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In Georges Bizets Oper Carmen von 1875 treten auf der Bühne der Blauen Halle des Würzburger Mainfrankentheaters gleich zwei Carmen auf, eine manchmal nur sprechend, ansonsten stumm daneben, in grellrotem Plastikkleid, die Schauspielerin Laura Storz, die andere, die eigentliche Carmen, die Sängerin und Darstellerin Vero Miller, ständig präsent, vorwiegend kämpferisch in Schwarz. Warum ein solches Duo? Warum ein Alter Ego für die Carmen, als Unterstützung oder als Kommentatorin bei ihren Handlungen? Eigentlich ist eine solche Gestalt nicht nötig, denn durch das schlüssige Spiel sollte dem Publikum ohnedies klar sein, dass Carmen unbedingt ihre Freiheit will, auch wenn sie dabei zugrunde geht.
Regisseur Till Kleine-Möller hat, wie sich auch an anderen Beispielen zeigt, mit seiner Inszenierung einfach zu viel gewollt. So beginnt alles mit Videos von Explosionen, später sind zerschossene Häuser zu sehen, und nach der Pause marschieren vermummte Soldaten durchs Publikum und schießen aufs Volk auf der Bühne; aus den Arbeiterinnen in einer Zigarettenfabrik sind nun Frauen geworden, die Bomben und Munition fabrizieren und dann dauernd Munitionskisten schleppen müssen. Die Regie will bei allem wohl an den Spanischen Bürgerkrieg erinnern, vielleicht auch an heutige Kriege. Die Komparserie fungiert als eine Art Ballett auf der kleinen Drehbühne, in rotem Latex auch mit Masken als Stiere auf dem Kopf als Einstimmung auf den Stierkampf, alles vor den im Halbrund angeordneten flexibel verwendbaren Wänden, zwischen denen immer wieder Leute hervorquellen, Arbeiterinnen, Soldaten, Schmuggler, Revolutionäre. Die Bühne von Isabelle Kittnar wirkt da teilweise geradezu überbevölkert, und um die runde Fläche in der Mitte, den Auftrittsort für die meisten Handlungen, wie die Kneipe von Lillas Pastila oder den Treffpunkt der Desperados im Gebirge, drängen sich dann viele. Ist schon für alle der Platz knapp, muss sich der vielköpfige Kinderchor noch mehr beschränken auf den engen Raum anfangs des ersten Akts. Auch die Kleidung, bei der Ausstatterin Su Bühler engen, glänzenden Latex bevorzugt, vor allem aber die teilweise hoch aufgetürmten Frisuren der Arbeiterinnen wirken teilweise übersteigert. Auch sexistische Anspielungen wie bei den Penis-Taschenlampen sind überflüssig. Die gesprochenen Wortwechsel scheinen oft entbehrlich.

Entscheidend für das Gelingen aber ist die musikalische Seite. Zwar sind die meisten „Nummern“ der Oper mittlerweile beliebte Ohrwürmer, bei denen einige mitsummen, doch um zu überzeugen, muss vor allem die Hauptfigur, eben die Carmen, auch in ihrer Darstellung erotisch verführerische Qualitäten aufweisen. In ihrem enganliegenden, schwarzen Outfit, meist in Hosen und knappem Oberteil, aus dem sie manchmal bei Bedarf einen roten BH aufblitzen lässt, wirkt sie fast etwas maskulin, aggressiv, in kämpferischer Attitude, oft sogar etwas verhalten und unbeteiligt; diese Carmen scheint bewusst mit ihren sexuellen Reizen zu geizen. Miller entspricht mit ihrer dunklen Lockenpracht und ihrer schlanken Statur äußerlich durchaus dem Ideal einer quasi männermordenden Frau. Aber dafür bewegt sie sich wenig anschmiegsam, eher sportlich. Ihr hoher, kräftiger Mezzosopran eignet sich nicht unbedingt für die Partie der Carmen, denn ihm fehlen die erforderliche, samtige Tiefe und die schattierenden Färbungen; sie singt zwar sicher die Habanera und bewältigt die Schwierigkeiten gut, aber am Schluss sind doch die Anstrengungen hörbar. Dass sie sich in den steifen, überhaupt nicht attraktiven Escamillo verliebt, der in sein Kostüm wie eingesperrt wirkt und auch als Torero keinen Siegertyp darstellt, ist wenig glaubhaft, und Gustavo Müller kann mit seinem etwas schmalen Bariton ohnedies nicht auftrumpfen. Dass sie seinetwegen den Sergeanten José verlässt, den sie um alles bringt, was ihm einmal etwas bedeutet hat, und der sie – wohl auf ihren Wunsch hin – umbringt und sich dann auch hinterher mit demselben Messer ersticht, das wirkt irgendwie seltsam. Jongwoo Kim aber spielt José sehr überzeugend als freundlichen, etwas naiven jungen Soldaten, der sich in die von allen angebetete Carmen verguckt und so in einen Teufelskreis von Verführung zu ungesetzlichem Verhalten, Alkohol und Zwang in die Halbwelt der revolutionären Outsider gerät.

Als etwas ungeschickter Einfall der Regie ist auch zu bewerten, dass er von Carmen keine rote Rose als Andenken erhält – wohl in Kriegszeiten nicht verfügbar – sondern einen roten Schal, den er aber dann in der berühmten „Blumenarie“ vergeblich als Beteuerung seiner Liebe beschwört, und diese Arie La fleur que tu m’avais jetée singt er mit so viel Schmelz, Stimmglanz und hinreißender Gestaltung, dass der lange Szenenapplaus nur zu berechtigt ist. Auch sonst imponiert der Tenor mit nie angestrengt klingenden, großen Höhen und bester Gestaltung. Für die Micaëla, die treue, aber verschmähte Braut aus dem Heimatdorf, in ihrem weißen Tüllröckchen ein Lichtblick in der dunklen Umgebung, wird von Milena Arsovska mit sicherem, kraftvoll dramatischem, hellem Sopran mit etwas unruhigem Vibrato gesungen; ihm fehlt für die Rolle ein wenig das Schlichte, anrührend Bittende. Dafür harmonieren die beiden Kartenlegerinnen Mercédès, Marianna Martirosyan, und Frasquita, Minkyung Kim, stimmlich bestens und agieren auch äußerst lebendig. Als etwas komisches Gespann erscheinen die Anführer der Gesetzlosen Le Dancaire, Taiyu Uchiyama, und Le Remendado, Mathew Habib. Gabriel Fortunas markiert mit etwas blassem Bass einen nicht immer korrekten Offizier Zuninga; er wird in der Kaserne assistiert von Moralès, Leo Hyunho Kim.
Der Chor, die Männer als Soldaten und Schmuggler und die Frauen aus der Munitionsfabrik, ist ständig in lebhafter Bewegung und singt dabei fein abgestuft, bestens einstudiert von Sören Eckhoff. Für all diese Leute ist dann auch beim Stierkampf der Platz knapp. Das Philharmonische Orchester Würzburg gefällt unter der inspirierenden Leitung von Mario Venzago mit warmem Klang und angemessenem Schwung, deckt die Sänger nicht mit Lautstärke zu, treibt das Tempo trotz mitreißender Dramatik nicht zu sehr an.
Dem Publikum im ausverkauften Haus bei der Premiere ist beim langen Jubel die Begeisterung für die große Oper auf der eigentlich dafür zu kleinen Bühne in der Ersatzspielstätte des Theaters anzumerken.
Renate Freyeisen