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MOZARTFESTBEGINN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
24. und 25. Mai 2025
(Einmalige Aufführungen)
Freundschaft lautet das Motto des diesjährigen Würzburger Mozartfests. Damit ist gemeint die zwischenmenschliche Verbundenheit, die durch Töne entstehen kann, wie bei Mozart in seiner Beziehung zu anderen Komponisten, die er schätzte, wie etwa den „Londoner“ Johann Christian Bach, oder zu zeitgenössischen Kollegen aus Böhmen, und zu Instrumentalisten, mit denen er oft freundliche Scherze trieb, ebenso wie zu befreundeten Personen aus seinem Umfeld. Inspiriert vom Festival-Thema wurden nun zwei hervorragende, international renommierte Solisten als artistes étoiles ausgewählt, der Bratschist Nils Mönkemeyer und der Pianist William Youn, beide schon lange befreundet und auch künstlerische Partner, mehrfach zu hören in elf Konzerten, zusammen eine ungewöhnliche Kombination der Instrumente, für die es auch nicht viel Literatur gibt. Die beiden jungen Solisten, im musikalischen und menschlichen Einverständnis vereint, mit großem gegenseitigen Verstrauen zueinander, begrüßen es daher sehr, dass Manfred Trojahn, 75-jähriger bekannter Gegenwartskomponist, erklärter Mozart-Verehrer, im Auftrag des Mozartfestes für die beiden Instrumente extra ein Stück geschrieben hat, nämlich Trame lunari, das am 6. Mai in der Hamburger Elbphilharmonie uraufgeführt wurde. Trojahn selbst wird als „Komponist im Porträt“ ebenfalls mehrfach während des Festivals gewürdigt.

So ist es kein Wunder, dass er gerade beim Eröffnungskonzert mit seinem neuen Werk einen prominenten Platz einnimmt. Auch der Abend zum Auftakt, von viel Prominenz besucht, steht unter dem Motto freundschaftlicher Beziehungen. Er beginnt mit einer weitgehend unbekannten Komposition von Marianna von Martines, ihrer dreisätzigen Sinfonia C‑Dur von 1770, eher als freundlich verhaltene Ouvertüre zu werten. Ihre Schöpferin, unterrichtet von Joseph Haydn und Nicoló Porpora, unterhielt im Haus von Pietro Metastasio einen vielbesuchten Salon, zu dessen Gästen auch Mozart regelmäßig zählte, auch um mit ihr vierhändig am Piano zu musizieren. Die kleine Sinfonia der einstigen Wiener Salondame schafft gleich zu Beginn im vollbesetzten Kaisersaal der Würzburger Residenz eine muntere, beschwingte Atmosphäre. Das Ensemble Resonanz, ein 21-köpfiges Streicherensemble aus Hamburg, sehr agil geleitet von Riccardo Minasi aus Rom, verstärkt durch Bläser, die mit witzigen Trillerfiguren die sanft schwingenden Linien des Allegro con spirito effektvoll konturieren, betont im etwas betulichen Andante das Liebliche und steigert im Finalsatz mit geschwind dahinschäumenden Momenten die freundliche Stimmung. Beim folgenden Trame lunari, dessen Titel auf ein Gedicht des italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti zurückgeht, hat Trojahn die rätselhaften Bilder vom „Ränkespiel des Mondes“ mit stimmungsvoller Musik nicht vertonen wollen, sondern wollte nachempfinden lassen, wie sich „Schauder von Schatten“ anfühlen können. Dabei nimmt das Orchester die Rolle eines Begleitinstruments ein, während die Bratsche fahle, melancholische Figuren und das Klavier Struktur gibt mit nachhaltig expressiven Phrasen. So beginnt im ersten Satz das Klavier eher düster, die Bratsche wechselt von beschwörend geheimnisvoller Ausstrahlung zu Düsterem; es entwickelt sich ein in sich verzahntes Gewebe von emotional bestimmten, helleren Viola-Klängen und untergründigen Klavier-Akzenten, von Orchester-Einwürfen untermalt, bis sich die starken inneren Spannungen im sanften Ausgleiten lösen. Der zweite Satz beginnt mit innerer Zerrissenheit, einem heftigen Widerstreit, den die Viola mit wunderbar abgestufter Ton-Färbung sehnsüchtig singend ausgleicht. Nach starken Steigerungen beruhigt sich alles, zu feinem Flageolett des Streichinstruments, von immer wiederholten Akzenten der Klavier-Anschläge akzentuiert, gleitet alles aus in einem „molto calmo“ ohne Begleitung des Orchesters, fast unhörbar zart am Ende. Zur Versöhnung nach dem herausfordernden Stück dann eine Zugabe durch die zwei Solo-Instrumente, die Mozart als Zehnjähriger geschrieben hat, und in dem das Publikum die herausragenden Qualitäten der zwei Musiker voll genießen kann.

Dagegen setzt der zweite Teil des Konzertabends ganz andere, kräftige Akzente, angetrieben von Minasi am Pult mit sehr ausgreifenden Bewegungen. Auf eine sehr stark auf effektvolle Wirkung und heftige Steigerungen ausgerichtete Ouvertüre zu Mozarts Le nozze di Figaro mit fast überdrehter Geschwindigkeit folgt eine von großen Kontrasten geprägte Haffner-Sinfonie D‑Dur KV 385, auch dieses Werk entstanden aus freundschaftlicher Verbundenheit zur Kaufmannsfamilie Haffner aus Salzburg, in kürzester Zeit eilig niedergeschrieben. Der Dirigent versieht die Sinfonie mit viel Temperament, großer Geschwindigkeit, hinter der feinere Abstufungen etwas verschwinden, und mit starkem Impetus. Nach dieser kraftvollen Demonstration feuriger Lebensfreude gerät der zweite Satz lieblich, aber insgesamt etwas belanglos, während das Menuett mächtig auftrumpfend ländliche Akzente betont und im Trio mit lieblicher Melodik betört, bis dann im Finalsatz wieder kraftvolle Stärke neben flüssiger Geschwindigkeit mit Hang zum Verwischen dominiert und alles vor Kraft strotzend triumphal endet. Das gefällt dem meist geladenen Publikum, wie der lange Beifall zeigt.
Mit einem „Stachel“ gegen eingespielte Hörgewohnheiten beginnt das zweite große Mozartfest-Konzert im Kaisersaal der Würzburger Residenz, mit der 2024 geschaffenen Rhapsodie für Streichorchester in fünf Teilen, vom Salzburger Mozarteum-Professor Johannes Maria Staud für das Münchner Kammerorchester komponiert. Der Niederländer Bas Wiegers leitet den Abend mit viel Engagement und Kennerschaft für Werke der Moderne. Dass der Saal bei einem Programm mit viel zeitgenössischer Musik nur schwach besucht ist, verwundert nicht. Gerade das einleitende neue Werk mit sprunghaft großen Kontrasten zwischen ruhig, sich aufbäumend, messerscharf, klangvoll, wild, entfesselt bis zu singend will eigentlich dadurch mitreißen, aber die ständig wechselnden, unvorhergesehen überraschenden „Klanglandschaften“ wirken auf Dauer doch etwas langweilig. Zu bewundern ist jedoch, wie die Streicher die ihr Können herausfordernde Spielweise bewältigen, die von hohem Sirren über kompromissloses Getöse, volle dunkle Stärke, von Schärfe bis zu Dumpfem, von klopfenden Geräuschen bis zu filigran Scheinendem reicht und in einen energischen Schluss mündet. Dagegen lässt sich Benjamin Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher besser verstehen durch ihren Anlass, das Kriegsgeschehen im Zweiten Weltkrieg, vor dem der Komponist und Pazifist mit seinem Freund, dem Tenor Peter Pears wegen Verweigerung des Wehrdienstes aus England geflohen war und erst nach seiner Heimkehr 1943 diese Serenade mit ausgewählter Lyrik geschrieben hatte, in der Sehnsucht nach Frieden, nach Rettung, Ruhe, Erlösung aus der Dunkelheit der Nacht, aus der Unsicherheit des Daseins. Dabei spielt das Horn, stimmungsgebend, eine wichtige Rolle. Es rahmt solo mit einem Prolog und einem Epilog wie aus der Ferne wie eine Nachricht der natürlichen Schöpfung die vom Sänger vorgetragenen sechs Gedichte mit Gedanken zum menschlichen Befinden ein. Franz Draxinger, im Programm leider nicht erwähnt, wirkt mit seinen fein abgestuften Tönen des Naturhorns wie ein Bote aus einer anderen Welt, schon am Anfang mit seinem signalhaften Ruf und dann als Dialogpartner des Sängers zusammen mit den Streichern, die mal flächig breit, mal mit sanfter Melancholie oder wie innerlich zerrissen die Äußerungen des Sängers konturieren.

Julian Prégardien kann mit feiner Poesie, sanfter Steigerung in schön klingende Höhen das Lyrische im Pastorale mit seinem reich bemittelten, aber zurückhaltend geführten Tenor nachzeichnen, das Nocturne mit stärkerer Betonung bestens artikulierend als Aufforderung an seinen Horn-Partner formulieren; in der Elegie schwingt im traurig stimmenden Text Melancholisches mit und mündet in ein großes Klagelied mit fahler Stimmfärbung als Hilferuf an Gott, fast ohne Hoffnung, und die Hymne ist wilder bewegt als Erinnerung an Mythisches. Im Sonett wird nach sanftem Beginn in tröstlichen, großen Bögen die Bitte um Rettung eindringlicher und, gedämpft bei den Streichern, die Seelenruhe beschworen. Prégardien imponiert hier durch seine ganz unprätenziöse Gestaltung, die die Textaussage unaufdringlich unterstreicht. Bei Manfred Trojahns 1912 entstandenem Libera me , einer aus unserer Gegenwart gesehenen Hinleitung zu Mozarts Requiem , geschrieben für Tenor, zwei Bassetthörner und tiefe Streicher klingt die tragende Stimme von Prégardien flehend, mit lichten Höhen wie ein aus der Tiefe kommender Hilferuf; zu den unaufgeregten, ruhigen Gesangslinien bilden die dissonanten Töne des Orchesters einen starken Widerpart, und die wiederholte Bitte Libera me , ganz sanft, hell, scheint da fast etwas hoffnungslos, bis alles tröstend endet wie eine „bange Sehnsucht nach Befreiung“, wie es im Programmheft heißt. Das leitet aber stimmig über zu Mozarts Linzer Sinfonie C‑Dur KV 425 von 1783 mit ihrer langsamen, kraftvollen Einleitung, von Haydn inspiriert; immer wieder kommen da auch schmerzliche Anwandlungen, Nachdenkliches trotz freundlich duftiger Figuren. Insgesamt aber herrscht energische Bewegung vor. Wiegers lässt fortschreitend, nicht allzu schnell spielen mit weicher, durchsichtiger Tongebung, mit straffen Akzentuierungen alles vorantreibend. Es ist ein Mozart zum Genießen. Aus dem sanften Beginn des Andantes entwickelt sich in Ruhe Liebliches; doch auch hier gibt es unterschwellig dunklere Seiten, eine Infragestellung des Schönen. Das frische Menuett mit einem leichtfüßig schwebenden Trio von Oboe und Fagott wird von einem kraftvoll gespannten Finale abgelöst, alles voller hinreißendem Schwung, gut gelaunt bis zum Ende.
Renate Freyeisen