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EXPEDITION MOZART I & II
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
28. Mai 2024
(Einmalige Aufführung)
Die Geburt der Mozart‘schen Melodie ist die Offenbarung der von allen Philosophen gesuchten menschlichen Seele.“ Das sagte kein geringerer als der Komponist Richard Strauss. Diese Kernaussage steht quasi als Leitmotiv über dem Mozartfestival Würzburg, das sich in diesem Jahr im Zeitraum vom 24. Mai bis 23. Juni zum 103. Mal in vielen unterschiedlichen Veranstaltungen dem Salzburger Komponisten widmet. Der Saison 2024 ist das Motto „Schuld & Vergebung: Seelenforscher Mozart“ vorangestellt. Es geht – ausgehend von Mozarts Werk – um Dissonanzen, um Widersprüche des Lebens, so Evelyn Meining, Intendantin des Mozartfest Würzburg. Für sie ist Mozart unübertroffen. Er sei unerreicht darin, alles Menschliche zu erspüren. „Das Helle und das Dunkle, Einsamkeit und glückliche Erfüllung, das Ich und das Wir: Die Widersprüche menschlicher Existenz sind Kontraste, von denen die Musik Mozarts lebt.“ In der Barockpracht der Würzburger Residenz, in Kirchenräumen, Schloss- und Klostergärten sowie an Orten mit bewegender Stadtgeschichte beschreiten in 85 Veranstaltungen Orchester, Ensembles und Solisten von internationalem Renommee das elektrisierende Spannungsfeld von Schuld und Vergebung, so die Ankündigung der Intendanz. Eine dieser großartigen Veranstaltungen ist ein Doppelkonzert des Ausnahmepianisten Kit Armstrong, zusammen mit einem handverlesen zusammengestellten Kammerorchester, die sich auf eine Mozartexpedition im wunderschönen barocken Kaisersaal der Würzburger Residenz begeben. Der Architekt, Balthasar Neumann, hob den Saal mit den zwanzig fast neun Meter hohen Halbsäulen aus rötlichem Stuckmarmor und der großen Ovalkuppel als repräsentativen Höhepunkt der Würzburger Residenz hervor.
„Kit Armstrong ist die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.“ Der Satz stammt von keinem Geringeren als von dem Pianisten Alfred Brendel, selbst eine Ikone in der Welt der Starpianisten und in der Regel sehr sparsam mit Lob und Anerkennung. Brendel, der Kit Armstrong seit 2005 als Lehrer und Mentor begleitet, schreibt ihm „Verständnis der großen Klavierliteratur als eine Einheit von Gefühl und Verstand, Frische und Verfeinerung“ zu. Kit Armstrong wird am 5. März 1992 in Los Angeles geboren, seine Mutter stammt gebürtig aus Taiwan, den Vater hat er nie kennengelernt. Mit neun Monaten beginnt Kit zu sprechen, etwas später beginnt er zu rechnen. Als er fünf ist, bekommt er den ersten Klavierunterricht, das erste Konzert gibt er im Alter von acht Jahren. Im Jahr 2000, im Alter von sieben Jahren, komponierte er auch die Sinfonie Celebration, mit der er heute allerdings nicht mehr zufrieden ist und sie daher lieber nicht aufgeführt sehen will, da die Sinfonie seiner Meinung nach nicht die Möglichkeiten des Orchesters zufriedenstellend darstelle. Einem breiten Publikum wird er bekannt, als er mit zehn Jahren bei der Late Show with David Letterman im US-Fernsehen eine seiner eigenen Kompositionen spielt.

Schon von früh an ist Armstrong fasziniert von den Naturwissenschaften. Als jüngster Student in der Geschichte der Chapman University of California beginnt er mit sieben Jahren sein Studium der Physik. Armstrong besucht damit die Highschool und die Universität zugleich. In den nächsten Jahren studiert er an unterschiedlichen Universitäten unter anderem die Fächer Mathematik, Biologie, Chemie Musik und Komposition. Sein Klavierstudium schließt Armstrong an der renommierten Royal Academy of Music in London mit Auszeichnung ab. Seitdem Armstrong vor nahezu zwanzig Jahren die internationalen Bühnen betrat, fasziniert er die Musikwelt. Kaum ein anderer junger Künstler –Armstrong ist gerade mal 32 Jahre alt – ist auf derart vielen Gebieten versiert und universell ausgebildet wie er. Von der New York Times als „brillanter Pianist“ gefeiert, der „musikalische Reife und jugendliche Kühnheit in seinem exzeptionellen Spiel verbindet“, hat Armstrong eine ganz eigene künstlerische Handschrift ausgeprägt. Die intensive Beschäftigung mit der Musik steht bei ihm auf selbstverständliche Art und Weise in enger Beziehung mit anderen Künsten sowie mit Naturwissenschaften und Mathematik. Als leidenschaftlicher Kammermusiker hat Armstrong enge künstlerische Partnerschaften mit anderen führenden Instrumental- und Vokalsolisten entwickelt. Zusammen mit Renaud Capuçon spielte er alle Mozart-Violinsonaten bei der Mozartwoche Salzburg und im Berliner Boulez-Saal.
Gerade erst ist das Buch Kit Armstrong – Metamorphosen eines Wunderkinds von Inge Kloepfer erschienen, ein intimes Porträt eines Jahrhunderttalents auf dem Weg zu sich selbst. Und Armstrong lässt es sich im Übrigen nicht nehmen, in der Pause des ersten Konzertes das Buch zu signieren, mit einem Lächeln und viel Sympathie. Und das zwischen zwei Klavierkonzerten. Die Nerven muss man erst einmal haben. Respekt.
Werke „so groß, wie die Welt“. Interpretationsmöglichkeiten „so weiträumig wie das Leben“. Armstrong ist seit seiner Kindheit mit Mozarts Musik vertraut. Ein Schlüsselmoment für sein Mozart-Verständnis kann er trotzdem angeben: das besonders tiefe Erleben von dessen Kammermusik im Zusammenspiel mit anderen herausragenden Solisten. Das hat ihn auch auf die Idee seiner „Expedition Mozart“ gebracht, bei der er in einem wahren Marathon zentrale Klavierwerke Mozarts zu Gehör bringt und wofür er extra ein eigenes Kammerorchester gegründet hat, das ganz seinen künstlerischen Vorstellungen entspricht. Es besteht unter anderem aus dem Schumann-Quartett, dem Quatuor Hermès, dem Minetti-Quartett und zahlreichen Solisten, die sich zu einem einzigartigen Ensemble zusammengefunden haben. Konzertmeister ist der Violinist Andrej Bielow, der seit 2016 eine Professur an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf innehat.
Im ersten Konzert der Expedition stehen zwei Klavierkonzerte von Mozart auf dem Programm. Eröffnet wird das Konzert aber mit der wunderbaren Ouvertüre zur Oper Le nozze di Figaro. Schwungvoll und dynamisch, presto und forte, wird das Konzert eingeleitet, und das so mitreißende Stück erzählt von den Wirren eines verrückten Tages, dessen Ende sich musikalisch früh erahnen lässt.
Nach solcher heiteren musikalischen Einstimmung betritt Armstrong unter großem Applaus die Bühne und eröffnet seine Expedition zu Mozart mit dessen Klavierkonzert Nr. 23 A‑Dur, KV 488. Es ist eines der meistgespielten Solokonzerte, dessen Entstehung mitten in die Arbeit an der Oper Le nozze di Figaro fällt. Das A‑Dur-Klavierkonzert wurde am 2. März 1786 fertiggestellt. Es gehört zu den Klavierkonzerten, die als sinfonische Konzerte Mozarts bezeichnet werden. Eine große Gemeinsamkeit hat es mit den Klavierkonzerten KV 482 und KV 491, da es sich um die einzigen Klavierkonzerte Mozarts handelt, in denen Klarinetten anstelle von Oboen und in KV 491 Klarinetten und Oboen vorgeschrieben sind. Das betont den intimen Charakter des Werkes. Das Klavierkonzert KV 488 stellt den Inbegriff des klassischen Klavierkonzertes dar und ist insgesamt ein Paradebeispiel des späten und reifen Klavierkonzertes Mozarts. Der Klavierpart ist virtuos gestaltet, und Armstrong spielt das Konzert mit einer atemberaubenden Leichtigkeit, ohne dabei Intensität und Gefühl zu vernachlässigen. Während er den ersten Satz Allegro mit viel Dynamik gestaltet, herrscht im zweiten Satz Adagio ein Ausdruck großer Innigkeit vor. Im dritten Satz Allegro assai wird wieder dynamisch das Thema des ersten Satzes aufgenommen, und die musikalische Nähe zur Hochzeit des Figaro ist unverkennbar. Eine mehr als überzeugende Darbietung.
Die Maurerische Trauermusik c‑Moll KV 477 ist ein Orchesterwerk, das Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 1785 in seiner Eigenschaft als Mitglied der Freimaurer komponierte. Das Stück wurde während einer freimaurerischen Trauerfeier aufgeführt , die am 17. November 1785 zum Gedenken an zwei von Mozarts freimaurerischen Brüdern abgehalten wurde. Das Kammerorchester spielt hier die Originalfassung. Von besonderem Interesse an dem Stück ist der „Choralabschnitt“, bei dem Mozart auf eine liturgische Melodie eines Requiems von Michael Haydn zurückgreift. Die Verwendung des Bassetthorns mit seinem weichen, dunklen Klang charakterisiert auch die Priesterszene in Mozarts Zauberflöte, eine Oper ebenfalls mit Freimaurer-Bezügen. Das Kammerorchester spielt die Trauermusik sehr feierlich, fast schon pathetisch, mit majestätischen Anklängen.
Zum Schluss der ersten Expedition steht das Klavierkonzert Nr. 24 c‑Moll KV 491 auf dem Programm. Es wurde in der ersten Februarhälfte 1786 in Wien vollendet. Wie die anderen großen in Wien geschriebenen Klavierkonzerte entstand es für eigene Aufführungen Mozarts. Das Autograf enthält für Mozart ungewöhnlich viele Änderungen und Korrekturen, was darauf schließen lässt, dass das Konzert einem längeren Schaffensprozess ausgesetzt war als die meisten Werke Mozarts. Auch dieses Konzert entstand parallel mit der Hochzeit des Figaro zu einer Zeit, als die Oper schon fast fertig war und in Teilen bereits geprobt wurde. Vermutlich wurde das Klavierkonzert am 7. April 1786 uraufgeführt. Es ist übrigens neben dem 20. Klavierkonzert KV 466 das einzige Klavierkonzert Mozarts, das in einer Molltonart steht. Beide Werke sind Konzerte von größter Intensität der Dramatik. Gerade hierin weist das Konzert deutlich auf das Schaffen Beethovens hin, speziell auf dessen 3. Klavierkonzert, ebenfalls in c‑Moll. Der verstärkte Einsatz von Chromatik prägt den musikalischen Charakter von abgründiger Tiefe, Leid und Tragik. Und genau diese Farben arbeitet Armstrong wunderbar heraus. Von der Leichtigkeit und dem heiteren Wesen des Klavierkonzerts Nr. 23 A‑Dur ist hier nichts mehr zu spüren, als hätte Mozart hier dem turbulent heiteren Figaro etwas diametral anderes entgegensetzen wollen, wie den Don Giovanni. Es beginnt hochdramatisch, sehr mächtig, die Pauken sind hier sehr dominant. Der erste Satz Allegro ist sehr expressiv, und Armstrong spielt, den Kopf tief über die Tastatur gebeugt, ohne jegliche Manierismen, die für viele „Starpianisten“ so typisch sind. Den zweiten Satz Larghetto spielt Armstrong ganz innig; es scheint, als ob er mit der Musik am Flügel verschmelze. Im dritten Satz Allegretto wird es wieder dynamisch, es entwickelt sich ein Zwiegespräch mit dem Orchester, das in einem kräftigen Forte gipfelt. Viel Applaus für Armstrong und das Kammerorchester sind der verdiente Lohn.

Nach einer guten Stunde Pause, mittlerweile ist es halb elf geworden, steht der zweite Teil der Mozartexpedition auf dem Programm, und der von vier großen Kronleuchtern erhellte Kaisersaal ist noch etwa zur Hälfte gefüllt. „Bei keiner anderen musikalischen Persönlichkeit spüre ich so oft und so stark das Bedürfnis, überbordender Emotionalität freien Lauf zu lassen und diese mit Dezidiertheit instrumental zu übersetzen,“ sagt Armstrong über Mozart. Detailgenauigkeit bei zugleich innigstem Gefühl, das ist das, was auch Armstrongs Spiel auszeichnet. Mozarts Kunst ist für ihn unvergleichlich und zutiefst menschlich: „Manchmal zeigt sich inmitten tiefster Melancholie ein Hoffnungsstrahl, man hält sich daran fest und akzeptiert gleichzeitig dessen Unerreichbarkeit.“ Zu später Stunde taucht Armstrong ein in die Mozartschen Sonatenwelten und nimmt zwei Meisterwerke unter die Lupe, die dessen Kunst der Variation glänzen lassen. Mit der Klaviersonate Nr. 12 F‑Dur KV 332 schafft Mozart den Sprung weg vom häuslichen Musizieren hin zum Konzertsaal, und sie gilt daher als Wendepunkt in der Entwicklung der Sonaten Mozarts.
Der erste Satz Allegro beginnt leicht, doch dann erfolgt ein schneller „Ritt“ über die Tastatur. Der zweite Satz Adagio ist sehr zart und innig, Armstrong spielt ihn fast durchgehend mit geschlossenen Augen. Der dritte Satz Allegro assai ist sehr differenziert und gefühlvoll. Der Konzertflügel E der Klaviermanufaktur Steingraeber aus Bayreuth hat dabei einen sehr warmen, dunkel timbrierten Klang, der sich im nicht vollen Kaisersaal besser entfalten kann als im ersten Teil.
Dann steht das Adagio und Fuga für Streichtrio in F‑Dur KV 404a/3 auf dem Programm. Die „Adagios und Fugen“ entstammen einer Serie von insgesamt sechs ähnlich strukturierten Stücken, die als KV 404a eingeordnet wurden. Sie basieren auf Fugen von Johann Sebastian Bach und Wilhelm Friedemann Bach, die Mozart anscheinend willkürlich ausgewählt hat, um sie für Violine, Viola und Violoncello zu bearbeiten. Jeder der bearbeiteten Fugen stellte er einen eigenen langsamen Satz als Einleitung voran. In der hier gespielten Nr. 3 hat Mozart die Fuga Nr. 13 in Fis-Dur BWV 882 von Johann Sebastian Bach bearbeitet. Ken Schumann an der Violine, Veit Hartenstein an der Viola und Mark Schumann am Violoncello spielen die Bearbeitung Bachs mit sehr viel Gefühl und Ausdruck und nehmen das Publikum im barocken Kaisersaal mit auf eine Zeitreise in das 18. Jahrhundert.
Zum Schluss der Late Night Expedition gibt es mit der Klaviersonate Nr. 6 D‑Dur KV 284 einen weiteren Höhepunkt des Abends. Die Sonate wurde während der Reise nach München anlässlich der Produktion der Oper La finta giardiniera zwischen dem späten 1774 und dem März des nächsten Jahres komponiert, als Mozart 18 Jahre alt war, und ist die Sechste eines Zyklus von sechs Sonaten mit steigendem Schwierigkeitsgrad, die auf der Reise entstanden sind. Der Kopfsatz Allegro der Sonate ist fast orchestral angelegt und wird von Armstrong heiter und beschwingt intoniert. Der zweite Satz Rondo en polonaise ist ein Tanz, fast wie ein Liebeslied, leicht und flirrend. Den Finalsatz tema con variazone gestaltet Mozart als einen umfangreichen Variationensatz, der von der Länge und der verschiedenen Themen auch für sich alleine stehen könnte. Nicht weniger als zwölf Mal wird ein Gavotte-Thema variiert, immer sehr differenziert und abwechslungsreich. Das Herzstück dabei ist die elfte Variation, ein Adagio wie ein Wiegenlied, bevor der Schlusssatz in einem furiosen Final gipfelt. Armstrongs Virtuosität, die scheinbare Leichtigkeit des Spiels und sein gefühlsbetonter Ausdruck kommen im Finalsatz vollends zur Geltung und reißen das fachkundige Publikum fast von den Sitzen.
Es ist ein großartiges Doppelkonzert. Und wer davon nicht genug hat, kann sich am nächsten Abend die Teile III & IV sich anhören, unter anderem mit dem Klavierkonzert Nr. 21 C‑Dur KV 467, natürlich wieder mit Kit Armstrong und seinen befreundeten Musikerkollegen.
Andreas H. Hölscher