steigert das noch, indem er diese typisierten Gestalten mit Ironie überzieht, auch in der Musik. Man muss also nichts ernst­nehmen und hat doch ein Vergnügen daran, wenn sich trotz einer gewissen Überspitzung mühelos gewisse Paral­lelen ziehen lassen zu heutigen Zuständen.

Auch deshalb lässt Intendant und Regisseur Markus Trabusch bei seiner Insze­nierung alles in einem irgendwie erkenn­baren südita­lie­ni­schen Städtchen der 1970-er Jahre spielen, sehr geschickt, „die Figuren so nahe an unsere Lebens­rea­lität zu führen, wie es innerhalb der vorge­ge­benen Geschichte möglich schien“. Also gibt es keinen Rückgriff auf Zustände vor etwa 200 Jahren in Spanien. Schon während der Ouvertüre werden die Zuschauer einge­führt ins „Milieu“. Eine regen­nasse Straße vor etwas älteren Häusern mit Balkon im ersten Stock, mit Fußgängern, Radfahrer und kläffendem Hündchen, einer Telefon­zelle. Bald erfährt man, dass hinter den geschlos­senen Fenster­läden die schöne Rosina von ihrem Vormund bewacht wird, das angebetete Objekt des vermö­genden Grafen Almaviva, eines mit Sonnen­brille und schickem, rotem Sakko ausge­stat­teten Orts-Poten­taten. Mit einem Schmachtlied von einem Gestell mit überle­bens­großem Plakat der Geliebten aus versucht er, sie heraus­zu­locken; die von ihm bezahlten Helfer unter­stützen ihn dabei etwas halbherzig.

Erst als Figaro mit blonder Haartolle und ganz in Lila herein­schneit – seine Frisuren werden noch mehrfach wechseln – kommt die Werbung des Grafen in Schwung. Aber schon das extrem gefühl­volle Ständchen des Verliebten zur Gitarre lässt spüren, dass die Liebes­schwüre ziemlich konven­tionell sind; immerhin zeigt sich die Angebetete endlich auf dem Balkon, und auch im Inneren des Hauses, in dem sich Kartons stapeln, wirkt das Liedchen nach. Doch Rosinas Vormund, der verknö­cherte Doktor Bartolo, sieht die Gefahr, dass ihm seine künftige Geldquelle, sein Mündel, durch eine Heirat mit dem Grafen Almaviva „entwendet“ wird, und so berät er sich mit Musik­lehrer Basilio über Maßnahmen: der schlägt eine Verleumdung vor. Doch Bartolo, ein gräss­liches Ekel, wird trotz hekti­scher Bemühungen von dem als betrun­kener Offizier verklei­deten Almaviva herein­gelegt, als ein Zettel­krieg, ein lauter Kampf mit Schlag­stock, Pistole und Grünpflanze das Sicher­heits­per­sonal des Ortes herbeiruft; als klar wird, wen sie da in dem seltsamen Offizier vor sich haben, sind alle wie erstarrt; scheinbar beruhigt sich die Lage.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch im Musik­zimmer geht die Intrige weiter, als Almaviva als falscher Musik­lehrer auftaucht und angeblich Arien aus der Oper Die vergeb­liche Vorsicht proben will; während der verdeckten gegen­sei­tigen Liebes­schwüre schläft der Doktor kurzzeitig ein, darf aber dann selbst sein sänge­ri­sches Talent als eine Parodie auf sein Können zum Besten geben. Der die Idylle störende Basilio wird mit Geld hinaus­kom­pli­men­tiert. Aber Bartolo bleibt extrem misstrauisch und möchte selbst Rosina möglichst schnell heiraten, schickt deshalb den zurück­ge­kehrten Basilio zum Notar. Die Wendung der Verwick­lungen wird, wie häufig bei Rossini, durch eine Gewit­ter­musik einge­leitet. Regennass steigen Figaro und Almaviva über eine Leiter ins Haus ein, um Rosina zu entführen. Während sich das Liebespaar ausgiebig in Gefühlen ergeht, drängt Figaro zum Aufbruch. Noch vor Bartolo trifft der Notar ein; die Trauung der beiden Liebenden wird besiegelt, und Bartolo kommt zu spät, hat das Nachsehen, alle Vorsicht war umsonst. Liebe und ewige Treue werden bei rosarotem Licht geschworen.

Dass alles authen­tisch wirkt, dafür sorgen das sehr prakti­kable Bühnenbild von Susanne Hiller und die nie übertrie­benen Kostüme von Katharina Diebel, etwa das rosafarbene Sommer­kleid mit Petticoat von Rosina oder der langweilige Aufzug von Doktor Bartolo. Eine äußerst lebendige Perso­nen­regie bringt alle Handlungen analog zur Musik, unter­stützt durch das Licht von Benedikt Kreutzmann, genau auf den Punkt. So ergibt sich ein amüsantes, stets abwechs­lungs­reiches Spiel, und auch die Charaktere werden in ihrer Beson­derheit nie als genera­li­sierte Typen erfasst, sondern erscheinen als Menschen von heute.

Zwar beginnt die Musik in der Ouvertüre unter dem sehr engagierten Dirigat von Marie Jacquot etwas getragen – ursprünglich ja für ein ernstes Werk konzi­piert – aber dann entfalten sich durch das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg immer mehr sich im Tempo steigernde Klänge, wonnige, sonnige Melodik, die mitrei­ßende Motorik der genialen Oper. Dennoch kommt nichts überhastet, und auch die Sänger werden nie zugedeckt.

Foto © Nik Schölzel

Roberto Ortiz als Graf Almaviva fängt mit seiner Kavatine Ecco ridente in cielo eher verhalten an und auch seine Kolora­turen laufen noch nicht locker, immerhin war er doch bis zur Premiere krank, aber danach gewinnt er an Sicherheit, betont mit leichtem Schmunzeln das Schmach­tende seiner Gesänge, und sein heller, geschmei­diger Tenor kann immer mehr strahlen. So kann er mit Hilfe von Figaro ziemlich schnell das Herz der Angebe­teten erobern. Dieser Figaro, groß gewachsen, umtriebig und um keinen spontanen Einfall verlegen, begeistert gleich mit seiner berühmten Auftrittsarie. Daniel Fiolka preist sich effektvoll als pfiffiger, schlag­fer­tiger, mit allen Wassern gewaschener Coiffeur an und imponiert mit seinem kraft­vollen, schön timbrierten Bariton; agil und auch weich in der Stimm­führung und köstlich gestaltend ist er die kontras­tie­rende Ergänzung zu seinem Auftrag­geber, dem Grafen, der dank genügend Geld seinen Geist anregt. Bryan Boyce verkörpert den gestrengen Doktor Bartolo, den Gegner dieses Duos, nicht nur äußerlich passend durch seine farblose Erscheinung, sondern auch stimmlich bestens mit seinem starken, etwas trockenen Bass, mit Ton-Wieder­ho­lungen und dem Parlando-Stil und einer falsch einge­schätzten Selbst­dar­stellung in der Arie A un dottor della mia sorte , einem gelun­genen Bravour­stückchen. Musik­lehrer Basilio hat seinen großen Auftritt in der berühmten Verleum­dungsarie; Igor Tsarkov präsen­tiert sich hier recht subtil als äußerlich fast eleganter Subal­terner in Türkis ohne dezidierten Stand­punkt, und sein runder Bass passt sich bestens den buffesken Erfor­der­nissen seiner Rolle an, die er nicht zu aufdringlich komisch anlegt.

Beson­deren Glanz aber verleiht Marzia Marzo als Rosina der Aufführung; sie ist ein kleines Luder, scheinbar unschuldig naiv, bewegt sich recht kokett, ist einfach hübsch anzusehen, sich ihrer jugend­lichen Anziehung sehr wohl bewusst, tanzt ihrem Vormund Bartolo genüsslich auf der Nase herum und wickelt auch ihren Geliebten Almaviva alias Lindoro gekonnt um den Finger, so dass sie am Schluss ihren Willen durch­setzt; das Publikum aber gewinnt sie mit ihrem sicher geführten, reich bemit­telten Mezzo­sopran, der nicht nur in der berühmten Arie Una voce poco fa mit lockeren Kolora­turen und strah­lenden Höhen brilliert, sondern auch sonst mit feinen Farben bezaubert. Auch die Neben­rollen überzeugen trotz kleiner Partien, so Paul Henrik Schulte als Fiorello mit sicherem Bass und Akiko Tsujii als Dienst­mädchen Berta, gegen den Staub im Hause Bartolo ankämpfend, mit hellem Sopran. Die Bürger dieses italie­ni­schen Städt­chens, alles Männer, sind viel beschäftigt auch im Security-Gewerbe und singen dank der Chor-Einstu­dierung von Anton Tremmel sehr ausgewogen.

Nach dem glück­lichen Ende des wie von einem elektri­schen Motor unauf­hörlich angetrie­benen Geschehens voller Intrigen ist das begeis­terte Publikum in der ausver­kauften Premiere völlig aus dem Häuschen und feiert alle Mitwir­kenden mit Bravo­rufen, stehenden Ovationen und vielen Vorhängen. So sollte Theater immer sein!

Renate Freyeisen

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