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Puccinis zweite große Oper La Bohème wurde nach der Uraufführung in Turin 1896 zuerst reserviert aufgenommen, avancierte aber bald zum Liebling des Publikums nicht nur wegen der wunderbaren lyrischen Arien, sondern auch wegen der Verbindung von romantischen und realistischen Elementen, wegen des lebhaft wechselnden Konversationstons, der musikalischen Ausmalung von szenischen Details, wegen der melodischen Süße. „Ich bin nicht der Musiker der großen Dinge, ich empfinde die kleinen Dinge … So gefielen mir jene vier lustigen Gesellen der Bohème, weil es so liebe Burschen waren, leichtsinnig, aber gemütvoll, ohne den Anspruch, den anderen imponieren zu wollen“, meinte Puccini zu seinem Stoff. Und der Komponist liebte es auch immer, besondere Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, schrieb glänzende Arien für sie. Daneben unterstreicht er die jugendliche Unbekümmertheit der Bohèmiens mit einem tänzerischen Motiv, das er seiner Abschlussarbeit für das Mailänder Konservatorium 1883 entnimmt, vielleicht, weil es ihn an seine eigenen ärmlichen Studentenzeiten erinnert, und das mehrfach auftaucht, auch in der Mantelarie des Colline. Da aber konfrontiert Mimis Sterben die vier vorher das Leben spielerisch ausprobierenden Künstler-Typen mit dem realen Leben.
Im Mainfranken-Theater Würzburg lässt Regisseurin Martina Veh die Handlung in den 1968-er Jahren beginnen, begleitet sie in vier Etappen von der Studenten-WG bis ins Seniorenheim in unsere Gegenwart, sieht sie als traurige Liebesgeschichte im Wandel der Zeiten in einem letztlich prekären Künstler-Milieu, im lockeren Möchtegern-Aufbegehren gegen alles Bürgerliche. So geht es von der Studenten-Kommune ins bunte Treiben vor einer neuen Shopping-Mall, setzt sich fort auf der Straße um die Jahrtausendwende , als die gescheiterten Künstler in einem alten Auto campieren, und endet im Altersheim, als alle zittrig und betagt in einem aseptisch kalten Gemeinschaftsraum einen armseligen Weihnachtsabend verbringen und Mimi, todkrank, stirbt. Die vier Freunde, die ihr „künstlerisches“ Leben nur als Subkultur pflegen aus Protest gegen die etablierte Gesellschaft, als konzeptloses Spiel ohne Verantwortung, spüren am Schluss, dass eigentlich ihr Leben ohne Sinn war. Mimis Tod schweißt sie zwar zusammen, doch daraus entsteht keine Erkenntnis, das Spiel ist aus.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Die Inszenierung bewegt sich in einem sehr aufwändigen Bühnenbild von Émilie Delanne, anfangs in einer fast zu hellen, nach vorne offenen studentischen „Bruchbude“, angedeutet durch abgeblätterten Putz, dann vor der Treppe zu einem stark frequentierten Kaufparadies, wo Mimi rosafarbene Kopfhörer-Puschel erhält, schließlich auf der Straße mit klapprigem Kombi auf der Seite und einem ruinösen Bau im Hintergrund und endet in einem zweckmäßig eingerichteten, grünlichen Gemeinschaftsraum mit Betten. Was misslich ist: Für die Umbauten braucht man Zeit, und so werden jeweils beim Warten auf den nächsten Akt die extrem vergrößerten, sich in Zeitlupe bewegenden Projektionen der zwei gegensätzlichen Paare Mimi und Rodolfo beziehungsweise Musetta und Marcello auf dem Eisernen Vorhang gezeigt. Der aber wird zu Ende des dritten Akts, als sich Mimi und Rodolfo nach der Trennung wiederfinden, als leerer Hintergrund belassen, ein optischer Bruch. Für die verschiedenen Zeitebenen wählt Magali Gerberon geeignete Outfits, anfangs recht passend, wobei der langhaarige Marcello im Blaumann mit Kappe besonders hervorsticht; ob allerdings ein weißes Strickkleid mit Schal für die nach Doris-Day-Manier aufgemachte Mimi so angebracht ist, bleibt fraglich. Die Treppe vor der Mall im zweiten Akt mit der bunt durcheinander wimmelnden Masse, von der Oma bis zum Kind, von Punks mit Irokesen-Haarschnitt und einer Aerobic-Truppe bis zu eiligen Kauflustigen und dem Bistro mit der schicken Chefin ist gewiss ein Hingucker. Dann aber wird es düster, als die Straßenarbeiter im dritten Akt anrücken, während das kühle Altersheim-Interieur eher Kälte verströmt, und von den Insassen, mit dem Hilfsmittel Rollator ausgestattet, nur die mittlerweile grauhaarige Musetta in ihrem gelben Gewand noch eine gewisse verblichene Eleganz spüren lässt. Die anderen Bewohner jedoch scheinen vergreist und hinfällig. Der Tod Mimis aber ist ein Schock, und da versagt die Welt der Töne: Die letzten Worte werden gesprochen.
Die Musik Puccinis vermittelt dem Zuhörer eine zart anrührende Atmosphäre, betört mit breiten, ariosen Partien, weichem Orchesterklang, oft fast impressionistisch anmutend. Enrico Calesso am Pult des sehr aufmerksamen Philharmonischen Orchesters Würzburg betont das stark, lässt gerade in den letzten beiden Akten die intimen, kammermusikalischen Momente aufleuchten, seine Musiker melodischen Schmelz entfalten. Lediglich in der berühmten Arie des Rodolfo Che gelida manina hätte er den Orchesterklang etwas zurücknehmen können, Ansonsten aber trägt er die Sänger, alle vom Haus, durch seine beschwörenden Gesten zu Höchstleistungen. Auch Chor und Extrachor sowie der Opern-Kinderchor der Chorakademie Dortmund liefern trotz ständig bewegtem Durcheinanderwuseln im zweiten Akt ein eindrucksvolles, abwechslungsreiches Klangbild ab, geleitet von Anton Tremmel.

Silke Evers gestaltet die Mimi als junge, nur scheinbar schüchterne Frau, dann als Kranke und schließlich gebrechliche Greisin recht überzeugend und unterstreicht das mit ihrem stets glänzenden, volltönenden Sopran, ein Höhepunkt natürlich ihr Mi chiamano Mimi. Ihr Gegenbild ist die leichtlebige Musetta, ein zierlicher, sonniger, auch mal wütender, koketter Wirbelwind, von Akiho Tsujii überragend mit strahlend hellen Höhen und viel Emotion gesungen, mitreißend der berühmte Walzer im zweiten Akt. Rodolfo, der Poet, findet in Roberto Ortiz die passend nachdenkliche, aber auch bewusst passive Verkörperung; der Tenor hebt dabei mit schön timbrierter, lyrisch betonter Stimme und fein schimmernden Höhen vor allem die schmerzlichen Seiten der Liebe hervor. Dagegen ist der Maler Marcello bei Daniel Fiolka ein kraftvoller Bursche, imponierend mit seinem klaren, sicheren, starken Bariton und so der passende Partner für Musetta. Der Philosoph Colline wird von Igor Tsarkov mit fülligem Bass als sensibler Denker dargestellt, eindrucksvoll in seiner Mantelarie, während der Bariton Kosma Ranuer als Musiker Schaunard ein bisschen die auch äußerlich sichtbaren, etwas grotesken Seiten seiner Figur betont. Als Parpignol mimt Mathew Habib mit buffeskem Tenor einen Clown, später einen Straßenarbeiter am Feuer, und die etwas steif konventionellen Gestalten des Hausbesitzers Benoit, David Hieronimi, und des reichen alten Alcindoro, Tobias Germershausen, fordern nicht nur das Personal der Oper zum Lachen heraus.
Nach dem traurigen Ende aber, als überflüssiger Weise noch ein Riss durch die Wand des Altersheims geht, feiert das Premierenpublikum im ausverkauften Haus vor allem die musikalische Seite der Inszenierung; ein paar schüchterne Buhs sind auch zu hören.
Renate Freyeisen