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DER GOLDENE DRACHE
(Peter Eötvös)
Besuch am
25. Januar 2020
(Premiere)
Die Geschichte nach dem Stück von Roland Schimmelpfennig ist ein wenig grotesk, schwankt zwischen Kritik an heutigen Zuständen, gleitet immer wieder ab in eine allgemeingültige parabelhafte Erzählung und besitzt bei aller spielerisch-theatralischen Leichtigkeit doch nachdenklich stimmenden Tiefgang. Die danach entstandene komisch-dramatische Oper Der Goldene Drache von Peter Eötvös wirft kurze Schlaglichter auf unser heutiges, oberflächliches Verhalten, führt dabei aber den Zuhörer und Betrachter durch die theatralische Musik in Sphären, die „Sichtbares hörbar oder Hörbares sichtbar“ machen nach den Worten des Komponisten und so eine Verdichtung herbeiführen.
Dazu kommt der Kunstgriff der Vervielfältigung der Darsteller: Fünf Sängerinnen und Sänger spielen in schnell wechselnden Szenen ganz verschiedene Rollen, verwandeln sich ständig, und diese kurzen Auftritte, diese Abfolge von dramatischen Momenten, die aufgelöst werden von skurrilem Humor, und die scheinbar realistischen Situationen, die wiederum konterkariert werden durch Surreales, könnten verwirren, ergeben aber im Zusammenhang, vor allem durch die Musik, ein stimmiges Ganzes.
Natürlich besitzt eine solche Oper auch einen gewissen Unterhaltungswert, aber der verflüchtigt sich vom Ende her, wenn der Kleine verblutet, der Heimatlose, der fremde Chinese ohne Papiere, und wenn er wie ein kariöser Zahn ausgespuckt und als wertlos in den Fluss geworfen wird, „als ob er nie da gewesen wäre“.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Für eine kommunale Bühne wie das Mainfranken-Theater in Würzburg ist es ein gewisses Wagnis, diese 2014 uraufgeführte Oper zu realisieren. Dass der 1944 geborene ungarische, prominente Komponist durch seine Anwesenheit der Premiere die Ehre gibt, lässt schon auf ein großes Einverständnis mit dem Vorhaben schließen.
Denn die Regie von Aldona Farrugia schafft das Kunststück, aus einem ernsten Thema, wie wir mit Fremden umgehen, ein sich immer mehr verdichtendes Theaterspiel um richtige und falsche Verhaltensweisen zu schaffen und darauf auch ironische Blicke zu werfen. Außerdem gelingt der Inszenierung problemlos die schnelle Verwandlung der fünf Akteure in über 20 Figuren dank geschwinder Verkleidung auf offener Bühne mit zum Teil grotesk überzeichneten, witzigen Hinweisen auf ihre Rollen etwa durch Perücken und spezielle Gegenstände. Eine Konstante dabei bleibt die rot-goldene „Uniform“ der fünf Küchenangestellten in den chinesischen Farben, ein geschickter Schachzug durch Gisa Kuhn.

Ähnlich gelungen das sehr variable Bühnenbild von Dorata Karolczak: Zuerst gibt es einen hell erleuchteten Kubus als Küche; seine Teile öffnen sich dann, bilden ein Podest, schweben nach oben oder deuten einen transparenten Raum an; alles ist fließend möglich durch ineinander greifende Umbauten; nur manchmal hilft die synchron eingesetzte Komparserie, durch Masken als anonym gekennzeichnet, weiße Kuben aufzubauen oder wegzuräumen. Licht und Video, Wellen, Schnee oder Bildschirmstörung anzeigend, verhelfen zu einem geschlossenen Ganzen trotz der oft nur kurzen Handlungssplitter. „Konkret“, aber riesenhaft vergrößert, tauchen immer wieder die plastischen Figuren von Insekt oder Zahn auf – hier statt eines Schneidezahns ein Backenzahn. Äußerlich wird alles durch die Geschichte von dem chinesischen Jungen, dem der schmerzende Zahn gewaltsam gezogen wird und der daran zugrunde geht, zusammengehalten.
Innerlich aber entsteht das durch die Musik. Gábor Hontvári führt das sechzehnköpfige Ensemble des Philharmonischen Orchesters Würzburg bestens. Unter seiner Leitung entwickelt sich dank der ungeheuer spielfreudigen Sängerinnen und Sänger ein prickelndes Theater mit Musik, bestens funktionierend, so dass die speziellen Effekte wie das Klopfen der Rohrzange links und rechts, andere „erläuternde“ Geräusche, Lautmalerei etwa wie Wellen, orientalische Schlaginstrumente, Zitate „chinesischer“ Musiktradition oder von Jazzklängen, Motive von Schmerzlauten, oder dem Ausdruck naiver Wünsche die Handlung verstärken. Alles kulminiert immer wieder im Zentralton Cis, einem Symbol für Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit, wie der Dirigent im Programmheft anmerkt.
Was der Aufführung zusätzlich Prägnanz verleiht, ist der Einklang von Text, Rhythmus und Musik. Das beherrschen die fünf Sängerinnen und Sänger bestens, die häufig in einer Art Sprechgesang agieren und nur an wichtigen Stellen ihre Stimmen charakterisierend oder ironisierend aufscheinen lassen. Besonders witzig ist das bei der blonden Stewardess Inga. Der Wechsel von Frauen- in Männerrollen und, noch komischer, umgekehrt, ist ein weiterer surrealer Effekt der Besetzung. So ist die sehr wandlungsfähige Barbara Schöller, der Mezzosopran, mal alte Köchin, dann Enkeltochter, Ameise oder Hans, Roberto Ortiz, der Erste Tenor, junger Mann, Großvater, Grille oder Tante, Mathew Habib, der Zweite Tenor, alter Asiate, dunkelbraune Stewardess, junger Freund, und der hervorragend spielende und singende Hinrich Horn, der Bariton, chinesischer Onkel oder blonde Stewardess. Nur Silke Evers bleibt immer der Kleine mit dem kranken Zahn, und ihr langer arioser Monolog auf der Heimreise als Toter lässt die vielen schönen Färbungen ihres runden Soprans ergreifend aufleuchten. Leider kann man nicht immer den übertitelten Text mitlesen. Das aber ist der einzige Wermutstropfen in dieser interessanten Aufführung.
Das Publikum im nicht voll besetzten Haus feiert alle Mitwirkenden ausgiebig und begeistert.
Renate Freyeisen