Erinnerung und Hoffnung zugleich

HELL IST DIE NACHT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
5. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Mozartfest Würzburg, Mutterhaus der Erlöser­schwestern, Würzburg

Hell ist die Nacht nennt sich die exklusiv für das Würzburger Mozartfest entworfene musik­thea­tra­lische Instal­lation von Max Koch, Ulrich Cornelius Maier und Tamara Yasmin Quick. Sie handelt aber nicht von Romantik bei fried­lichem Mondschein, sondern lässt den Furor der Kriegs­zer­störung beim Wandel­konzert in den Räumlich­keiten der Schwestern des Erlösers, einem heute ruhigen, fried­vollen, riesigen Kloster­areal mitten in der Stadt nacher­leben und erspüren.

Foto © Dita Vollmond

All das schlägt einen Bogen zum diesjäh­rigen Motto des Musik­fes­tivals Schuld und Sühne.  Das Besondere an der einein­halb­stün­digen Abfolge von Szenen, mit Kammer­musik aus allen möglichen Winkeln der Räume, von der punktu­ellen Reise durch 400 Jahre Musik­ge­schichte, von Mozart über Schumann, Wagner, Mahler, Brahms bis Eisler, Copland und Coates, mit Lyrik, aber auch Origi­nal­be­richten von Augen­zeugen der Katastrophe der Bomben­nacht vom März 1945, welche nahezu 95 Prozent der histo­ri­schen Altstadt vernichtete, dabei auch das Mutterhaus der Nonnen: Auch die Ordens­schwestern sind an der Aufführung beteiligt, lesen vor, wirken mit in einzelnen Szenen in den damals wie durch ein Wunder in den von der Zerstörung erhal­tenen Räumen, im Speisesaal, der Küche und vor allem unten im Keller, und das Publikum kann sich einen authen­ti­schen Eindruck abholen von der Enge, der Bedrohung und Bedrängnis, die damals herrschte, und das unfassbare Glück nacher­leben, dass hier im Keller 200 Soldaten und 300 Ordens­frauen sowie Nachbarn überleben konnten, während draußen alles Leben im Feuer­sturm unterging.

Die szenische Einrichtung zusammen mit der musika­li­schen Konzeption bringt die Stimmung, die Angespanntheit ganz nahe. Das ausge­zeichnete Streich­quartett Four4Strings, Ralf Hübner, Violine, Veronika Hagemann, Violine, Olga Hübner, Viola, und Philipp Hagemann, Violon­cello, unter­streicht das auch bei Einzel-Auftritten in Winkeln oder in Gängen und begleitet so das Publikum beim Wandeln durchs Haus über Treppen und Stufen zu vier Stationen, wo innege­halten wird und wo der menschen­ver­ach­tende Irrsinn des Kriegs an verschie­denen Situa­tionen deutlich wird. Zuerst geschieht das im Speisesaal; dort scheint alles wie in Rauch, in diffuses Licht getaucht, und die Schwestern bemühen sich, die vom schwarzen Ruß verschmutzten Wäsche­stücke zu säubern, mit Wasser, dem Quell des Lebens, und Laura, Elisabeth Wrede, singt zu den feinen Klängen der Streicher mit schön gerun­detem, tragfä­higem Mezzo­sopran von ihrer Sehnsucht nach dem Traumbild, Mozart KV 539, dem geliebten Hannes, Uli Bützer, der als Verletzter zurück­kehrt von der Front.

Foto © Dita Vollmond

Nur kurz herrscht danach eine vermeint­liche Idylle in der ehema­ligen Küche: Inmitten von Natur und Blumen genießt das Paar das Zusam­mensein; sie ist dabei die Solda­ten­braut, nach Robert Schumann opus 64, er besingt sie mit etwas unruhig geführtem Bariton in der Abend­emp­findung an Laura , Mozart KV 523. Aber der nächste Krieg wird kommen, und das Unaus­weich­liche der Trennung steht bevor; sie beklagt das mit drama­ti­schem Unterton durch im Treibhaus aus den Wesen­donck-Liedern von Wagner, er muss sie als Der Soldat, nach Schumann opus 40 verlassen.  Im Keller dann, wohin sich das Publikum durch enge Gänge begibt, ist auf dem Boden vielfäl­tiges Flucht­gepäck gestapelt; Laura irrt suchend herum zum Streich­quartett Nr. 2 von Gloria Coates, einer geradezu an Weinen erinnernden Musik und zu Aaron Coplands Song Night , öffnet Koffer, in einem hat eine verrußte Pietà wohl den Krieg überlebt, Laura singt von Hoffnung, und die von den Schwestern verle­senen Augen­zeu­gen­be­richte zur Bomben­nacht hinter­lassen zusammen mit den aufwüh­lenden Streich­quar­tett­klängen und In Flanders Fields von Charles Ives einen tieftrau­rigen Eindruck. Wieder oben in der Küche aber finden die Geliebten wieder zuein­ander, wenn auch irgendwie beschädigt in ihrem Weltver­trauen, und Wo die schönen Trompeten blasen von Mahler und Auf dem Kirchhofe von Brahms, opus 105, lässt trotz des überstan­denen Kriegs alles mit einer gewissen Skepsis enden, verklingend in einem instru­men­talen Arran­gement zu Eislers Kompo­sition An eine Stadt. Viel Stoff zum Nachdenken also über, laut Programmheft, „die Fragi­lität unseres gesell­schaft­lichen Zusam­men­lebens in Gegenwart und Zukunft“. Das Publikum ist bewegt ob des ungewöhn­lichen Abends und sitzt noch lange in angeregtem Gespräch zusammen im Klosterhof.

Renate Freyeisen

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