O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Andreas Herold

Semele von heute

SEMELE
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
14. Juni 2024
(Premiere)

 

Hochschule für Musik Würzburg, Theater in der Bibrastraße

Alte Oper, neu gedacht, in ihren Aussagen über mensch­liche, allzu mensch­liche Sehnsüchte und Wünsche hochak­tuell, begeistert das Publikum bei Georg Friedrich Händels Semele HWV 58 im Theater in der Bibra­straße der Würzburger Hochschule für Musik. Händel hatte 1744 das ein Jahr zuvor kompo­nierte drama­tische Oratorium, eigentlich eine weltliche Oper über einen mytho­lo­gi­schen Stoff nach Ovids Metamor­phosen, konzertant aufge­führt. Es schließt mit der Erkenntnis, dass Menschen, wenn sie gegen ihre Natur leben wollen, orien­tie­rungslos umher­irren, also eigentlich unter­gehen. Nur in der Antike können sie trotz des irdischen Unter­gangs in den Götter­himmel wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen.

Die Insze­nierung von Katharina Thoma und ihrem Team enthält durchaus witzige und zeitkri­tische Momente. Da blickt eine junge Frau, Semele, in Junos Zauber­spiegel, singt Myself I shall adore und äußerst damit, dass sie sich endlich anbetungs­würdig finden will; die Regis­seurin überträgt den Wunsch auf die Selfies junger Leute mit ihren ständigen Selbst­be­spie­ge­lungen und der daraus resul­tie­renden Sehnsucht, bewundert zu werden wie ihre Vorbilder in den sozialen Netzwerken, also perfekt, attraktiv, begehrt und „geliked“ zu werden von vielen Followern. Semele, die von ihrem Vater verhei­ratet werden soll mit dem ihr gleich­gül­tigen Prinzen Athamas und mit ihrem Status und ihrem Aussehen unzufrieden ist, träumt von einem Supermann und der Liebe zu ihm, zu Jupiter und damit von ihrem Aufstieg in die Götterwelt, egal, ob das Objekt ihrer Begierde verhei­ratet oder unerreichbar ist.

Foto © Andreas Herold

Die Insze­nierung setzt die alte Geschichte äußerst stringent um in die heutigen neuen Verhält­nisse. Ausstatter Devin Mc Donough lässt die „reale“ Handlung vor einem überdi­men­sio­nalen Display spielen; auf dem werden dann die Traum­vor­stel­lungen der Semele sichtbar, nämlich ihr Wunschbild als Frau: schlank, sexy, mit langem Blondhaar, toll geschminkt, in hohen Stiefeln und in einer Art rosa Babydoll, sich genüsslich auf einer Couch räkelnd als Influen­cerin; in Wirklichkeit aber ist sie dunkel­haarig mit etwas kompakter Figur. Aus Semele macht nun Regis­seurin Thoma zwei Gestalten, die auch unter­schiedlich singen, die eher zurück­haltend abwar­tende Semele 1 und die strah­lende, selbst­si­chere Semele 2, ein geschickter Schachzug. Hinter dem Display unter­streichen noch Videos die Szenen, etwa durch Weihrauch, eine Unmenge von Emojis, psycho­de­lische Kreise, Blitze und so weiter. Auch Gott Jupiter erscheint da mal auf dem Display, tritt aber auch „echt“ auf in Leder­jacke, schwarzem Muskel-Shirt, mit Lockenkopf und Bart, mutiert so leicht zu Apoll. Jupiters eifer­süchtige Gattin Juno ist ein Pracht-Weib, anfangs beim Sonnen­baden am Strand, gerten­schlank im Badeanzug im Leoparden-Look, dann bei ihrer Rache an Semele schick schwarz verhüllt, und sie vermag listig Somnus, den Gott des Schlafes, aus seiner Lethargie aufzu­schrecken; denn der ist ein Computer-Nerd, schlampig, mit gelben Socken in den Sandalen, mit langer Mähne, ernährt sich aus Pizza­kartons, ständig übermüdet vom stunden­langen Compu­ter­zocken, wobei er sich auf dem Bildschirm verliebt hat in das künst­liche Manga-Mädchen Pasithea, und die Dienerin Junos, Iris, muss sich wider­strebend in dieses Geschöpf verwandeln, denn sonst hätte Somnus Juno nicht geholfen, Semele durch die Liebe zu Jupiter zu vernichten. Denn Semeles Wunsch, Jupiter in seiner „echten“ göttlichen Gestalt zu erblicken, bedeutet ihren Untergang.

Als das geschieht, verlöscht Semeles Wunschbild auf dem Display, desil­lu­sio­niert kehrt sie zu ihrer Familie zurück, nur ihre Schwester Ino kann sich freuen, denn sie bekommt vielleicht den von Semele verschmähten Athamas. Dass sie in ihn verliebt ist, zeigt sich schon am Anfang bei der köstlichen Hochzeits­szene während der Ouvertüre: Semele1 wirft, weiß gekleidet, Braut­kranz und Geschenke von sich, ihr Bräutigam ist fassungslos, auch die Eheringe will sie nicht, die Ino bringt, aber mit ihnen hinfällt, und die alle mühsam suchen. Die Hochzeits­ge­sell­schaft, der Chor, in heutiger Alltags­kleidung, ist entsetzt, und Ino tröstet den von ihrer Schwester Verschmähten, den sie heimlich liebt. Am Schluss, nach allen Verwick­lungen, Enttäu­schungen und der bitteren Erkenntnis der Semele, dass sie einer Fantasie-Vorstellung aufge­sessen war, preisen alle das Glück, dass man glücklich zum Alltag zurück­kehren könne, und man huldigt Bacchus.

Foto © Andreas Herold

Was an dieser frischen, äußerst leben­digen, in sich logischen Insze­nierung noch begeistert, ist die geschickte, tempo­reiche Perso­nen­führung bis in die kleinsten Gesten hinein. Aber auch musika­lisch kann die Aufführung mehr als überzeugen. Semele 1, die korea­nische Sopra­nistin Yisae Park, gefällt sehr mit ihrer ruhig geführten, sanft gestal­tenden, schön timbrierten Stimme, ihr Wunschbild Semele 2, Mechtild Söffler, verkörpert mit strahlend klarem, kraft­vollem Sopran, locker angegan­genen Verzie­rungen und großen Höhen sowie aufrei­zenden Bewegungen und auffor­dernden Blicken ein Girlie der Extra­klasse. Als Jupiter und Apollo eignet sich Adnan Barami vor allem vom Äußeren her bestens, und sein etwas flach geführter Tenor kann den obersten Gott und Frauen­schwarm ganz gut vermitteln. Dass seine Frau Juno über seine Eskapaden nicht amüsiert ist, scheint klar, denn Isabel Grübl ist sowohl darstel­le­risch ein Vollblutweib wie auch mit ihrem sicheren, in Tiefe wie Höhe dunkel getönten Mezzo­sopran sänge­risch ein Ereignis. Ihr zur Seite steht Iris, Magdalena Michalko, mit kraft­vollem, fülligem, glänzendem Sopran. Lorenz Schober gefällt als Pfarrer bei der Hochzeit, vor allem aber als compu­ter­süch­tiger Somnus mit einem eher hellen Bass. Ino wird von der Mezzo­so­pra­nistin Adèle Sterck Filion als besorgte Schwester Semeles gut verkörpert, und Juho Stén imponiert als Vater Cadmus mit seinem profunden, kräftigen Bass. Dass Semele Athamas ablehnt als Mann, ist vielleicht auch von Händel in der Ursprungs­be­setzung angedeutet gewesen, denn er gab die Rolle 1744 einem Counter­tenor. Youngfeng Kuang schlägt sich in dieser äußerst schwie­rigen Partie recht ordentlich. Mit dem ausge­wogen klingenden Chor und dem trans­parent und pointiert aufspie­lenden Barock­or­chester der Hochschule unter der inspi­rie­renden Leitung von Andreas Hotz kann man mehr als zufrieden sein.

Der langan­hal­tende Beifall im voll besetzten Haus mit vielen Bravos zeugt von der Begeis­terung für die außer­ge­wöhn­liche Leistung.

Renate Freyeisen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: