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SERENADE
(Franz Schubert, Benjamin Britten)
Besuch am
11. März 2025
(Einmalige Aufführung)
Da betritt doch ein Dandy den Saal des wohlgefüllten Burkardushauses in Würzburg beim Festival Lied! Die Bühnen des Festivals sind immer wieder für Überraschungen gut, aber eher im stimmlichen Sinne. Nicht nur arrivierte, international anerkannte Künstler betreten die Bretter der unterschiedlichen Veranstaltungsorte, auch überraschende neue Stimmen von stets überragender Qualität werden von Intendant Alexander Fleischer ausgesucht.
Und nun ein Dandy? Nein. Der Anzug ist es, der einen staunen macht: ein weit geschnittener, geschmeidig fließender Stoff in zwei Farbschattierungen, hell- und dunkelbeige, abwechselnd angeordnet, umhüllen den Sänger, dazu Sneakers – ganz leger also. Bevor er anhebt zu singen, denkt man an Papageno, vielleicht auch Rigoletto, aber da stimmen die Farben nicht. Und die Stimmgattung, denn: hier steht ein Tenor – und was für einer.

Kieran Carrel und Jonathan Ware am Flügel eröffnen mit Henry Purcells If music be the food of love. Wie geschaffen für diese Musik ist die Stimme, denkt man, er wird noch beweisen, dass er mehr kann. Lyrisch und rund, mit immer gutem Fundament in der Bruststimme, durchgebildet durch alle Register im feinsten Sinne ist sie, dazu besitzt sie ein berückendes Timbre, weich und dennoch obertonreich.
In den Liedern nach Rellstab von Franz Schubert zeigt der Sänger noch intensiver, wie unmittelbar sein Zugang zur Stimme ist, wie er sie, gefasst wie einen Edelstein, dennoch in jeder Lage wie eine zarte Blume aufblühen lassen kann. Dazu beherrscht er die Kunst, seine Zuhörer mit samtigem Ansatz in ein seidenweiches Piano zu betten. Die Liebesbotschaft in ihren Strophen sehr gut differenziert, in Kriegers Ahnung legt er die Todesahnung aus tiefem Inneren ins Schlafliedchen, um in Frühlingssehnsucht die Phrase „Und du?“ zum Ereignis werden zu lassen. Im Ständchen, das Pianist Ware sehr langsam nimmt, evozieren die beiden die silbrige Mondnacht im Raum, allein ein Wechsel von Moll zu Dur kann den aufmerksamen Zuhörer tief berühren. Aufenthalt fordert Carrels Forte-Qualitäten, und hat er sich an diesem Abend bisher eher als Tamino empfohlen, macht die Stimme des erst 28-jährigen Sängers nun den Eindruck, dass da noch eine Entwicklung in andere Sphären möglich wäre. Den Erik in Wagners Holländer, den Nauroth in Strauss‘ Salome gibt er schon auf der Opernbühne, in Wiesbaden und Berlin.

Als dritter Künstler gesellt sich Hornist Ben Goldscheider zu den zweien auf die Bühne, Canticle III von Britten steht auf dem Programm, Still falls the Rain, eine vielschichtige Komposition nach dem Gedicht von Edith Sitwell von 1940, die Gräuel des Zweiten Weltkriegs zu dem nach wie vor fallenden Regen kontrastierend. Strukturell wechselt es zwischen einem instrumentalen Thema in Variationen, das von Horn und Klavier vorgestellt wird, und rezitativartigen Melodien von schlichter Schönheit im Tenor. Erst ganz am Ende vereinen sich Horn und Tenor, als die Stimme Gottes erklingt. Die beiden Instrumente zeigen sich in der Einleitung sehr weich und einfühlsam, um dann in den Variationen in heftigen Ausbrüchen schier zu toben. Carrel setzt in tiefster Ruhe mit beeindruckender Wirkung immer wieder sein „Still falls the rain“ dagegen. Goldscheider spielt mit sehr geschmeidigem Ton, sehr ausgeglichen, sauber, ohne jede Ansatzschwierigkeit und passt in seiner Weichheit sehr gut zu Carrels Stimme, die furchtbare Bilder in den Raum malt. Ware am Klavier tupft düstere Farben dazu und zeigt zum Horn vollen Einsatz.
Überhaupt Ware: Ein genialer Pianist, der sich sehr vielseitig zeigt, orchestral spielt und dirigentenmäßig alles im Griff hat. Er unterstützt, gibt Impulse, bildet mit seinem Spiel im folgenden Stück On This Island das Meer ab, lässt Möwen im Wind tanzen. Die Nachtigall ist stumm in dem deprimierenden Gedicht Now the leaves are falling fast von Wystan Hugh Auden, der erlösende Engel will nicht kommen und Ware am Klavier verbreitet nackte Einsamkeit im Raum.
Schuberts Auf dem Strom steht am Ende, wieder mit Goldscheider am Horn, und die drei Künstler heben die Liebe in sphärische Welten. Carrel offenbart hier eine offene, mühelose Höhe mit seiner an Farben reichen Stimme, wechselt vom starken Forte ins leiseste Pianissimo und alle schließen in einem kaum noch hörbaren Piano.
So endet ein tief berührendes, beglückendes Konzert mit einem jungen, sehr ernstzunehmenden, so gar nicht dandyhaften Sänger, von dem wir hoffentlich noch sehr viel hören werden. Das Publikum erwirkt eine Zugabe, zu mehr sind die vom Flugstreik betroffenen Künstler nicht zu bewegen – erst am Nachmittag des gleichen Tages konnten sie in Würzburg ankommen. Die Taubenpost von Schubert ist es, und man spürt vom ersten Ton an die Melancholie, die in dem Stück eigentlich herrscht.
Jutta Schwegler