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Foto © Jutta Schwegler

Tschaikowski mal ganz nah

EINE RÄTSELVOLLE LIEBE
(Pjotr I. Tschai­kowski, Wolfgang A. Mozart)

Besuch am
15. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Mozartfest, Gut Wöllrieder Hof, Festscheune, Würzburg

Eine rätsel­volle Liebe haben sie es genannt, den Versuch, Pjotr I. Tschai­kowski in seinen Briefen an Nadeschda Filare­towna von Meck auf ganz besondere Weise näher zu kommen. Aus 1204 Schrift­stücken, die von dem Brief­wechsel zwischen dem russi­schen Kompo­nisten und der Witwe eines Eisen­bahn­in­ge­nieurs überliefert sind, haben Corinna Harfouch und Stefan Wilkening einen Abend mit Rezita­tionen entwi­ckelt. Gemeinsam mit der seelen­vollen Hideyo Harada am Stein­graeber-Flügel geben sie tiefe Einblicke in das Wesen des Kompo­nisten und seiner Verehrerin.

Harfouch, eine der anerkann­testen Schau­spie­le­rinnen Deutsch­lands, macht des Öfteren solche Rezita­ti­ons­abende, bei Geschwister beleuchtet sie zusammen mit Peter Lohmeyer die Beziehung zwischen Felix Mendelssohn-Bartholdy und seiner Schwester, hier nun beim Mozartfest in Würzburg ist Tschai­kowski und seine Beziehung zu von Meck das Thema. Zum Sujet des diesjäh­rigen Mozart­festes – „Aber durch Töne“ Freund Mozart – passt dieser Abend auch deshalb besonders gut, da Tschai­kowski ein glühender Verehrer Mozarts war, aber sehr zu seinem Leidwesen seine Brief­freundin von dessen Quali­täten nicht überzeugen konnte. Schau­spieler Wilkening, der häufig und anscheinend gerne rezitiert und aus Film und Fernsehen auch einem breiteren Publikum bekannt ist, und Harada am Klavier sind ihr dabei absolut ebenbürtige und eigen­ständige Partner. Es ist in Würzburg das erste Mal, dass sie das Programm aufführen.

Die Veran­stalter haben hierfür sehr passend eine ungewöhn­liche Location ausge­sucht, das Gut Wöllrieder Hof vor den Toren Würzburgs, das an diesem Sommer­abend in seiner Weitläu­figkeit einer­seits, dem herrlich umbauten Hof anderer­seits und der wunderbar restau­rierten Festscheune ein ganz beson­deres Ambiente schafft. So ist die Stimmung schon vor Beginn des Konzertes sommerlich leicht beschwingt, man begrüßt sich im Freien bei Secco, Bratwurst oder üppiger Käsestange, schaut, was die anderen so anhaben – „Brauche ich eine Jacke? Nein, die anderen haben auch keine“ – und begibt sich endlich in den Saal, der bis auf den letzten Platz voll besetzt wird. Zügig kommen die drei auf die Bühne und lassen sich von dem herzlichen und inten­siven Applaus nicht abhalten, sofort zu beginnen.

Harada fängt etwas verhalten und noch zurück­ge­nommen mit Tschai­kowskis Nocturne opus 194 an. Im Laufe des Abends spielt sie Auszüge aus den Jahres­zeiten opus 37 b, die Scène rustique russe Dumka, den Grand pas de deux aus Der Nussknacker und Meditation opus 725, alle von Tschai­kowski. Später dann folgen das Andante cantabile aus der Sonate für Klavier KV 330 und das Adagio h‑moll KV 540 von Mozart. Klingt am Anfang der Stein­graeber noch gewöh­nungs­be­dürftig, etwas matt und dumpf seltsa­mer­weise, merkt man schon hier, wie einfühlsam Harada die Stücke angeht. Beson­deren Wert legt sie auf die leisen Passagen, die sie bis fast ins gerade noch Hörbare zelebriert, fein ziseliert und immer weiter abstuft. Später dann langt sie zu, aber immer sensibel und ohne jede Effekt­ha­scherei. Mit fein dosierter Agogik bebildert sie das, was die beiden Schau­spieler aus den Briefen rezitieren.

Die authen­ti­schen, unmit­tel­baren Zeugnisse des Menschen Tschai­kowski in seinen Briefen, die klugen und von einer sehr hinge­bungs­vollen und verletz­lichen Frau geschrie­benen Antworten lassen Wilkening und Harfouch auf der Bühne die räumliche Distanz, die zwischen den Brief­schreibern bestand, überwinden. Denn im wirklichen Leben haben die beiden sich nie gesprochen, persönlich begegnet sind sie sich nie, obwohl sie auch am selben Ort weilten – nur aus der Ferne haben sie sich einmal gesehen. Die lokale Entfernung zwischen ihnen war für die beiden während der vierzehn­jäh­rigen Brief­freund­schaft ab 1876 essen­ziell, bei einem Treffen hätte die innige und ideali­sierte Freund­schaft auf dem Papier womöglich der Realität nicht standgehalten.

Die musik­lie­bende Mutter von 18 Kindern, von denen nur elf das Erwach­se­nen­alter erreichten, spielt selbst passabel Klavier und hat auch zu anderen bekannten Musikern Kontakt, zum Teil kommen sie als Hauslehrer in ihr Anwesen. Tschai­kowski aber ist für sie allen anderen überlegen, seine Ende 1873 urauf­ge­führte Orches­ter­fan­tasie Der Sturm opus 18 hat sie nachhaltig beein­druckt. Als sie von seinen Geldsorgen erfährt, beauf­tragt sie ihn kurzerhand mit einem Werk für Klavier und Geige, für das sie ihn fürstlich entlohnt, und ermög­licht dem Kompo­nisten ab 1877 eine Lebens­rente, die es ihm ermög­licht, sich auf das Kompo­nieren zu konzen­trieren. Ihre Verehrung nimmt schwär­me­rische Züge an: „Ich bin bereit, Ihnen meine Seele hinzu­geben, Sie werden zum Gott für mich.“

Natürlich handeln die Briefe von der Musik, von den Schwie­rig­keiten des Kompo­nierens, aber oftmals von sehr persön­lichen Erleb­nissen und Gedanken, wodurch man umfang­reiche Einblicke in Tschai­kowskis Schaffen und seine Gefühlswelt erhält. Er, der homose­xuell war, versucht das sein Leben lang zu verbergen und liebt nur im Geheimen Männer, auch seinen ehema­ligen Schüler Iosif Kotek. Wohl auch, um nach außen hin ein normales Leben führen zu können, heiratet er, der sich selbst einen „durch Egoismus verhär­teten Jungge­sellen“ nennt, 1877 auf Drängen von Antonina Iwanowna Miljukowa hin eben diese. In seinen Briefen an von Meck wird die Verzweiflung dreier Menschen darüber deutlich: wegen Eifer­sucht bei von Meck, bei Tschai­kowski und seiner Frau schon nach kurzer Zeit wegen drama­ti­scher und unendlich qualvoller Ausein­an­der­set­zungen, die eine baldige Trennung, aber keine Scheidung zur Folge haben.

Foto © Peter Schumann

Über Musik, Gesell­schaft und Religion tauschen sie sich aus, aber auch weitgrei­fende philo­so­phische Themen sind ihnen wichtig, die Misan­thropie, die sowohl von Meck als auch Tschai­kowski sorgsam pflegen, erscheint bei ihnen als die Furcht vor Enttäu­schung bei der Suche nach dem Ideal. Von Meck bezeichnet sich selbst als Realistin, die eine physische Verzau­berung durch die Musik empfindet, nichts roman­tisch Träume­ri­sches. Auch der Skepti­zismus, der ideale Materia­lismus und Panthe­ismus werden thema­ti­siert. Im Laufe der Zeit öffnet sich auch der Komponist weiter und weiter, bis hin zu einer auf dem Papier und aus der Entfernung einge­stan­denen Liebe zur Brief­freundin. Er schreibt, er habe die Fülle der Liebe nicht erlebt, kenne aber ihre Kraft, und „nur die Musik vermag sie auszudrücken“.

Über Mozart aber sind sich die beiden uneinig: Während Tschai­kowski ein glühender Verehrer von dessen Musik ist, er insbe­sonders den Don Giovanni  liebt, kann von Meck seinen Werken nichts abgewinnen. Der Brief­wechsel wird von ihr abgebrochen, sie ist zwar zu der Zeit gesund­heitlich sehr angeschlagen und hat ihr Vermögen verloren, der wahre Grund aber bleibt bis heute verborgen. Nach dem Bruch lebt Tschai­kowski noch drei Jahre, drei Monate später stirbt auch sie. Harada spielt ihr letztes Stück mit äußerstem Piano, sehr oberton­reich und klar klingt jetzt der Steingraeber.

Mit Harfouch und Wilkening stehen zwei Vollblut­schau­spieler auf der Bühne, die das Publikum sofort in ihren Bann ziehen. Während Harfouch mit angenehm dunkel timbrierter Stimme von Meck zunächst etwas kühl und distan­ziert wirken lässt, antwortet sie ihrem teils heftig agierenden Partner auf der Bühne mit feineren Gesten, lässt das Unaus­ge­spro­chene in Haltung und Mimik hervor­treten. Auch die Verlobte Tschai­kowskis lässt sie zu Wort kommen, und so wird klar, wie unbedarft und mädchenhaft sie gewesen sein muss. Ihre Eifer­sucht auf die Verbindung wird so dem Publikum lange deutlich, bevor sie sie später explizit ausspricht. Wilkening gibt mit Verve einen sehr emotio­nalen Kompo­nisten, sein fast schon szeni­sches Agieren belebt die Bühne ungemein, bringt einem den so sensiblen, leidenden Menschen Tschai­kowski näher. Auf diesen Brettern haben sie Augen­kontakt, reden sie mitein­ander und inter­agieren, wie sie es in ihrem wirklichen Leben nie taten – sehr schade eigentlich, aber wohl für die beiden damals nicht möglich. „Eine rätsel­volle Liebe“ über 1204 Briefe hinweg nimmt denn auch in Würzburg ihr Ende. Das Publikum ist zu Recht begeistert und spendet langen, stehenden Applaus.

Dass Inten­dantin Meining bei der Begrüßung der Gäste für das nächste Jahr weitere inter­es­sante Konzerte an diesem Ort ankündigt, stimmt freudig. Zunächst aber bietet das Mozartfest in den kommenden sechs Tagen noch ganze zwölf Veran­stal­tungen, unter anderem die beliebte Nacht­musik im Hofgarten – bei herrlichstem Wetter, wie ein anderer Gott, nämlich der Wettergott in Form einer modernen App vorhersagt.

Jutta Schwegler

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