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LIEDERABEND
(Aribert Reimann, Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
10. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)
Widerstreitende, unerwiderte Gefühle, das zieht sich als thematische Verbindung durch einen hochkarätigen Liederabend mit der weltweit gefeierten Sopranistin Christiane Karg und dem international renommierten Aris Quartett im Kaisersaal der Würzburger Residenz beim Mozartfest. Der Abend könnte überschrieben sein mit unerfüllter Sehnsucht nach menschlicher Nähe, nach Freundschaft. Ungewöhnlich ist dabei eigentlich die Kombination von Streichquartett und Singstimme für Lieder. Aribert Reimann, 2024 verstorbener Komponist, hat für das „romantische“ Repertoire die üblichen Klavierbegleitungen neu instrumentiert, sie so mit neuen Farben oder mit eigens geschaffenen Intermezzi zwischen den Liedern versehen, die wie kurze „Kommentare“ zum Gehörten oder als Vorbereitung für Kommendes dienen. Bei den Transkriptionen für Streichquartett zu den Liedern lässt sich Reimann ganz auf die emotionale Aussage der Texte ein, lässt die oft bewusst fragil und transparent gehaltenen Streicher-Klänge ganz mit der Stimme verschmelzen, so dass beide Partner zusammen ein sanft schimmerndes Tongemälde bilden.

Als rein instrumentale Bereicherung zu den Lied-Schöpfungen bewährt sich Wolfgang Amadeus Mozarts so genanntes Dissonanzenquartett Nr. 19 C‑Dur KV 465 als sehnsüchtige Distanzierung vom schweren Alltag durch musikalische Schönheit, gerade im Gegensatz der schroffen Einleitungs-Takte des ersten zum Gesanglichen des zweiten Satzes spürbar. Dass Mozart dieses und fünf weitere Quartette seinem Freund Haydn gewidmet hat, der gerade dieses, anders als die Zeitgenossen, sehr geschätzt hat, sei nur am Rande erwähnt. Das vielfach ausgezeichnete Aris Quartett, Katharina Wildermuth und Noemi Zipperling, Violinen, beide Damen in duftigen Sommerkleidern, und Caspar Vinzens, Viola, sowie Lukas Sieber, Violoncello, harmonieren bestens; die Violinen legen mit ihrem lichten, transparenten Spiel ein seidiges Gespinst über die samtig dunklen Streicher. So breitet sich nach den langsamen, schmerzvollen Einleitungs-Takten bald Freundlicheres, Schnelleres, Anmutiges aus, alles von innerer Spannung getragen. Versöhnlicher Wohlklang bestimmt das Andante, dem ein subtiles Menuett voller Elan mit einem eher gedankenschweren Trio folgt und dann von einem aufmunternden, charmant gesteigerten Finale abgelöst wird. Das fein gestaltete Quartett bildet gleichsam einen Ruhepol unter den Lied-Kompositionen. Sie beginnen mit der Vertonung von Goethes Gedicht Mignon durch Franz Schubert, mit der schmerzvollen Sehnsucht nach einem Freund, nach Frieden, letztlich nach Erlösung durch den Tod von allen irdischen Leiden. Damit ist die Aussage-Linie des Liederabends vorgegeben. Aus dem weich schmeichelnden, fein ziselierten Ton der Streichinstrumente erhebt sich sanft der helle, klare, lichte Sopran von Christiane Karg, formuliert kostbar klingend das Leiden an der Einsamkeit, die Wehmut, den Traum nach Verklärung in schimmernden Höhen. Auch Robert Schumanns Herzeleid op. 107⁄1 über die unglückliche Ophelia lässt in Kargs Gestaltung feines Mitgefühl spüren. In den Fünf Ophelia-Liedern WoO 22 von Johannes Brahms spiegelt sich, gedämpft in den Streichern, unendliche innere Trauer, die auch durch die Schönheit des Gesangs, die bewegte Schilderung des Valentinstags, das Klagen über den Tod, den verlorenen Geliebten, das unerbittliche Leid und die Bitte an Gott kaum gemildert werden kann. Der ausgedehnte Zyklus … oder soll es Tod bedeuten? von Felix Mendelssohn Bartholdy nach Gedichten von Heinrich Heine, eine Auftragskomposition für Aribert Reimann 1996 für die Schwetzinger Festspiele, bei der er auch teilweise bei der Transkription vom ursprünglichen Klaviersatz abwich, aber zwischen den Liedern mit sechs instrumentalen Intermezzi die atmosphärische Stimmung für die Gedicht-Vertonungen verstärkte, kündet eindrucksvoll von Fragen nach der Befindlichkeit menschlicher Existenz in der Welt. Das bekannte Frühlingslied Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute beginnt fein bewegt, weitet sich lieblich; gleich aber schlägt die Stimmung um zu Herbstlichem in dramatischen Bewegungen und Gedanken an Einsamkeit. Der Wunsch nach Friedvollem lässt dann alles sanfter, idyllischer, heller erscheinen in feinen Färbungen des Soprans, und Auf Flügeln des Gesangs erklingt wunderbar licht, kostbar; die Stimme vollzieht hier die Bewunderung der Natur nach, beschwört einen seligen Traum, bevor verhalten wieder traurige Stimmung aufkommt. In all jenen Gefühlsregungen verbindet sich der Sopran homogen mit den Streichern, leuchtet in vielen delikaten Schattierungen, deutet damit den stets gut verständlichen Text aus. Naturbilder wie der Mondenglanz vermitteln sich unmittelbar als Ahnung von tiefer Empfindung. Alles endet klagend, irgendwie mutlos, in einer abgebrochenen, nie beantworteten Frage, ungelöst.
Nach einer kurzen Pause der Nachdenklichkeit bricht dann im leider nicht ausverkauften Saal der Jubel über diesen ungewöhnlich bereichernden Liederabend los, lang, laut, und so ist noch eine passende Zugabe fällig, das Abendlied aus den 6 Gesängen von Robert Schumann und Aribert Reimann.
Renate Freyeisen