O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Sündenbock vom Dienst

RUFEN SIE HERRN PLIM!
(Mischa Spoliansky)

Besuch am
23. Mai 2021
(Premiere)

 

Blaue Halle des Mainfran­ken­theaters Würzburg in der Dürrbachau

Wie begegnet man am besten übertrie­benen Beschwerden und Ansprüchen von Kunden in einem Kaufhaus? Indem die Leitung einen Sündenbock vom Dienst einstellt, der als Schul­diger herhält, fiktiv gekündigt wird und so den ökono­mi­schen „Schaden“ abfedert. So geschehen in der Kabarett-Oper Rufen Sie Herrn Plim! von Mischa Spoli­ansky nach einem Text von Kurt Robit­schek und Marcellus Schiffer, urauf­ge­führt mit großem Erfolg 1932 in Berlin. Der Komponist, vielfach tätig in Kabaretts, Revuen, als Scheiber von Schlagern, etwa für Marlene Dietrich und später für Filmmusik, konnte sich nur kurz an seinen Erfolgen erfreuen. Denn als Jude musste er nach London emigrieren. Seine Oper verschwand durch die Nazis in der Versenkung. Aber die groteske Handlung und die schmissige, eingängige Musik im Stil der 1920-er Jahre sorgen auch heute noch für beste Unterhaltung.

Foto © Nik Schölzel

Dass das Mainfran­ken­theater Würzburg die Kurzoper nach langem Corona-Stopp für seine Blaue Halle ausge­wählt hat, erweist sich als Glücks­griff. Regis­seurin Annika Nitsch belässt die Handlung in den so genannten Goldenen Zwanzigern, und die Ausstattung aus dieser Zeit von Feng Li unter­stützt diesen Eindruck, sichtbar am Warenhaus-Interieur oder glitzernd gewan­deten Schau­fens­ter­puppen. Immer wieder erinnern die Songs, Chansons und schrägen, leicht jazzigen Musik­stücke, schwungvoll gespielt vom Philhar­mo­ni­schen Orchester unter Gábor Hontvári an das, was damals in den vielen Unter­hal­tungs­tempeln der Metropole Berlin zum Amüsement des Publikums erklang. Doch hinter dem scheinbar harmlosen Spaß an dubiosen Verkaufs­prak­tiken im Warenhaus Wertheim steckt massive Sozial­kritik, an hierar­chisch verkrus­teten Struk­turen, an hemmungs­losem Gewinn­streben, und auch die kommenden schlimmen Zeiten des braunen Terrors sind irgendwie schon zu ahnen. Die Insze­nierung verstärkt das noch durch viele kleine Andeu­tungen. Denn der Herr Plim ist Jude, und er wird von Direktor und Perso­nalchef nur dazu angestellt, die überstei­gerten Ansprüche der Kunden dadurch zu besänf­tigen, dass der angeblich Verant­wort­liche dafür, also Herr Plim, scheinbar fristlos entlassen, aber danach immer wieder beschäftigt wird. Auf ihn prasseln also die Anschul­di­gungen der Käufer ein; er fungiert als Blitz­ab­leiter, so wenn sich die Präsi­dentin des Hausfrau­en­ver­bandes darüber beschwert, dass sie zu ihrem Essge­schirr nicht den passenden Nachttopf bekam, oder wenn ein männlicher Kunde es skandalös findet, wenn der Selbst­binder nicht von selbst funktio­niert und eine Verkäu­ferin sich weigert, vor ihm einen Seiden­schlüpfer anzupro­bieren, oder auch wenn eine illustre Kundin es als Frechheit empfindet, dass ihr ein Knopf nicht zugeschickt wurde. Die von der Direktion bestellten Reaktionen von Herrn Plim reichen von devot, zerknirscht über Mitleid heischend bis unver­schämt – aber alles wirkt nicht wie gewünscht. So soll er nun wirklich entlassen werden. Doch durch seine Tränen erreicht er seine Wieder­ein­stellung. Leider aber ist die „Moral“ der Geschichte durch die Insze­nierung etwas zu dick aufge­tragen, wenn alle Mitwir­kenden nach dem unwahr­schein­lichen, aber wohl eigentlich ironisch gemeinten Happyend Plakate hochhalten mit den heute üblichen Protest-Aufschriften. Kritik an Menschen verach­tendem Verhalten ergibt sich von selbst aus dem Stück.

Als echtes komödi­an­ti­sches Talent erweist sich Mathew Habib als Herr Plim, und er gibt seinen Gesangs­nummern durch Stimm­färbung und Aussprache die nötige kabaret­tis­tische Ausstrahlung. Daniel Fiolka als Waren­haus­be­sitzer und Hinrich Horn als Perso­nalchef stehen ihm hinsichtlich stimm­licher Ausdrucks­kraft und schlüs­siger Darstellung in nichts nach; letzterer hat sich vergafft in die köstlich ihr „Jawoll, Herr Chef!“ daher zwitschernde Verkäu­ferin, Scher­hezada Cruz. Nach dem ersten empörten Käufer, Kosma Ranuer, steigert sich der zweite, Roberto Ortiz, noch in seinen unver­schämten Anschul­di­gungen. Schlimmer noch als die Männer treten die Damen auf: Silke Evers als Caroline von Recklitz lässt ihren „Adel“ spüren und markiert mit viel Emphase in ihren nie grellen Sopran-Höhen den Zustand des Außer-sich-Seins, und Akiko Tsujii als überkan­di­delte, hyste­rische Elida von Coty imponiert den Herren nicht nur mit glasklaren, sprit­zigen Kolora­turen. Das Personal wird abgerundet und belebt durch Veronika Brand­hofer und Natalia Boldy­rieva als inter­es­sierte Kundin und schicke Rezep­tio­nistin oder als aufdring­liche Skandalreporter.

Das pande­mie­be­dingt reduzierte Publikum zeigt lange Begeisterung.

Renate Freyeisen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: