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LES VÊPRES SICILIENNES
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
20. Januar 2018
(Premiere)
Kein Wunder, dass Giuseppe Verdis 1855 anlässlich der Weltausstellung in Paris uraufgeführte Grand Opéra Les vêpres siciliennes heute wie damals sehr unterschiedlich aufgenommen wird. Das hängt mit der Entstehungsgeschichte des fünfaktigen Auftragswerks zusammen. Verdi war, als er 1854 nach Paris kam, mit dem vorgelegten Libretto von Eugène Scribe überhaupt nicht zufrieden. Denn dessen „Opernfabrik“ und dessen Mittexter Charles Duveyrier hatten nach bewährtem Konzept eine Geschichte vorgelegt, die Verdi vor allem im letzten Akt unannehmbar schien. Deshalb komponierte er vorerst einmal vier Akte. Er äußerte sogar den Verdacht, Scribe wolle mit seinem Text die Italiener beleidigen. Davon abgesehen handelte es sich beim Libretto sozusagen um ein Secondhand-Muster; Scribe hatte es ursprünglich für Donizetti geschrieben unter dem Titel Le duc d’Albe über den Kampf der Niederländer gegen die Spanier Ende des 16. Jahrhunderts. Für Verdis „historische“ Oper versetzte nun die Werkstatt von Scribe das Ganze ins 13. Jahrhundert, in ein wärmeres musikalisches Klima nach Sizilien, in den Aufstand der Sizilianer gegen die Besatzungsmacht der Franzosen und änderte ganz einfach die Protagonisten. Schon allein das zeitigt logische Brüche, seltsame dramatische Verwicklungen, verschwommene Züge in der Handlung, gibt aber auch dem Komponisten die Möglichkeit, immer wieder sinfonische Zwischenspiele, Gewittermusiken, Ballett, Tanz oder Ähnliches einzubauen. All das verleiht aber dem Ganzen etwas Unausgewogenes; dennoch besitzt es wunderbare melodische Schönheit.
Verdi wollte auch aus anderen Gründen vergeblich von der Pariser Oper die Auflösung seines Vertrages erreichen, beklagte die „souveräne Gleichgültigkeit“ von Scribe. Der schreibt nämlich über den „Transport“ des Herzogs von Alba aus den Niederlanden nach Palermo, dass dabei lediglich die „Couleur locale“ geändert werden müsse. Deshalb bemühte sich Verdi darum, Lokalkolorit einzubringen, Volkstänze wie die Tarantella in sein Werk einfließen zu lassen, etwa bei den Massenszenen. Die große Meisterschaft des Komponisten aber erweist sich in den Duetten. Berühmt werden auch die große Bass-Arie des Revolutionärs Procida O tu Palermo über die Rückkehr nach Jahren der Verbannung in seine Heimat, ebenso wie die große Szene des Henri oder die ergreifende Klage des Grafen Montford über die „innere Leere“ der Macht, was schon auf König Philipp im späteren Don Carlo hindeutet. Während die meisten italienischen Kritiker das mit mäßigem Erfolg aufgeführte Werk verrissen und „Spontaneität und Inspiration“ vermissten, aber handwerkliche Fertigkeit anerkannten, fanden die Franzosen es gut. Auch Arrigo Boito merkte 1964 an, die Oper sei im Ganzen etwas farblos, aber „von erlesenster harmonischer und rhythmischer …Eleganz“. Das liege zum Großteil an der französischen Sprache. In Italien aber wurde aus politischen Gründen das Werk umgetextet.
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In Würzburg kommt es nun in der französischen Originalfassung auf die Bühne des Mainfranken-Theaters; nur die Palermo-Arie des Procida wird italienisch gesungen. Dem jungen Regisseur Matthew Ferraro gelingt bei seiner lebendigen Inszenierung in Zusammenarbeit mit der stilsicheren Kostümbildnerin Carola Volles und dem geschickten Lichtdesign von Roger Vanoni ein großer Wurf. Er sieht das Ganze als großen Abenteuerroman, wie er im 18. und 19. Jahrhundert üblich war, denn er beinhalte eine Revolution, Briefe von Verstorbenen, Vaterschafts-Überraschungen, Attentats-Versuche, Fast-Hinrichtungen, Kerkerszenen und das große Thema Patriotismus gegen Liebe. Die Spannung wird dabei mittels unverbundener Kontraste auf die Spitze getrieben, was eigentlich auf Dauer ein wenig ermüden kann. Ferrano siedelt das Geschehen in eine Umbruchszeit an, in die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, in der verschiedene Systeme politisch aufeinanderprallen. Das sizilianische „Volk“ tritt dabei in strengem Schwarz auf, mit den typischen Hochsteckfrisuren der Frauen und langen Röcken; die französischen Soldaten tragen blaue Uniformen. Nur Herzogin Hélène, deren Stellung im ganzen Durcheinander um die Herrschaft irgendwie unbestimmt scheint und die dauernd Rache für ihren ermordeten Bruder einfordert, erscheint in einer Art Morgenmantel über einem elegant fließenden Kleid. Alles findet statt in einem All-Raum mit hohen Fenstern, bröckeliger Basis und einer Art Bühnen-Tor mit Vorhang im Hintergrund. Verschiebbare Elemente verwandeln ihn in ein Palast-Interieur, in eine Krypta, den Vorhof des Gefängnisses oder einen Kerker. Die Gegensätze zwischen Unterdrückten und Unterdrückern zeigen sich gleich zu Anfang. Vorgeführt wird den Sizilianern ein Film über die Schönheiten Frankreichs; nur die Soldaten jubeln darüber, das Volk empört sich. Als Hélène gezwungen wird, ein Lied vorzutragen, singt sie vom Sturm im Meer; es ist indirekt eine Aufforderung zum Umsturz. Die Einheimischen verstehen das und schöpfen Hoffnung, wechseln ihre Trauerkleidung, ziehen buntgeblümte Tücher über.
Im zweiten Akt deutet sich mit der Heimkehr des Aufrührers Procida und seiner Leidenschaft für die Heimat Palermo sowie dem Liebes- und Beistands-Bekenntnis von Henri ein weiterer tragischer Konflikt an, denn der widersetzt sich dem Befehl der Franzosen zur Teilnahme an deren Fest. Das zuerst noch fröhliche sizilianische Hochzeitsfest ufert schließlich aus in ein von den Besatzern initiiertes wüstes, rauschhaftes Bacchanal, bei dem die Bräute verschleppt und vergewaltigt werden und so die Wut des Volkes noch mehr angeheizt wird. Nach diesem blutig endenden Exzess gerät die Handlung wieder in „ruhigere“ Bahnen, als Montford entdeckt, dass Henri sein Sohn ist, und als er, in vom Alkohol beflügelter väterlicher Sentimentalität, seinen Sohn in einem hochdramatischen Dialog um Liebe anbettelt. In der folgenden, vor Leben fast berstenden Volksszene rund um einen Boxkampf, bei der sich die Verschwörer zusammenrotten, rettet Henri seinen Vater, wird vom Volk aber als Verräter hingestellt. Mit einem edlen Freiheitschor der verhafteten Revolutionäre endet der dritte Akt; auch im vierten und fünften kontrastiert immer wieder Liebliches mit Gewalt, so im Kerker, als die gefesselte Hélène Henri ihre Liebe gesteht und er mit ihr im Tod vereint sein will. Durch sein öffentliches Bekenntnis zu seinem Vater entgehen die Verschwörer in letzter Minute der Hinrichtung. Einer Heirat der Liebenden scheint nun nichts mehr in Wege zu stehen. Doch das Läuten der Hochzeitsglocken zur Vesperzeit ist das Signal zu einem Massaker an den Franzosen. Da fällt der Vorhang, es knallt ein bisschen, doch ein grausiges Blutbad auf offener Bühne bleibt den Zuschauern erspart.

Die dreieinhalb Stunden Grand Opéra langweilen keineswegs, vor allem nicht musikalisch. Auch wenn in der Ouvertüre die etwas inkongruente Machart irgendwie spürbar wird – Maestro Enrico Calesso am Pult des sehr aufmerksamen Philharmonischen Orchesters lässt die melodischen und rhythmischen sowie die aussagekräftigen Vorzüge der Partitur klangschön hörbar werden.
Sängerisch und darstellerisch begeistern vor allem die Hauptfiguren, überraschen mit hervorragenden Rollen-Debüts. Claudia Sorokina zeigt vom hoheitlichen Erscheinungsbild her wie auch durch die sängerische Gestaltung dank ihres hell dramatischen, leicht metallisch unterlegten Soprans mit stets klaren Höhen eine innerlich zerrissene Herzogin Hélène. Uwe Stickert als der sie tragisch liebende Henri stellt überzeugend einen jugendlichen Helden auf die Bühne und gefällt sehr mit seinem etwas offenen, schlagkräftigen, höhensicheren Tenor. Seinen Vater Graf Guy de Montford gibt Federico Longhi mit füllig großem, farbenreichen Bariton; seine Szenen als um Anerkennung bittender Vater und seine bis in die feinsten Piani gestaltete Klage über die Einsamkeit der Mächtigen gehören zu den Höhepunkten der Aufführung. Der dunkle, kräftige, in den Höhen klangvolle Bass von Igor Tsarkov eignet sich bestens für den düster verführerischen Aufrührer Procida, dessen Hymne an die Heimat geradezu inbrünstig gelingt. Auch die übrigen kleineren Rollen fügen sich bestens ein in ein sängerisch geschlossenes Gesamtbild. So gefallen etwa Barbara Schöller als Zofe Ninetta, Björn Beyer als Thibault, Yong Bae Shin als Sizilianer Danieli oder Taiyu Uchiyama als Soldat Robert. Stets bewegen sich alle sehr lebendig. Das gilt vor allem für Opernchor und Extrachor, die auch tanzend beschäftigt sind und dabei noch mit Wohlklang in Übereinstimmung mit dem Orchester überraschen können, einstudiert von Anton Tremmel, der auch kurzzeitig am Klavier das Fest bereichert.
Das Premierenpublikum im voll besetzten Haus, schon während der Aufführung mit Zwischenapplaus nicht geizend, feiert am Schluss alle Beteiligten mit langem Beifall, vielen Bravorufen und stehenden Ovationen. Erstaunlich, was ein „kleines“ Haus so alles leisten kann.
Renate Freyeisen