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Foto © Dita

Fest der Stimmen

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
7. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Mozartfest Würzburg, Kaisersaal der Residenz, Würzburg

Ein Fest der Stimmen, aber auch der diffe­ren­zierten Gestaltung mensch­licher Gefühls­re­gungen beschert die konzer­tante Aufführung von Mozarts Oper Così fan tutte dem begeis­terten Publikum im nahezu ausver­kauften Kaisersaal beim Würzburger Mozartfest. Eine solch rein musika­lische Darbietung besitzt den Vorteil, dass hier Auge und Verstand nicht abgelenkt werden durch irgend­welche Regie-Untaten, die das Werk neu inter­pre­tieren wollen. Im Jahr der Franzö­si­schen Revolution geschrieben und auch Die Schule der Liebenden genannt, ist das Werk wohl auch als eine Antwort auf die Opera seria mit ihren überkom­menen Helden­taten und Tugenden sowie das aristo­kra­tische Menschenbild zu verstehen, stellt es rigoros in Frage, ebenso parodiert Mozart hier die übliche Opera buffa, also die heitere Oper, wenn er die Handlung ablaufen lässt zwischen Personen in gehobener Position, die dann irgendwie ratlos zurück­bleiben. Denn Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte führt hier einen Menschen­kenner und philo­so­phi­schen Manipu­lator Don Alfonso ein, der all die vermeint­lichen Gewiss­heiten über Gefühle und moralische Verhal­tens­weisen ad absurdum führt und damit die angeb­liche Stand­haf­tigkeit in den Äußerungen demas­kiert. Nichts ist sicher, konstant ist nur die Ungewissheit, und die unerfüllte Sehnsucht nach einer Lösung dieses gestörten Weltemp­findens bleibt am Ende.

Foto © Dita Vollmond

Damit müssen sich die Paare, die sich getäuscht sehen in ihren Liebes­be­kun­dungen, eben abfinden. Ob dieses Gefühl über die innere Zerris­senheit hinweg­helfen kann, wie sie unter­schwellig auch zu spüren ist in der Arie der Fiordiligi Come scoglio an den irren Sprüngen, bleibt zweifelhaft, hinter­lässt aber letztlich Desil­lusion. Mozart drückt solches in einem Brief an seine Frau 1791 aus: „Ich kann Dir meine Empfin­dungen nicht erklären, es ist eine gewisse Leere – die mir halt wehe thut, – ein gewisses Sehnen, welches nie befrie­diget wird, folglich nie aufhört – immer fortdauert, ja von Tag zu Tag wächst“. Mozart erlebte solche verun­si­chernden Situa­tionen immer wieder, auch mit der Così, denn nach der erfolg­reichen Urauf­führung 1790 starb kurz darauf sein Gönner Kaiser Joseph II., und die Oper wurde vom Spielplan genommen. Der Komponist selbst erlebte dann nicht mehr, wie sein bei aller wunder­schönen Musik tief verstö­rendes Werk auf den Bühnen „verhunzt“ wurde, als „frivol“ bezeichnet und damit die „Weiber­treue“ diffa­miert wurde.

All dem geht Chris­tophe Rousset mit seiner konzer­tanten Aufführung klug aus dem Weg, lässt allein die Musik sprechen, und durch sein wunderbar alle inneren Regungen aufneh­mendes Orchester Les Talens Lyriques, das er 1991 gegründet hat, in feinen Nuancen vermitteln.

Für Rousset, artiste étoile des Mozart­fests 2024, hebt sich Mozart in seiner Beson­derheit aus seinen damals erfolg­rei­cheren zeitge­nös­si­schen Kompo­nisten hervor. Das dem heutigen Publikum zum Vergleich anzubieten, sie bekannt­zu­machen, ist eines der Anliegen des Cemba­listen und Dirigenten. Deshalb hat er auch im Eröff­nungs­konzert des Festivals Kompo­si­tionen von Mozart solchen von Giuseppe Sarti, Joseph Haydn, Vincente Martin y Soler und Antonio Salieri gegen­über­ge­stellt. Deren Opern-Arien wurden von Benjamin Appl mit schön timbriertem, kernig-kräftigem, tragfä­higem Bariton glänzend vermittelt. Mozarts Arien erfordern jedoch mehr diffe­ren­zierte Gestaltung als nur festlichen Glanz und schwung­volle Steige­rungen; bei ihm zeigt sich auch wie bei der Abschiedsarie Io ti lascio, o cara, addio  KV 621a eine nicht ganz ernst zu nehmende Seite des Theatra­li­schen wie auch beim Handkuss Un bacio di mano hinter­grün­diger Humor; und im dritten Akt des Figaro macht Appl echte Erregung und Empörung spürbar, eine durchaus mensch­liche Reaktion, die in der Così noch mehr auf den Kopf gestellt wird, denn hier haben wir es mit vorge­täuschten oder einge­bil­deten Gefühlen zu tun.

Ein weiteres Anliegen von Rousset ist die Förderung von jungen Stimmen. Dafür hat er am Mozart­Labor im idylli­schen Himmels­pforten mitge­wirkt und zusammen mit der Opern­sän­gerin Clarry Bartha ausge­wählte Stipen­diaten geschult für ein großes Abschluss­konzert im Kaisersaal, bei dem vor allem die Sopra­nistin Karolina Bengtsson mit einer großartig reifen Darbietung der Susanna in Deh vieni brillierte; aber auch die beiden Mezzo­so­pra­nis­tinnen Martina Baroni und Barbara Skora imponierten mit Stimm­glanz, und Defne Celik bezau­berte mit feinem Sopran, während Bariton Sakhiwe Mkosana sich eher auf seine Stimm­stärke in Arien von Salieri und Soler verließ.

Doch eine konzer­tante Cosí fan tutte verlangt von allen höchsten Einsatz und enorme Varia­bi­lität im Ausdruck, zumal hier Gestik, Kostüm und Bewegung wegfallen. Vielleicht hätte man sich doch ein paar „optische“ Hilfen gewünscht auf das Geschehen zwischen den handelnden Personen; sie präsen­tieren sich immer nur zu ihren Auftritten auf der Bühne. Das Orchester aber zeigt schon bei der Ouvertüre, worauf es Rousset, am Cembalo, ankommt: straffe, kurze Akzente, darauf liebliche Bläser­linien und dann viel Dampf, schnelle, wie dahin­ge­wischte Bewegung der Tutti, launig, fast übermütig, stets fein durch­sichtig und immer mit innerem Antrieb voran­eilend, nie aber hastig.

Foto © Dita Vollmond

Dann beginnen die beiden Männer, Ferrando, Jeremy Ovenden, mit hellen, etwas flachen, aber zu schönen Weite­rungen und Höhen, wie bei Un’aura amorosa, sich aufschwin­gendem Tenor, und Guglielmo, Benjamin Appl, mit unange­strengt kräftigem, sich frei zu wohlklin­genden Höhen und facet­ten­reichen Aussagen entfal­tendem Bariton, in einen Wettstreit um die Vorzüge ihrer Herzens­damen einzu­treten. Da aber mischt sich Marchese Don Alfonso ein, als lebens­kluger, erfah­rener Herr und regt die beiden an, die Treue ihrer Liebsten zu erproben durch ein Verwirr­spiel um angenommene neue Identi­täten; gottseidank sind hier keine, wie sonst üblich, abstrusen, nicht glaub­haften Verklei­dungen zu sehen! Georg Nigl ist zu bewundern ob der Exaktheit seiner Diktion bei gleich­zeitig wie selbst­ver­ständlich gesang­licher Präsenz seines nicht allzu schweren, stets bestens klingenden Bassba­ritons, mit dem er die beiden jungen Männer lenkt und dabei seinen Spaß hat an ihrer Verun­si­cherung. Auf der anderen, der weiblichen Seite, hat Despina, das Kammer­mädchen der Damen, die sich anbah­nende Tragi­ko­mödie im Griff: Judith van Wanroij gestaltet ihre Partie mit hellem, beweg­lichem Sopran, sehr agil, macht sich dabei auch lustig über die Herzens­ver­wir­rungen ihrer Gebie­te­rinnen, bestärkt sie darin noch, etwa mit der Arie Una donna a quindici anni geläufig neckisch, mit falschem Pathos. Auch wenn die beiden Schwestern, nachdem die geliebten Partner angeblich in den Krieg ziehen müssen, wofür Mozart einen leicht heldisch aufmun­ternden Chor von Soldaten, hier klang­schön ausge­führt von sechs Studenten der Hochschule, erfunden hat zu martia­li­schen Aufbruchs­ak­zenten des Orchesters, das Addio der Damen wirkt zwar schmerzlich, ist aber von schwe­benden Geigen­klängen begleitet. Als dann die beiden Fremden auftauchen und die Schwestern umwerben, beteuern sie ihre unver­brüch­liche Treue zu den angeblich Abwesenden. Fiordiligi, Galina Averina, kann dabei in ihrer berühmten Arie Come scoglio zeigen, welche Quali­täten ihr runder, nicht allzu heller Sopran hat an fülliger Tiefe und glanz­voller Höhe, an hochdra­ma­tisch Nachdrück­lichem, lockeren Verzie­rungen und unange­strengter Überwindung der Regis­ter­sprünge. Da kann ihr Verlobter Guglielmo nur in barito­naler Kraft schwelgen bei Non siete ritrosi, und bei der leicht­sin­nigen Dorabella findet er leichter Gehör.

Emilie Renard kann mit ihrem schön klingenden Mezzo­sopran flüssige Linien zeichnen mit starken, nie übertrie­benen Betonungen; vor allem die Duette, Terzette und Ensembles begeistern durch wohlaus­ge­wogene Harmonie der Stimmen, etwa beim kraft­vollen Sextett des Schlusses, wo alles zur Zufrie­denheit endet, jeden­falls im Moment. Das Ganze ist ein Fest der Stimmen, vor allem aber der Stimmungen auch durch das hervor­ra­gende Orchester, mal zart schim­mernd, mal schwungvoll, mal sinnvoll akzen­tu­ierend, mal unglaublich geschwind, dann wieder spannend angehalten, oft auch das Gesungene unter­schwellig ironi­sierend. Dirigent Rousset kann hier dank dem „Seelen­for­scher“ Mozart die Täuschungen der Liebe ganz sensibel vermitteln. Der Ruf nach Libertà regt dazu an, Allzu­mensch­liches unvor­ein­ge­nommen zu akzeptieren.

Das Publikum würdigt die bravouröse Leistung aller lange mit stehenden Ovationen.

Renate Freyeisen

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