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MÄRCHEN IM GRAND HOTEL
(Paul Abraham)
Besuch am
30. November 2024
(Premiere)
Märchen im Grand Hotel ist das letzte Werk des einst erfolgreichen Operettenkomponisten Paul Abraham. Schon die Uraufführung konnte 1934 nicht mehr in Berlin stattfinden, sondern in Wien. Bald danach verboten die Nazis seine Werke, weil er Jude war. Auf der Flucht vor dem braunen Terror ging er zuerst in seine ungarische Heimat, ab 1939 nach Paris, später über England und Kuba in die USA, nach New York. Aber auch im Exil konnte der Begründer der Jazz-Operette nicht mehr Fuß fassen, stand vor dem finanziellen Ruin, und die Anzeichen einer Geisteskrankheit vermehrten sich. Nach Kriegsende war sein Name weitgehend vergessen. 1956 kam er mit Hilfe von Freunden nach Hamburg, wo er psychiatrisch betreut wurde. Bis zu seinem Tod 1960 wähnte er sich, geistig völlig verwirrt, in einem Grand Hotel. Das zutiefst berührende Schicksal greift nun Regisseur Tristan Braun bei seiner Inszenierung in der Blauen Halle des Mainfranken-Theaters Würzburg auf, steuert eigene Dialoge bei, ebenso musikalische Einlagen aus Abrahams berühmter Operette Victoria und ihr Husar das Abschiedslied und im dritten Akt, als die Gäste im Grand Hotel, die dort Zuflucht suchen vor der Verfolgung durch die Nazis, mit einem sanften Chorgesang, mit Felix Mendelssohn Bartholdys Opus 41 Nr. 2 Entflieh mit mir ins Ungewisse ziehen. Die Betonung der Regie des ernsten Hintergrunds der Entstehung der Operette vor einer Weltkrise, mit Terror, Verfolgung und Flucht macht die Doppelbödigkeit des Stoffes als eines „Märchens“ deutlich, auch die Sehnsucht nach einem Happy End, das es nur als Filmstory, als glamouröse Fiktion gibt. Aber die Reaktion des Publikums zeigt auch, was es mit dem Besuch einer Operette verbindet, den Wunsch nach Illusion, Glanz, Versöhnung der Konflikte und heiterer, spritziger Unterhaltung ohne großen Tiefgang. Das ist auch in Würzburg zu spüren. So gibt es viel spontanen Beifall für die fast atemlosen Tanz-Nummern, die komischen Handlungs-Elemente, etwa bei der Prinzessin in der Badewanne, und die glitzernden Hollywood-Szenen. Solche Erwartungen füttert die Regie reichlich mit Einblicken in ein luxuriöses Hotel mit großer Treppe, Rezeption, Lobby oder in die Räume einer Suite mit kuscheligem Riesen-Bett oder Badezimmer im Bühnenbild von Valentin Mattka, und die Kostüme von Heike Seidler spiegeln die 1930-er Jahre in Hollywood oder in einem französischen Luxushotel mit internationalen Gästen aus der Oberschicht und den Bediensteten als Hotelboys oder Rezeptionist. Dazu kommt die faszinierende, vor Lebenslust sprühende und vibrierende Choreografie von Mariana Souza mit äußerst schnellen, exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufen, Gesten der Hände und Tanzschritten.

Das beginnt schon im Vorspiel in Hollywood, im Büro der Film-Traumwelt von Universal Star Picture, wo Produzent Sam Makintosh gerade in finanziellen Schwierigkeiten steckt, herrlich patriarchalisch als Boss dargestellt von Daniel Fiolka, assistiert von seinen ratlosen Assistenten, dem Dramaturgen, David Hieronimi, und dem Sekretär, Herbert Brand. Einen Ausweg aus dem Desaster weist die äußerst selbstbewusste Tochter des Film-Magnaten, Marylou, ein Wirbelwind, ständig in Bewegung, attraktiv, natürlich blond, emanzipiert in Hosen mit Hosenträgern, mit Krawatte und doch umwerfend weiblich. Katrin Merkl imponiert hier vor allem tänzerisch mit ihren flinken, flexiblen Bewegungen und ihrer Attraktivität; mit ihrer eher blechern scheinenden, etwas schrillen Stimme aber zeigt sie, wer hier das Sagen hat. Ihre Idee, die Vertreter des eigentlich abgedankten, bankrotten Adels als Darsteller in einem Grand Hotel in den Fokus eines Film-Plots zu nehmen, kann sie gegen alle Zweifel durchsetzen, und so reist sie samt Assistentin Mabel, Minkyung Kim, nach Europa. Ihr Opfer: Die spanische Infantin Isabella, aus ihrer Heimat vertrieben, samt verbliebenem Hofstaat residierend im französischen Luxushotel. Sie soll die Rolle in einem künftigen Film spielen, dabei ihre Erlebnisse im Hotel nachzeichnen.
Natürlich ist es ein Problem, die stolze, überaus standesbewusste, blasierte Dame für das Vorhaben zu gewinnen. Das gelingt nach vielen Hindernissen. Vorerst aber ist Isabella mit Anhang erstarrt in höfischer Etikette. Das wirkt zum Teil leicht ironisierend, wird aber auch sehr übertrieben gezeichnet in Handbewegungen, Äußerungen und Gangart. Allzu lange behält Isabella ihre abweisend königlichen Avancen bei gegenüber dem in sie verliebten Zimmerkellner Albert, Julian Habermann, der liebestoll, trottelig, ungeschickt, knuddelig und angenehm betonend singend, sich auch durch die überaus harten Zurückweisungen seiner Angebeteten nicht abschrecken lässt; er erniedrigt sich auch ihr gegenüber. Dass sie sich unter solchen Umständen in ihn verliebt, erscheint eigentlich wenig glaubwürdig. Zwar werden zuerst so die gesellschaftlichen Schranken deutlich, später aber, als sich herausstellt, dass die Infantin kein Geld hat, Albert aber der Sohn des Präsidenten Chamoix ist, dem Beschützer der Geflüchteten im Hotel, mit viel Einfühlungsvermögen von Barbara Schöller gezeichnet, heben sich die Unterschiede wenigstens pekuniär auf. Manche Szenen besitzen durchaus Längen, wie etwa das Herumgehüpfe der Höflinge auf Isabellas Bett. Dennoch kann die Infantin ihre Bedenken gegenüber dem verliebten Albert anfangs nicht aufgeben, also müssen die beiden Abschied voneinander nehmen. Erst im Nachspiel der Operette, in den USA, wo die schwarzhaarige Spanierin zu einer blonden Hollywood-Schönheit mutiert ist, kommen die beiden im glitzernden Traumland des Films zusammen – ein Happy End, ein Film-Märchen, denn das echte Leben verkauft sich miserabel.

Doch die heiter unterhaltenden Teile der Handlung werden bei der Inszenierung auch immer wieder „unterbrochen“ durch Hinweise auf den Zeit-Hintergrund: Da hört man aus dem Radio authentisch eine Ansprache von Nobelpreisträger Thomas Mann ans deutsche Volk oder verstörende Nachrichten über die damalige Weltlage – als Mahnung für Heute. Isabella, mit kraftvoll flexiblem Mezzosopran gesungen von Vero Miller, wandlungsfähig gezeichnet, denn im Grund ihres Herzens ist sie ein kleines Mädel, das nur glücklich sein will; zuerst hoheitsvoll in Schwarz als Spanierin; dann attraktiv in Rot als Gesellschafts-Dame und schließlich in weißem Glitzerkleid als Filmstar. Auf der Karriereleiter kann sie endlich ihre Liebe gestehen, und ihr Hofstaat, Großfürst Paul Michael, Leo Hyunho Kim, der steife Baron Dos Lossas, Jakob Mark, die übernervöse, überkorrekte Gräfin Pepita, Megan Henry, kommen auch beim Film unter. Ein besonders sympathischer Typ in diesem adligen Zirkus ist Prinz Andreas Stefan, aus dem Orchestergraben wegen Erkrankung des vorgesehenen Darstellers hervorragend gesungen von Florian Wugk, auf der Bühne aber mit viel Spaß umwerfend überzeugend als netter, Verehrer der Infantin gespielt von Tristan Braun.
Zur Mannschaft des Hotels gehören noch Hoteldirektor Matard, Paul Henrik Schulte auch souverän als Rezeptionist, und die vier Hotelboys, ein hervorragend harmonierendes Vokalquartett, Veronika Brandhofer, Sangmog Lee, Paul Henrik Schulte und Taiyu Uchiyama, irgendwie erinnern sie an die berühmten Comedian Harmonists. Auch der viel beschäftigte Chor, einstudiert von Sören Eckhoff, gefällt mit ausgewogenem Klang. Die Tänzer der Würzburger Compagnie beleben das Geschehen in wechselnden Auftritten. Unter dem äußerst aufmerksamen Gábor Hontvári lässt das Philharmonische Orchester Würzburg hören, wie viel Spaß es bei der mitreißenden Musik von Abraham hat mit ihren Jazz-Rhythmen. Trotz allem aber hat die über dreistündige Aufführung einige Längen, bewegt sich auch teilweise am Rand des Kitsches.
Doch dem Premierenpublikum im ausverkauften Haus gefällt alles sehr, und es feiert lange alle Mitwirkenden.
Renate Freyeisen