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CLASSIC SOUL
(Dominique Dumais)
Besuch am
2. November 2024
(Premiere)
Weder „klassisch“ noch „abstrakt“ ist das neue Ballett Classic Soul von Dominique Dumais, sondern mit tänzerischen Mitteln eine Huldigung an die legendäre afroamerikanische Jazz- und Soul-Sängerin und ‑Pianistin Nina Simone aus den USA, geboren 1933, gestorben 2003. Die Choreografie der Würzburger Ballettchefin fesselt in der Blauen Halle des Mainfranken-Theaters durch eine enge Verbindung von Tanz und Musik und gibt dabei die Quelle an, durch die Simone eigentlich erst zu ihrer Berufung fand: Es war Johann Sebastian Bach; durch dessen Klavierwerke wurde sie, die in ihrer Jugend mit Kirchenmusik in Berührung kam, aber trotz Talent nicht auf dem Konservatorium Musik studieren konnte, angeregt, unermüdlich auf dem Klavier zu üben und später wurde sie durch Bach zu eigenen Kompositionen und zum Improvisieren inspiriert. Das Singen bot ihr sie Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten und dabei Klavier zu spielen.
In Würzburg kommt nun Bachs Musik vom Band, gespielt von Glenn Gould, und Simones Werke von Tonträgern oder von Ausschnitten aus ihren Live-Auftritten. Simone erzählt mit ihren Songs von diversen Emotionen und auch von ihrem politischen Engagement, etwa für die Bürgerrechtsbewegung. Für das neue Ballett greift Bühnen- und Kostümbildnerin Kerstin Laube die Elemente nicht bildlich auf, erinnert aber durch das Innere eines Konzertflügels an Simones pianistische Basis; ansonsten genügt zwischendurch ein Polstersessel als Andeutung des Starkults um die Sängerin, und die verschiebbaren Vorhänge im Hintergrund, mal durchsichtig, mal glitzernd, erinnern an ihre Show-Auftritte. Das zwölfköpfige Ensemble erscheint mal in Schwarz, mal auch mit etwas Glamour, später in satten Rot-Tönen oder in sanftfarbenen, eleganten, engen Seidenkleidern, Hinweise darauf, dass die Sängerin zunächst vor dem Erfolg auch dunkle Zeiten durchlebte, bis sie zum Schluss anerkannt war, deutlich an einem versöhnlichen Blues.

Alles beginnt mit Bachs Präludium Nr. 1 C‑Dur BWV 846, eindringlich in einem Solo gestaltet von der Tänzerin Matisse Maitland in geschmeidigen Bewegungen mit dem ganzen Körper bis in die Fingerspitzen, scheinbar den Rhythmus zählend. Bei den folgenden Nummern, angeführt durch das bekannte Feeling Good, kommen die anderen Tänzer hinzu, bilden Gruppen, lösen sich wieder auf in dynamisch wechselnden Verschiebungen, wollen damit auch auf die komplexe Struktur der musikalischen Improvisation hinweisen, etwa bei Love Me Or Leave Me. Zwischen die verschiedenen Simone-Stücke schieben sich auch Teile aus Bachs Goldberg-Variationen. Der Ausdruck von Emotionen in den Songs aber, von fröhlich über aggressiv zueinander bis zu träumerisch, spiegelt sich in den in der Geschwindigkeit und den variierenden, oft überraschenden Tanz-Figuren; ernst bis deprimierend aber wird es bei Songs wie Strange Fruit und Black Swan, begleitet von einem Video, einem schwarz-weißen Dickicht im Hintergrund, wenn Simone von blutigen Blättern singt und so aufmerksam macht auf die Diskriminierung von Afro-Amerikanern, ihrem eigenen Schicksal. Besonders imponiert hier Yester Mulens Garcia mit seinen hohen, leichten Sprüngen, blitzschnellen Drehungen und seiner flexiblen Ausstrahlung.
Doch auch die heitere Seite kommt nicht zu kurz bei Go Limp mit der Aufforderung zum Mitsingen, oder wenn Maya Tenzer, Verkörperung des weiblichen Stars, die Ermahnungen ihrer Mutter überhört. Dabei will die Choreografin mit ihrer Tanz-Komposition keineswegs die Lebensgeschichte von Nina Simone erzählen, auch wenn mit einem geradezu aufpeitschend rhythmischen, wie entfesselt getanzten African Mailman auf die Herkunft der Sängerin und ihrer Familie, also auf ihre Wurzeln, hingewiesen wird. In diesem Ballett geht es eigentlich um die Einheit von Musik und Tanz und die Faszination der Kunstform auf den Menschen.
Dass das in spannenden 90 Minuten gelingt, zeigt der begeisterte Applaus des Premierenpublikums im fast vollen Haus!
Renate Freyeisen