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Erotische Spielarten

EROS
(Dominique Dumais)

Besuch am
15. Mai 2024
(Premiere am 11. Mai 2024)

 

Mainfran­ken­theater Würzburg, Blaue Halle

Liebe, körper­liche und seelische Anzie­hungs­kraft, erotische Begierde und sinnliche Lust, all das kann Eros, in der Antike als Wesen zwischen Gott und Mensch laut Plato gesehen, bedeuten. Im Ballett Eros , geschaffen von Dominique Dumais, kombi­niert mit einem eigens dazu entwor­fenen Tanzstück von Robert Glumbek, werden in der Blauen Halle des Würzburger Mainfran­ken­theaters in aussa­ge­kräf­tigen Bewegungen, intui­tiven Farb-Stimmungen und zu impres­sio­nis­ti­schen Kompo­si­tionen, einfühlsam und mitreißend gespielt vom Philhar­mo­ni­schen Orchester Würzburg unter der Leitung von Enrico Calesso, vielfältige Facetten der körper­lichen und geistigen eroti­schen Erfahrung und der zwischen­mensch­lichen Bezie­hungen spürbar gemacht. Unter­stützt und gesteigert wird das durch die ästhe­tisch beein­dru­ckende Ausstattung von Verena Hemmerlein, im Verein mit dem Licht von Ingo Jooß.

Foto © Nik Schölzel

Der vierteilige Ballett­abend beginnt mit der Choreo­grafie As above so below des aus Polen gebür­tigen kanadi­schen Tänzers Robert Glumbek; sie spiegelt anhand des Götter­himmels der Antike eine Art Urzustand in mytho­lo­gi­schen Figuren­kon­stel­la­tionen wie zwischen Jupiter und Hera, Mars und Venus sowie Merkur; die griechi­schen Götter, hier auch Verkör­pe­rungen der Planeten, scheinen in ihren wechselnden Liebes­be­zie­hungen und in ihrem eroti­schen Begehren vergleichbar denen der Menschen, zu denen sie sich dann äußerlich verwandeln, und die Menschen schauen sehnsüchtig zu den Sternen auf, werden zu Sternen­staub in trans­pa­renten Umhül­lungen; alles das wird begleitet von farblich variie­renden Hinter­gründen und untermalt von der Symphonie concer­tante no. 4 von Karol Szyma­nowski. Die folgenden Tanz-Teile von Eros verraten im Gegensatz zu dem eher straff, auch mit vielen Sprüngen und schnellem Rennen ausge­stat­teten Anfang eine eher sensible weibliche Hand, denn sie sind in poeti­scher Weise choreo­gra­fiert von der Würzburger Ballett­chefin Dominique Dumais; einge­leitet werden sie durch einen Prolog zu einem Sound­design von Davidson Jaconello mit Atemge­räu­schen als einer Grund­vor­aus­setzung für Leben. Das wird optisch symbo­li­siert durch das Bild eines ursprüng­lichen Mensch-Seins, zwei eng durch ein rotes Band anein­ander gebundene Tänzer, die schließlich geteilt werden, sich vonein­ander lösen, aber immer wieder zuein­an­der­streben, damit sie ein Ganzes sind.

Alle folgenden Handlungen geschehen vor üppigen, dunkel­roten Stoff­bahnen, auf die ab und zu florale Formen proji­ziert sind. Fünf Tänze­rinnen in hautfar­benen Bodys mit pflanz­lichen Appli­ka­tionen darauf entdecken in weichen, weiten Bewegungen und Streckungen ihre kreatür­liche Leben­digkeit zu den Klängen von Claude Debussys Prélude à l’aprés-midi d’un faune, werden ihrer eroti­schen Kraft gewahr, und bei ihrem sexuellen Erwachen kriechen fünf Männer in dunkel­roten Hosen unter ihren Beinen hervor, stacheln in wilden Bewegungen ihre Begierde an. Die Pavane pour une infante défunte von Maurice Ravel wirkt tänze­risch ruhiger, scheint in der Erinnerung an erotische Stimmungen und Momente zu schwelgen in schmieg­samen, leicht sich entwi­ckelnden Pas de deux und gleitenden Hebefi­guren sowie zärtlichen Umarmungen, während dann, einge­leitet durch gemein­sames lautes Ausatmen des Ensembles, der Boléro von Ravel sich immer mehr entfaltet, antreibt zu gestei­gerter Schnel­ligkeit, zu Öffnungen, Weitungen, auch engen Kreisen und Ketten, mit Einsatz der Hände und Arme, oft verbunden, immer wilder werdend bis zu einer Art orgias­ti­scher Ekstase, überstrahlt durch rotes Licht, bis die roten Stoff­bahnen sich lösen und auch das Publikum davon wie in einem gemein­samen Rausch erfasst wird.

Eine unglaublich starke Leistung des gesamten Ensembles, das sich fast bis zur Erschöpfung verausgabt, und für das der lange, jubelnde Beifall mehr als verdient ist.

Renate Freyeisen

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