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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
4. Februar 2024
(Premiere)
Mozarts dramma giocoso über den bestraften Wüstling, Weiberhelden und unersättlichen Lebemann Don Giovanni, uraufgeführt 1787 mit wenig Erfolg in Prag mit dem Text von Lorenzo da Ponte nach der Vorlage von Giuseppe Bertatis Der steinerne Gast, weckte auch nach einer Überarbeitung für Wien 1788 keine rechte Begeisterung.
Dass diese Oper aber auch heute noch Jubel auslösen kann, zeigt sich einmal mehr an der gelungenen, sehr lebendigen Inszenierung durch Markus Trabusch in der Blauen Halle des Würzburger Mainfrankentheaters. Das liegt auch an der wunderbar alle Handlungsstränge deutenden Musik, die sprachliche und dramatische Ungereimtheiten vergessen macht und an den vielen komischen Elementen trotz ernsten Hintergrundes. Am Schluss bleibt in der Schwebe, ob das Publikum sich freuen darf über den Untergang eines hemmungslos sich auslebenden Lüstlings, der sich über alle Regeln des menschlichen Miteinanders hinwegsetzt, oder ob das drastische Ende der tragischen Komödie zu verstehen ist als ein christlich-moralisches Lehrstück, worauf ein mahnender Zeigefinger als Projektion auf dem Vorhang, vielleicht ironisch, verweist. Alles darf man nicht allzu ernst nehmen. Denn am Ende erscheint die verführte Donna Anna schwanger – von wem? – vertröstet ihren allzu geduldigen Verlobten Don Ottavio auf später, die konsequent den Verführer liebende Donna Elvira geht ins Kloster, das Paar Masetto und Zerlina kann endlich heiraten und Leporello wird arbeitslos. Sind dann alle glücklich nach dem Ausflug in eine schrankenlose Freiheit, wie sie der zur Hölle gefahrene Don Giovanni propagiert hat? Fest steht: Es ist eine Oper über starke Frauen. Das Männerbild ist, wie Ausstatter Marcel Keller anfangs per Projektion auf dem Vorhang andeutet, austauschbar. Don Giovanni ist sozusagen der ins äußerst Negative gesteigerte Vertreter einer patriarchalischen Weltordnung, ungebärdig, fast dämonisch in seiner Lebenslust, wie auch in seiner Champagnerarie in der Wendung nach Moll zu spüren ist. Leporello scheint ohne rechten Willen zur Veränderung seiner Lage, immer auf der Flucht, von seinem Dienstherrn gelenkt oder unterdrückt, so wie es auch geschieht bei der Bestrafung durch Zerlina, und Don Ottavio, schon äußerlich als etwas passiver Intellektueller mit Brille erkennbar, fügt sich, wie auch der immerhin misstrauische, aber letztlich machtlose Masetto, in die Wünsche der geliebten Frau, in die Rolle des nur Reagierenden.

Dass das ganze zwischenmenschliche Beziehungschaos spannend bleibt, dafür sorgt die geschickte, stets in Bewegung gehaltene, auf emotionale Glaubwürdigkeit achtende Personenregie. So benötigt die Inszenierung keinen Bezug auf Spanien oder das 17. Jahrhundert oder adelige Privilegien, sondern lässt alles ungefähr im Heute der 50-er Jahre spielen, sichtbar an der Kleidung oder einem Radio. Zu Anfang kommt Don Giovanni in Motorrad-Renn-Kluft und leert eine Flasche mit Donna Anna, was zu enthemmenden Folgen führt und schließlich zum Tod des herbeigeeilten Vaters im Handgemenge mit dem Eindringling ins Schlafzimmer der Tochter. Ob allerdings der Verführer so wenig vorteilhaft im weißen Unterhemd mit komischer Frisur und eher unvorteilhaftem Auftreten Weiberherzen entzünden kann, ist fraglich. Naja, meist herrscht nächtliche Dunkelheit, außer beim fröhlichen Hochzeitszug auf dem Land. Die Bühne ist eher schlicht gehalten: eine Art Treppe in der Mitte, dazu Kuben als Andeutungen von Häusern mit Fensteröffnungen. Ob allerdings ein entwurzelter Baum ein Symbol für Untergang sein soll, auf dem dann auch die Tafel für das letzte Mahl mit dem steinernen Gast angerichtet ist, ist zu vermuten. Die drei starken Frauen, um die sich Don Giovanni als Partylöwe im wenig vorteilhaften Weiß bemüht, wirken im Gegensatz zu ihm sehr attraktiv und schick gekleidet. Fröhlichkeit strahlt die weibliche Hochzeitsgesellschaft in hellen, sanftfarbenen Röcken über steifen Petticoats aus, und die Ballbesucher beim Fest des Don Giovanni tanzen fantasievoll herausgeputzt in Faschingskostümen unter rotem Licht.
Dass der Komtur als Gestalt aus dem Totenreich wenig bedrohlich wirkt, liegt auch an seiner eher jugendlich normalen Erscheinung in Allerweltskleidung; Gustavo Müller singt ihn mit nicht allzu dunklem Bass; umwabert von Nebelschwaden verströmt er immerhin etwas Gespenstisches. Der Hochzeiter Masetto, verkörpert von Taiyu Uchiyama, festlich ausstaffiert in hellblauem Sacco, gestaltet mit angenehm geführtem, nicht allzu starkem Bassbariton einen jungen Mann, der auch mal zuschlagen kann, selbst aber auch verprügelt wird und sich deshalb Verstärkung holt bei seinen mit allem landwirtschaftlichen Gerätschaften bewaffneten Freunden. Roberto Ortiz als Verlobter der Donna Anna muss gefühlvoll all ihren Schmerz um den getöteten Vater mitleiden in tröstlichem Gestus und schwört ihr Mithilfe bei der Rache für ihn; in seinen beiden großen Arien Dalla sua pace und Il mio tesoro kann er glaubhaft innerliche Anteilnahme und feines Empfinden mit sicherem, schönem, nicht allzu fülligem Tenor überzeugend zeigen. Am Ende erträgt er auch die Hoffnung auf eine fernere Erfüllung seiner Liebe zu Donna Anna. Die aber ist aus der Bahn geworfen durch den zügellosen Verführer Don Giovanni. Leider kann Leo Hyunho Kim schon rein äußerlich mit seinen etwas bemühten Bewegungen den Lüstling nicht allzu überzeugend verkörpern; immerhin erfüllt er mit angenehm timbriertem und differenziert gestaltendem Bariton die Erwartungen an seine Rolle. Mozart hat dieser Figur interessanterweise nur zwei kurze Arien und die hübsche Canzonetta Deh vieni alla finestra zugewiesen. Ansonsten ist er ständig in Aktion auf der Suche nach weiblichen Opfern.
Immer voller Angst dabei: Sein Diener Leporello. Bassbariton Tair Tazhi gibt ihm jugendliche Beweglichkeit mit viel komödiantischem Potenzial. Ein absoluter Höhepunkt ist dabei die bekannte Registerarie auch dadurch, dass hier die Namen vieler „Eroberungen“ seines Herrn auf dem Vorhang erscheinen; mit seiner viril sonoren, kräftigen Stimme gestaltet Leporello das Verzeichnis sehr abwechslungsreich, und auch sonst gefällt er stimmlich und darstellerisch.

In dieser Aufführung aber brillieren die Frauen: Silke Evers ist eine standesbewusste, attraktive Donna Anna, und mit ihrem glänzenden, gehaltvollen Sopran vermag sie ihr inneres Leid, vielleicht auch ihr schlechtes Gewissen gegenüber Vater und Verlobtem zu vermitteln, steigert sich hin bis zu ihrer großen Arie Crudele immer mehr zu feinen Schattierungen und freien, schimmernden Höhen. Ihr Gegengewicht ist die elegante Donna Elvira, durchdrungen von widerstreitenden Gefühlen, von Wut und trotzdem nicht nachlassender Liebe zu Don Giovanni, der sie schmählich abserviert hat. Vero Miller gibt ihr, eindrucksvoll schon bei ihrer ersten Arie Ah, fuggi il traditor mit ihrem hellen, großen, sicheren Sopran inneren Elan, heftige Gefühle und stimmliche Durchschlagskraft. Die dritte starke Frau ist die anmutige, kapriziöse, selbstbewusste Zerlina; Milana Arsovska bringt dafür einen herrlich flexiblen, stets schön klingenden Sopran mit, kann so ihren Masetto schmeichelnd einlullen, etwa mit Batti, batti o bel Masetto und gefällt mit koketter Ausstrahlung. Auch der Opernchor bewährt sich, einstudiert von Sören Eckhoff, mit stimmlicher Präzision und abwechslungsreichen Aktionen.
Gábor Hontvári leitet umsichtig und mit Hingabe das Philharmonische Orchester Würzburg; es mag verziehen werden, dass bei der Ouvertüre, die Mozart angeblich nur ganz kurz vor der Prager Uraufführung zu Papier brachte – er hatte sie ja im Kopf – manches noch etwas knallig klingt bei den monumentalen Akkorden, die ja Erschütterung und essentielle Bedrohung markieren sollen, und dass die verbindenden Streicherfiguren noch etwas durcheinanderwirbeln. Im Fortgang der Oper aber werden die Motive, die den Text befördern und auf Unterschwelliges hinweisen, bestens herausgearbeitet mit Genuss am differenzierten und schönen Klang. Den freundlichen Eindruck und den Spaß an der musikalischen Darbietung runden ein „Ballorchester“ mit vier Streichern und die „Radio-Sendung“ bei der Erscheinung des steinernen Gastes ab. All diese kleinen überraschenden Einfälle zeichnen die Aufführung aus.
Das Premierenpublikum im voll besetzten Haus ist völlig begeistert nach den spannenden dreieinhalb Stunden und beklatscht alle Mitwirkenden ausgiebig mit langem Beifall.
Renate Freyeisen