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DIE SCHÖNE HELENA
(Jacques Offenbach)
Besuch am
2. Dezember 2018
(Premiere)
Die schöne Helena von Jacques Offenbach ist eine Operette, die mit süß einschmeichelnder Melodik und der Parodie auf die große Oper, etwa von Meyerbeer, das Ohr verwöhnt und gleichzeitig ironisch irritiert. 1864, zur Pariser Uraufführung, brachte Offenbach aber damit auch eine raffiniert unter dem Gewand der griechisch-antiken Mythologie versteckte kritische Abrechnung mit der dekadenten „höheren“ Gesellschaft des Dritten Kaiserreichs auf die Bühne, vordergründig der Frivolität und dem Amüsement verpflichtet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Im Mainfranken-Theater Würzburg versetzt nun Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton zusammen mit ihrer Ausstatterin Alexandra Burgstaller das verrückte Geschehen in ein pseudogriechisches Luxus-Resort von heute, einen Treffpunkt gelangweilter Reicher und Mächtiger, versorgt von einem Heer williger Service-Leute, die den wechselnden Launen und seltsamen Einfälle ihrer Auftraggeber gern nachkommen, aber hinter deren Rücken auch über sie spotten. Von der ursprünglichen Gesellschaftskritik Offenbachs und seiner Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy bleibt dabei wenig übrig. Alles gerät zum großen Spaß an ungehemmter Unterhaltung in einer pseudo-griechischen Umgebung mit Säulen, unechten Statuen und ab und zu falschem Meerblick. So entsteht eine groteske Farce einer Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist, geltende Regeln lustig über den Haufen wirft, wo die Dummheit siegt. Trinken, Essen, Glücksspiel und Erotik bieten dem übersättigten Leben noch gewisse Reize. Schon während der Ouvertüre aber werden die Zuschauer mit einer stummen, hoheitsvollen Gestalt in Rot vertraut gemacht, der Venus, Claudia Schneider, die ihren Gesandten, den schönen Paris, ausrüstet für den geheimen Kampf für Liebe und Lust in der verkorksten Welt der Vergnügungs-Oase. Dort wird man dann Zeuge, wie sich die Dienstleister weiß einkleiden als antike Griechen, und am Empfangs-Tresen des Luxus-Resorts waltet dann Kalchas seines Amtes; er ist Portier, Hotelchef, Hausmeister und nicht zuletzt Vertrauter der schönen Königin Helena, die sich in dieser leichtfertigen Lebewelt ziemlich langweilt, sich frustriert zurückzieht aus dem Kreis der antiheroischen Helden mit ihren Fantasie-Uniformen.
Sie sehnt sich nach echter Leidenschaft. Leider ist sie verheiratet mit Menelaus, einem zu kurz geratenen Trottel. Als aber bei einem seltsamen, etwas langatmigen Wettbewerb um Geistesblitze der geheimnisvolle Paris siegt, zudem noch geschickt mit Äpfeln jonglieren kann, ist die schöne Helena so beeindruckt, dass sie in Ohnmacht fällt. Nach diesem Schock wird Gatte Menelaus auf einen angeblichen Befehl der Venus hin weggeschickt. Die Bahn ist frei für Paris. Dummer Weise kehrt Menelaus verfrüht zurück, als das Liebespaar sich gerade im Schlafzimmer einander annähert. Paris muss flüchten. Die Gesellschaft sucht nun nach diesen Aufregungen Entspannung beim Baden. Doch da taucht Paris wieder auf. Helena wird auf Geheiß der Venus überredet, zur Insel Kythera zu fahren; dass ihr dorthin Paris nachfolgt, ist keine Frage. Menelaus bleibt zurück; Ehebruch als göttlicher Wille? Da kann dann doch nur der trojanische Krieg folgen, wenn alles Recht nicht mehr gilt. In der Musik aber hört man vorerst rauschhafte Begeisterung. Ob das lustige Spiel bald vorbei ist?

Die Ungereimtheiten der abstrusen Handlung aber werden bestens gekittet durch die herrlich mitreißende Musik Offenbachs. Marie Jacquot am Pult führt mit viel Engagement das Philharmonische Orchester zu melodischer Süße, Walzerseligkeit und augenzwinkernder Parodie von Oper und gesellschaftlichem Wohlverhalten. Als wirklich schöne Helena, schlank, attraktiv sich bewegend, begeistert Marzia Marzo, eine selbstbewusste Frau, ein wenig berechnend kapriziös, verführerisch geheimnisvoll, denn sie spricht als einzige Französisch, mit lebendigem Spiel und vor allem mit ihrer wunderbar rund klingenden Stimme und glänzenden Höhen imponierend. Dass sie ihrem Gatten Menelaus, einer irgendwie tragikomischen Figur, von Mathew Habib hilflos agierend gezeichnet, den smarten, schicken Paris vorzieht, ist kein Wunder; er sieht nicht nur umwerfend gut aus, sondern singt auch berückend mit viel lyrischem Schmelz und geradezu erstaunlich bewältigten Höhen – das hohe D wirkt da wie ein aufmunterndes Signal an die Frau.
Die Familie der Atriden ist von ihrer Ausstrahlung her eher ein Lachkabinett. Einzig Agamemnon besitzt eine gewisse Würde, und Daniel Fiolka unterstreicht das noch mit seinem angenehm kräftigen Bariton; sein Sohn Orest wirkt noch ziemlich pubertär und unreif, aber schon hoffnungslos vergnügungssüchtig, weil er immer leichte Mädchen um sich braucht, und Barbara Schöller gibt ihn äußerst agil. Dagegen sind die Helden Achill, Ajax I und II trübe Tassen und Schwächlinge, von Yong Bae Shin, Tobias Germershausen und Paul Henrik Schulte sehr tolpatschig dargestellt. Kalchas aber, der Großaugur des Jupiter, ist ständig beschäftigt, all die Katastrophen abzuwenden, und Igor Tsarkov gibt ihn stets korrekt; ihm zur Seite steht sein Diener Philokomos, Herbert Brand. Immer um ihre Herrin Helena besorgt ist Bacchis, ihre Zofe, und Veronika Brandhofer überzeugt in dieser Funktion stimmlich wie darstellerisch. Das verrückte Vergnügungskarussell komplettieren die reizvollen Kurtisanen Leana, Scherhezada Cruz, und Parthenis, Carla Trescher. Eine wichtige Rolle aber erfüllt das stets beschäftigte, aber auch oft sich über die Schrullen der „Gäste“ mokierende Service-Personal, vom Chor, geleitet von Anton Tremmel, sehr lebendig mit viel stimmlichem Glanz verkörpert.
Im leider nicht voll besetzten Haus gibt es für alle Mitwirkenden langen Beifall, wohl eher für die musikalische Seite, weniger für die allzu spaßige Bühnenhandlung.
Renate Freyeisen