Unversöhnliche Rache

MEDEA
(Luigi Cherubini)

Besuch am
6. Oktober 2024
(Premiere)

 

Theater­fabrik Blaue Halle, Mainfran­ken­theater Würzburg

Es ist ein Pech, wenn ausge­rechnet die Sängerin der Medea in Luigi Cheru­binis drama­ti­scher Oper erkrankt ist und nicht singen kann – umso tragi­scher, weil die Haupt­figur der opéra comique von 1797 in dem Stück nahezu dauernd auf der Bühne stehen muss und es von dem Werk mehrere Fassungen gibt, nach der Urauf­führung in Paris 1797 in franzö­si­scher Sprache auch eine in deutscher Übersetzung ab 1800, dann mit dazu kompo­nierten Rezita­tiven für die Dialoge durch Fritz Lachner, und eine in italie­ni­scher Übersetzung dieser Fassung durch Carlo Zangarini 1909, mit der Maria Callas 1953 Triumphe feierte. Das Würzburger Mainfran­ken­theater entschied sich nun für letztere Version. Für die Partie der Medea steht aber aus Zeitgründen als Ersatz „nur“ die Sängerin Claire de Monteil zur Verfügung, die die franzö­sische Fassung beherrscht, mit der sie an der Mailänder Scala einge­sprungen war. So kann die Premiere der sehnlichst erwar­teten Medea nur dadurch statt­finden, weil die Sängerin vom Orches­ter­graben aus ihre Partie in italie­ni­scher Sprache singt. Die Regis­seurin Agnessa Nefjodov mimt dabei die Figur auf der Bühne, leider wenig überzeugend in Körper­sprache und Mimik. Dafür aber kann die Sängerin der Medea umso überzeu­gender die inneren Erschüt­te­rungen und Gefühls­re­gungen mit ihrer großen, flexiblen Stimme ausdrücken. Davon nachher mehr.

Foto © Nik Schölzel

Gerade im reduzierten, sparsamen Bühnenbild von Volker Thiele mit weißen Wänden wäre eine sinnvollere Gruppierung und Bewegung des nuanciert und mitreißend singenden Chors, einstu­diert von Sören Eckhoff, noch belebender gewesen. Eine überzeu­gende Idee aber ist optisch das berühmte Goldene Vlies, das als Kriegs­beute einge­rollt herbei­ge­schleppt wird von den schwarz geklei­deten Argonauten; es entpuppt sich als eine Art großer Webteppich aus kostbaren, glänzenden Stoff­bahnen, der sich entfaltet wie ein Schiff, wohl als Erinnerung an die Argos, und hochge­zogen lange Zeit den Hinter­grund bildet im Königs­palast von Korinth, wo König Kreon herrscht, recht einschichtig patri­ar­cha­lisch darge­stellt und mit oft allzu lautem Bass gesungen von Gustavo Müller.

In Kreons Tochter Glauke hat sich Jason, Noch-Ehemann von Medea aus Kolchis, verliebt und will sie heiraten. Doch Glauke freut sich nicht auf die Hochzeit; sie ahnt Schlimmes von Medea, die als Magierin und Zauberin gefürchtet ist. Das Misstrauen in eine glück­liche Zukunft lässt Glauke schon während der Ouvertüre spüren, als sie sich des Braut­kleids entledigt. Auch später wirkt sie abwartend und zweifelnd, und Milena Arsovska, jugendlich attraktiv, kann diese Hemmungen bestens vermitteln. Ihr schlanker, heller Sopran, der die Verzie­rungen mühelos bewältigt, passt zu ihrer äußeren Erscheinung, lediglich in den Höhen klingt ihre Stimme manchmal etwas schrill. Auch Jason ist keine absolute männliche Licht­ge­stalt, scheint immer irgendwie schwach in seinem Auftreten und seinen Handlungen, und der Tenor von Brad Cooper unter­streicht das mit etwas flachem Timbre und angestrengten Höhen. Dass er sich irgendwie vor Medea fürchtet, ist logisch.

Foto © Nik Schölzel

Äußerlich kommt sie in Stiefeln daher, in Hosen und in Leder­jacke und mit langem Haar, so bedeutsam charak­te­ri­siert im Kostümbild von Nicole von Graevenitz, lässt sie weibliche Anziehung vermissen. Sie ist eben eine Frau aus einer anderen, fremd­be­stimmten Welt, kämpfe­risch für ihre Rechte oft aggressiv einstehend, und passt nicht ins zivili­sierte Korinth, wo sich Jason schon häuslich nieder­ge­lassen hat. Sie soll also von hier verbannt werden, Asyl woanders suchen. Dass sie über magische, schwer verständ­liche Kräfte verfügt, soll wohl angedeutet werden durch ein seltsames, anfangs schwarz verhülltes „Ungetüm“, unter dem sich ein Gestänge mit allerlei seltsam anmutenden Utensilien verbirgt, vielleicht Gerät­schaften für ihre Zauber­künste, auf jeden Fall aber etwas, mit dem sie andere erschrecken kann. Claire de Monteil gibt ihrer Medea stimmlich sehr mensch­liche Züge: Ihr reich bemit­telter, angenehm fülliger, drama­ti­scher Sopran, der auch über großartige Tiefen sowie über strah­lende Höhen verfügt, formt mit einer Vielzahl von Ausdrucks-Facetten emotionale Stimmungen, manchmal eine Achterbahn der Gefühle; durch­drungen ist diese Medea von Verlust-Ängsten, von Enttäu­schungen und innerer Verzweiflung. Dass sie am Ende zum Äußersten greift und Jason bestraft, indem sie die gemein­samen Kinder umbringt – was dankens­wer­ter­weise unblutig abläuft – ist nur in einer Spirale der Gewalt zu verstehen.

Neris, Medeas treue Beglei­terin, wird von Vero Miller glaubhaft auch im Bemühen um Schadens­be­grenzung gezeichnet, ist mit ihrem kräftigen, nie angestrengten, höhen­si­cheren hellen Mezzo­sopran ein Licht­blick in der Insze­nierung, kann aber nichts gegen den immer stärkeren Rache-Impuls der Medea zwischen Liebe und Hass ausrichten. Am Schluss, als ein Donner­schlag das düstere Geschehen mit der Katastrophe und dem Tod der Medea beendet, ist man immer noch beein­druckt von der aussa­ge­kräf­tigen Musik Cheru­binis, von seiner Tonma­lerei, die die inneren Regungen der Personen verdeut­licht. Das klein besetzte Philhar­mo­nische Orchester Würzburg unter der Leitung von Enrico Calesso gefällt dabei sehr in seiner aufmerk­samen, trans­pa­renten Spiel­weise zwischen drama­tisch heftigen Aufschwüngen, etwa beim Gewitter, und lyrischen, warm klingenden Passagen, etwa auch bei der Begleitung von Glauke durch die Soloflöte und von Medea durch das Solofagott.

Dass Cheru­binis Oper Medea auf deutschen Bühnen nie so recht Fuß gefasst hat, ist schwer zu verstehen, mögli­cher­weise der anspruchs­vollen Partie der Titel­heldin zuzuschreiben. In Würzburg ist die Oper nun das erste Mal zu erleben, das Premie­ren­pu­blikum im nicht ganz voll besetzten Haus ist ganz begeistert von der Aufführung und würdigt sie mit langem Beifall und vielen Bravos.

Renate Freyeisen

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