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HERZOG BLAUBARTS BURG/LE SACRE DU PRINTEMPS
(Béla Bartók, Igor Strawinsky)
Besuch am
31. Oktober 2017
(Premiere)
Opfer bringen – für die Liebe, für ein neues Leben – das wird am zweiteiligen Ballett-Opernabend im Mainfranken-Theater Würzburg verlangt und erfüllt von der Frau. Im ersten Fall in der Oper Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók opfert sich Judith freiwillig der Liebe zu Blaubart, dem geheimnisvoll düsteren Herrscher über ein Reich der Finsternis und der Tränen; im zweiten Fall in Igor Strawinskys Ballett Le sacre du printemps wird eine junge Frau nach einem primitiv heidnischen Ritual gewaltsam geopfert für einen männlichen „Gott“, damit durch sie neues Leben im Frühling entsteht.
Bartóks 1911 entstandenes, erst 1918 uraufgeführtes Werk weist gewisse Parallelen auf zu Wagners Lohengrin und seinem Frageverbot an eine liebende Frau, leitet sich aber her von einer alten Sage; Strawinskys 1913 uraufgeführtes Werk basiert auf einem alten, russischen Volksmärchen. In beiden endet die Beziehung zum ersehnten Neuanfang tödlich. Vielleicht ist auch das ein Grund, beide Werke wegen ihrer Entstehung zur selben Zeit, wegen ihrer neuartigen Musik mit verdeckten Anklängen zur Volksmusik, mit Dissonanzen, heftigen Steigerungen und tonalen Schilderungen innerer Zustände zu einem Abend zusammenzuschließen.
Für beide zeichnet nun Anna Vita, die Würzburger Ballettchefin, für Regie und Choreografie verantwortlich. Auch deshalb gibt es in der einaktigen Oper immer wieder Tanz-Szenen. Das bekommt der rätselhaften Symbolik des Ganzen nicht unbedingt. Denn durch die Tänzer erhält das Mysteriöse zu viel „Konkretisierung“, statt der beabsichtigten Imagination entsteht geradezu Realität. Das widerspricht auch dem Prolog im lyrischen Vorspiel, anstelle einer Ouvertüre vorgetragen von Georg Zeies; er formuliert den Gedanken der Suche nach der „Wahrheit“ als kaum fassbar, als „Echo von eines Seufzers Hauch“. Eine solche Verweigerung der Auflösung des Geheimnisses und der Abgründe der menschlichen Seele ist eigentlich das Thema der Oper.
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Eine weitere Misslichkeit kommt durch Ausstatter Kristopher Kempf im ersten Teil des insgesamt durchaus ansprechenden Abends hinzu: Wohl unbeabsichtigt spiegelt sich in dem Würfel, der quasi das Innere der „Burg“, also der Seele von Blaubart, darstellt und zu dem Judith, die kompromisslos Liebende, vordringen will, ständig der Dirigent; das lenkt ab von dem, was Judith eigentlich sehen will, was sie immer tiefer in die verborgenen Geheimnisse der Person des Geliebten eindringen lässt und was schließlich zur Vernichtung oder Aufgabe ihrer eigenen Identität führt. Ob Blaubart am Ende, als sie eingeht in die ewige Nacht, durch ihre Liebe erlöst wird aus seinen düsteren Erinnerungen, bleibt offen. Die Inszenierung betont auf dem Weg dorthin die mystischen Verweise; das Werk trägt viele Züge des Symbolismus. Das fängt schon an bei den Zahlen, etwa der Sieben; die sieben Türen beinhalten das Motiv des Zaubers, der Vollkommenheit. Auch die Farben gehören zu dieser Symbolik: Nach den ersten zwei Türen wird es heller, beim Herrschaftsbereich des Blaubart von der dritten bis fünften Tür ganz hell; immer aber ist dabei ins „Schöne“ das Rot gemischt, die Farbe des Blutes. Vor einem weiteren Öffnen der Türen warnt Blaubart eindringlich. Ab der sechsten Tür, dem Bild mit dem weißen Tränensee, bei dem nur blaue Nebelflüsse herabwallen, beginnt mit der siebten, nach der kurzen Aufhellung durch das Erscheinen der ehemaligen Frauen Blaubarts, mit Judiths Eintreten in dessen Liebes-Reich endgültig die Nacht. Damit schließt sich der Kreis zum Anfang, als Judith die Welt, das Tor im weißen Eisernen Vorhang, durchschreitet und die dunkle Burg mit den nassen, schwarzen Mauern erblickt, sich weiter vorwagt zum inneren Kern der Burg, der Seele des geliebten Mannes, einem dunklen Kubus mit spiegelnder Vorderseite auf der Drehbühne. Judith, im weißen Kleid, folgt bedingungslos ihrer Liebe, lässt sich nicht abschrecken von Warnungen ihres Geliebten. Die werden verstärkt durch eine dunkle Gestalt; man könnte sie als Seele, Alter ego, unterdrückte Seite der Person des Mannes deuten. Im wie immer in Würzburg sehr dürftigen Programmheft heißt sie „Echo“. Getanzt wird sie eindrucksvoll von Camilla Matteucci mit weiten, auch heftigen Bewegungen, mischt sich oft ein. Bei der „Folterkammer“ hinter der ersten Türe sind nackte Körper im Fenster zu ahnen; gedeutet wird dieses Bild manchmal auch als Geburt. Nach der Waffenkammer enthüllt die „Schatzkammer“ Gestalten in golden glitzernden Gewändern, die beim Heraustreten ihr wahres Gesicht, nämlich schimmernde Totenschädel zeigen. Der Garten wiederum entlässt tanzende Männer in Blumenröcken, ein ebenso verstörendes Bild wie „Herzog Blaubarts Land“, aus dem Menschenmassen mit Armen wie verdorrte Äste quellen. Für all diese Bilder gilt: Blut klebt an den Wurzeln, aber die irren Visionen wirken getanzt eigentlich nur befremdlich bis etwas banal, während der Tränensee viel Raum lässt für Imagination. Im Schlussbild erhalten die drei „Verflossenen“ Blaubarts eigentlich wenig tänzerisches Profil, sind durch ihre abgestuft glitzernden Gewänder als Verkörperungen von Morgen, Mittag und Abend eher leblose Kleiderpuppen. Und als Judith ihr weißes Gewand abstreift, wird sie im schwarzen Kleid Vertreterin der Nacht und geht so in Blaubarts inneres Reich ein.
Während die optische Seite der Inszenierung nicht immer befriedigt, entschädigt die Oper musikalisch dafür aufs Beste. Das Philharmonische Orchester Würzburg kann unter Enrico Calessos zupackender Leitung der Partitur sowohl differenzierte, impressionistische Klangvisionen als auch heftige impulsive Schilderungen der Schrecken entlocken. Eine Klasse für sich sind die Sänger: Brian Boyce, bestens artikulierend und stimmlich prägnant vor allem in den langen Parlando-Passagen, beeindruckt in seiner Gestaltung des Blaubart als Mann von weniger gewalttätigen als empathisch menschlichen Qualitäten, und er beweist sogar tänzerische Beweglichkeit zusammen mit seinem „Echo“. Karen Leiber ist eine unbeirrbar liebende Judith und gibt ihr mit ihrem eher dunkel timbrierten, großen, dramatischen Sopran viel Überzeugungskraft.

In Le sacre du printemps ist die Choreografin Anna Vita in ihrem ureigenen Element, macht daraus ein in sich stimmiges, mitreißendes Tanz-Mysterium. Nichts vom Skandal bei der Uraufführung ist hier zu verspüren. Eher könnten Traditionalisten sich heute noch aufregen über die zahlreichen Dissonanzen, die extremen Klangverschärfungen, die zerrissene Motivik oder Rhythmik. Was vielleicht mancher Zuschauerin bitter aufstößt, ist die Gewalt der Männer an einer unschuldigen Frau. Doch man darf nicht vergessen: Strawinsky schildert hier ein altes, überholtes Ritual aus einer heidnischen, russischen, sagenhaften Vergangenheit, stellt diese erbarmungslose Opferung als barbarischen Akt mit grandios dazu passender Musik dar. In Würzburg befindet sich auf der mit Blättern bestreuten Bühne im Hintergrund eine Art zylindrischer Klotz, vielleicht ein Altar-Block. Alles beginnt mit der „Anbetung der Erde“, in der sich schon in den Trikots und deren Farben die Gegensätze manifestieren: Die „Jungen“, in Gelb, betanzen und beschwören den Frühling, der mit grünem Licht suggeriert wird. Um sie herum im Kreis befinden sich die „Alten“, angetan mit fleckigem Rot-Braun. Vor diesen führen die fünf jungen Leute eine Art Erweckungstanz auf. Bald zeigt sich auch der Anführer der „Alten“, indem er dem Altar-Podest entsteigt. Fast willenlos, hilflos, zitternd ist das Mädchen, das spätere Opfer, im „Entführungsspiel“ dem „Weisen“ ausgeliefert, lässt sich trotz der Bemühungen ihrer Kameraden nicht von ihm weglocken. Bewundernswert, wie Kaori Morito in ihren Bewegungen, mal weich, mal angespannt starr, mal wie befreit, dann wieder in zitternder Abwehr ihre inneren Befindlichkeiten ausdrückt, wie mutig sie sich hoch werfen lässt, wie akrobatisch sie alle unglaublich schwierigen Figuren meistert und wie flexibel sie mit ihrem zarten, schmiegsamen Körper das schicksalhafte Opfer eines Mädchens in diesem gewalttätigen Ritual nahe zu bringen weiß, bis zum Schluss, als sie zum Riesen-Tutti des Orchesters auf den Paukenschlag genau in den Altar geworfen wird. Ihr Partner und Widerpart ist der Weise, der Alte, der Mann. David Bassenz tanzt ihn mit starker körperlicher und männlicher Ausstrahlung, mit hohen, präzisen Dreh-Sprüngen; dass ihm dieses Mädchen verfällt, wird deutlich auch durch außergewöhnliche Hebungen und Pas de deux, die eher durch Unterwerfung als von Miteinander geprägt sind. Auch die übrigen Ballett-Nummern, synchron und einfallsreich vom Ensemble ausgeführt, fesseln durch nonverbale Ausdruckskraft, etwa auch durch das primitiv-brutale Stampfen der Alten beim Ritus für die Ahnen und durch die Kongruenz zur Musik Strawinskys. Das Orchester unter Calesso bietet hier wieder eine hoch präzise Leistung bei den schreienden, zerrissenen Passagen, den Schichtungen, den rauschhaften Fortissimi, den heftigen Betonungen bis hin zum erbarmungslosen Schlag am Schluss, bei dem auch der Alte fällt. Vielleicht das ein Hinweis darauf, dass solch menschenverachtende Rituale heute vorbei sind.
Das Premierenpublikum im nahezu voll besetzten Haus feiert lange und mit nicht enden wollenden Bravo-Rufen alle Mitwirkenden, vor allem aber das Solisten-Paar.
Renate Freyeisen