O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Wer kennt ihn nicht, diesen berühmten Ohrwurm Don’t cry for me Argentina aus dem Musical Evita von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice? Der Stoff um das Leben der Gattin des Diktators Juan Perón, die von der Bevölkerung wie eine Heilige verehrt, angebetet und geliebt wurde, besitzt durchaus Faszination und ist auch musikalisch interessant durch die Mischung von neoklassizistischen Klängen, lateinamerikanischen Tanzrhythmen, unerwarteten Dissonanzen und mitreißendem Schwung sowie eingängigen Melodien. Diese Evita hat viele Facetten, Verbundenheit zum „Volk“, zur Unterschicht, aus der sie stammt und aus der sie entfliehen will durch Berechnung, unstillbaren Ehrgeiz, intelligentes Vorgehen und zielgerichtete Härte, aber auch eine sehr weibliche Ausstrahlung, eine nicht ganz uneigennützige Mildtätigkeit und politisches Kalkül; sie war ohne Zweifel eine außergewöhnliche Frau. Das Musical von 1978 beschäftigt sich weitgehend unkritisch mit ihrer „Karriere“ und ist auch nicht unbedingt historisch genau.
Es beginnt mit dem allseits betrauerten Tod Evitas und zeichnet im Rückblick Leben und Aufstieg dieser einflussreichen Frau nach. Wichtig sind dabei auch die musikalischen Elemente, die stimmungsmäßig den Hintergrund andeuten. Aufschlussreich ist das „Requiem“ des Volkes am Anfang und Ende des Musicals jeweils nach dem Tod der verehrten Primera Dama durch die dissonanten Klänge, wohl auch ein Hinweis auf die doch nicht so ganz positive Beurteilung der Person Eva Duarte, spätere Eva Perón. Die einzelnen Stationen dieses kurzen Lebens von 1919 bis 1952 werden ohne Unterbrechung aneinandergereiht wie eine Show über den glamourösen Aufstieg eines Stars und die Verkettung von Ruhm und Politik.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Matthew Ferraro betont deshalb nicht unbedingt den historischen Hintergrund, sondern die „Psychologie des Persönlichkeitskultes“. Deshalb verwendet er auch keine Bilder der realen Evita oder des damaligen Argentiniens. So sieht man im Riesenporträt im Goldrahmen und im Video-Hintergrund, auch life aufgezeichnet von Olivia Ciccotti, immer wieder die Darstellerin der Eva Perón. Auch wenn auf der Bühne, die der Regisseur zusammen mit Kostümbildnerin Carola Volles ausgestattet hat, immer wieder Elemente aus dem Show-Business auftauchen, etwa als Reminiszenz an das Studio 54 in New York, an TV-Sendungen oder Rockkonzerte, so erinnern nur wenige Requisiten an die Zeit ihres Aufstiegs wie ein nostalgisch-antiker, amerikanischer Straßenkreuzer-Schlitten als Hinweis auf Evas Ankommen im großstädtischen Buenos Aires oder die werbewirksame „Regenbogen“-Tournee durch Europa. Ansonsten aber werden die „Epochen“ gemischt: Die „höhere“ Gesellschaft, die erklärten Widersacher Evas, tragen hier Barockkostüme, teilweise auch schon ramponiert, und die Militärs sind ebenso desillusionierend als Lüstlinge demaskiert. Das wunderbare weiße Ball-Kleid, überdimensioniert in der Money-Nummer, als Eva mit Spendengeldern um sich wirft und so das Volk begeistert, zeigt den Hang zur selbststilisierenden Vergrößerung auf. Ansonsten aber trägt das Volk Kleider aus der Beatles-Zeit, die Politiker graue Anzüge, Perón eine dezente Uniform. Der Aufstieg Evas aus dem Show-Business wird begleitet von Glitzer-Kostümen, leider etwas sehr konventionell von Tänzerinnen und Tänzern umgesetzt durch die Choreografie von Gabrielle Zucker. Eva selbst wandelt sich vom Amüsier-Girl, das Männer für seine Ziele benutzt, sie schnell im Fotostudio wechselt, zur „bürgerlich“ schicken Schauspielerin, die Perón für sich gewinnt, zur eleganten ersten Dame und schließlich im grünen Samtkleid zur ambitionierten Politikerin und am Ende im gestreiften Morgenmantel zur Sterbenskranken. Sie präsentiert sich wie eine Madonna im Strahlenkranz mit starken Parallelen zur bunten Show-Bühne. Nur in einem verharmlost die Regie die historische Wahrheit: Als die namenlose Mistress im durchsichtigen Babydoll aus dem Bett Peróns verjagt wird, erscheint das harmlos. Der war aber bekanntermaßen pädophil und vergriff sich an Minderjährigen. Das Mädchen hier wirkt wie eine nette, naive Gitarrenspielerin. Die Figur des Che, von Anfang an auf der Bühne, erinnert im blau glitzernden Anzug an einen Conférencier einer Show; laut Regie „haben wir es hier mit einem Kommentator zu tun“, also keineswegs ähnlich dem echten Che Guevara. Die kritischen Anmerkungen von Che zum Leben Evitas passen zu einer solchen Aufgabe.

Die Inszenierung leidet bei der Premiere, jedenfalls bis zur Pause, unter der missglückten Tonsteuerung von Volker Ulfig und Max-Lukas Hundelshausen; das meiste klingt zu schrill, zu laut, auch dem sehr schematisch bewegten Chor gereicht das zum Nachteil, einstudiert von Anton Tremmel; erst im zweiten Akt, nach einer Korrektur, hört man Differenzierteres, emotionale Zwischentöne. Aber auch das Philharmonische Orchester spielt unter der Leitung von Gábor Hontvári oft nicht präzis genug, lässt auch streckenweise mitreißenden Sound vermissen, wirkt etwas behäbig.
Dagegen glänzt die ausgezeichnete Marzia Marzo in der Titelrolle. Ihre Evita überzeugt sehr, auch äußerlich eine äußerst attraktive Erscheinung, getrieben und besessen von Ehrgeiz. Man spürt: Sie will unbedingt an die Spitze. Als sie Perón bezirzt, schaltet sie einen Gang zurück, wird dann allmählich zu einer hoheitsvollen, anbetungswürdigen Gestalt, bei ihrer Regenbogen-Reise noch quirlig und lebendig, angepasst der jeweiligen Situation, dann fast unnahbar erhaben, bis sie dann bemitleidenswert und krank zusammenbricht. Immer ist der tragfähige, elanvolle, schön gefärbte Mezzosopran der Sängerin ein Garant für die gelungene Darbietung aller Nummern, allen voran das berühmte Don’t cry for me Argentina. Cedric von Borries liefert eine bemerkenswert ansprechende, sängerisch wie darstellerisch glaubhafte Interpretation der beobachtenden und kommentierenden Figur des Che ab. Kosma Ranuer als Perón wirkt irgendwie blass, und auch stimmlich profiliert er sich kaum als brutaler Diktator. Als Tango-Künstler und früher Freund Evas Magaldi strahlt Mathew Habib nichts Mitreißendes aus; er agiert und singt eher schwerfällig. Anna-Lena Müller erfüllt mit ihrem hellen Sopran die Rolle der abgelegten Liebschaft von Perón, der kleinen Mistress, recht gut, nur die Gitarre im Bett stört da etwas. Als sehr lockere Militärs führen Davis Hieronimi als Offizier und Paul Henrik Schulte als Admiral den Kreis ihrer zügellosen Genossen an. Alle übrigen Rollen werden von Chor-Mitgliedern gestaltet. Ein besonderes Highlight ist die kindliche Schar des Jungen Chors des Theaters, wenn die Kleinen ihre „Mama“ Eva anbeten und verehren und dabei Eva-Puppen an sich drücken.
Das Publikum im ausverkauften Haus feiert alle Mitwirkenden lange.
Renate Freyeisen