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Entmenschlichung durch Armut

WOZZECK
(Alban Berg)

Besuch am
9. Februar 2025
(Premiere)

 

Theater­fabrik Blaue Halle, Mainfranken-Theater, Würzburg 

Wohl selten kann eine Oper das ihr zugrun­de­lie­gende Drama noch übertreffen, indem sie das Innere der handelnden Personen musika­lisch vertieft und auf einer neuen Ebene spürbar macht. Bei Alban Bergs Oper Wozzeck von 1925 nach dem Dramen­fragment Wojzeck von Georg Büchner von 1836 ist das der Fall. Sie erweist sich so als Beispiel gebende Ikone des modernen Musik­theaters. Hier bilden Musik, Handlung, Figuren­profile eine untrennbare Einheit. Die expres­siven Ausdrucks­formen, die heraus­ge­ho­benen instru­men­talen Akzente, die weitge­hende Atona­lität, dishar­mo­nische Klang­bal­lungen, aber auch die verzerrten, verfrem­deten Volkslied-Zitate unter­streichen die Zerris­senheit einer Gesell­schaft, in der Armut eine hoffnungslose Zukunft, Verein­zelung und Einsamkeit, unerfüllte Sehnsucht nach mensch­licher Nähe und Verständnis und den zermür­benden Kampf um die Existenz­grund­lagen nach sich zieht. All das verstärkt die Musik; das mag abschrecken, verstören, erklärt aber auch das, was die Personen auf der Bühne bewegt, gibt Einblick in ihre unbegreif­lichen inneren Konflikte und wahnhaften Zwangs­vor­stel­lungen. Dennoch hat Berg bei seinem Werk eine geordnete Struktur gewahrt, indem er archi­tek­to­nische Prinzipien in die drei Akte hat einfließen lassen wie Suite, Symphonie und Inter­vention. Gerade durch die enge Verschmelzung des Dramas mit den Ausdrucks­formen der Musik berührt Bergs Oper zutiefst.

Foto © Nik Schölzel

In der Blauen Halle des Mainfran­ken­theaters gelingt das in jeder Beziehung. Hier erweist sich sogar die relative Enge der Bühne als ein Vorteil. Mit wenigen Mitteln, hautnah am Publikum, spielt sich hier in knapper Beschränkung ein inneres wie auch äußeres Drama ab, das schon von vorne­herein auf das Ende eines unter­drückten Lebens, sein Scheitern an den äußeren Bedin­gungen und inneren Zuständen und auf den Tod von Wozzeck zuläuft. Für ihn gilt das depri­mie­rende, resignie­rende, mehrfach wieder­holte Wir arme Leut. Bühnen­bildner Harald Thor hat alles optisch auf weniges kompri­miert; man blickt auf ein erhöhtes Zimmer in der Mitte, die kärgliche Stube, in der die Marie Wozzecks mit dem gemein­samen Sohn lebt; unten befinden sich die Plätze, an denen Wozzeck von „Höher­ge­stellten“ ausge­beutet wird, indem er den Hauptmann rasiert oder entwür­di­gende, menschen­ver­ach­tende Experi­mente des Doktors an sich absol­vieren lässt, und das ist schließlich auch der Ort, wo er Marie ermordet in verblen­deter Verzweiflung und Verwirrung mit einem Ausblick aufs Wasser. Das Licht von Stefan Bolliger verstärkt dabei die jeweilige Stimmung. Bei den Straßen­szenen, im Schlafsaal der Soldaten und im Wirtshaus bleibt die Bühne offener, also neutral. Wozzeck aber kann sich ab und zu zurück­ziehen auf eine seitliche Rampe; dort wird er auch sterben, und sein Sohn legt am Ende auf ihn, auf das fiktive Grab, einen Stein. Was die Aufführung so aufwühlend und gleich­zeitig depri­mierend macht, ist die Aussichts­lo­sigkeit des Schicksals der Personen. Allesamt sind sie Opfer der gesell­schaft­lichen Brüche, der Spaltung in Arm und Reich, wobei die Reichen selbst nicht vorkommen, auch die Auswir­kungen einer solchen gesell­schaft­lichen Ordnung auf die „untere“ Mittel­schicht, verkörpert von Hauptmann und Doktor, Soldaten und Handwerker werden deutlich. Regis­seurin Sigrid Herzog zeigt sie als eigentlich unfreie Individuen, geprägt von gesell­schaft­lichen Zwängen, Egoismen, Vorurteilen.

Wozzeck aber bleibt ein Ausge­grenzter bis zu seinem Ende, ein bedau­erns­werter Einsamer, dessen Hallu­zi­na­tionen auch hervor­ge­rufen sind durch Hunger, Missachtung seines Wertes, Herum­ge­sto­ßensein. Die Insze­nierung zeigt ihn im Kostümbild von Tanja Hofmann in einem blauen Anzug, der an Gefäng­nis­kleidung erinnert, mit kahlem Schädel und tief liegenden Augen. Ein lächer­licher Kontrast zu ihm ist der bunt dekorierte Tambour­major. Marie, naiv, hübsch im roten Kleid, verfällt ihm, seiner demons­tra­tiven Männlichkeit und seinem vermeint­lichen Glanz. Auch der überaus dicke, allzu gemüt­liche Hauptmann und der Pseudo­wis­sen­schaftler von Doktor, bebrillt und schlank, mit weißem Kittel über dem korrekten Anzug, bilden ein komisches Paar. Die Leute beim Tanz im Wirtshaus wirken in ihrer Aufma­chung teilweise überdreht, bewegen sich zu irgendwie hohler Musik wie fernge­steuert, auch künstlich langsam in der Choreo­grafie von Sandra Lommerzheim, als ob sie ihre Persön­lich­keiten vergessen hätten. Nur die beiden Handwerks­bur­schen, David Hieronimi und Adnan Barami sowie der Narr, Sangmog Lee, äußern sich kurz, vom Alkohol befeuert. Die Masse der gar nicht so lustig Feiernden aber wird darge­stellt vom Chor, einstu­diert von Sören Eckhoff, beein­dru­ckend mit fein abgestuften Klang­farben. Die Haupt­per­sonen der Oper jedoch imponieren durch die überzeu­gende Zeichnung ihrer Rollen und durch die sänge­rische Gestaltung, allen voran Kosma Ranuer Kroon als Wozzeck; er ruft als von seinen Fantasien gepei­nigter, als hilflos den Umständen Ausge­lie­ferter irgendwie Empathie, Mitleid hervor, und mit seinem etwas sonoren, nicht allzu fülligen Bariton kann er seine Ängste, seinen von Hallu­zi­na­tionen gepei­nigten Seelen­zu­stand bestens vermitteln, und dass er in seiner Verun­si­cherung durch die Eifer­sucht Marie ermordet, die er liebt, die er aber als sein Eigentum nicht an andere verlieren will, scheint irgendwie verständlich. Er bereut danach die Tat nicht, sondern sucht nach dem blutigen Messer im Wasser, ertrinkt dabei vielleicht, all das ist die tragische Konse­quenz aus seinem von irren Gedanken gesteu­erten Verhalten. Gegen den halb irren Wozzeck wirkt die Marie von Kristin E Mantyla geradezu normal; sie muss mit ihrem Sohn allein und ärmlich leben, zwar von Wozzeck dürftig unter­stützt, aber als junge Frau sehnt sie sich nach Abwechslung, Anerkennung, Leben.

Foto © Nik Schölzel

Das kann ihr Wozzeck in seinem verwirrten Zustand nicht geben; er sorgt mit seinen geringen Mitteln für die dürftige Existenz­si­cherung, kümmert sich kaum um das Kind, für das sie zuständig ist. So kann sie schnell dem brutalen Tambour­major verfallen, damit gegenüber ihrer Nachbarin Margret trium­phieren, darf sich an goldenen Ohrringen erfreuen. Die Sopra­nistin aus Island gefällt nicht nur durch ihre lebendige, glaub­hafte Darstellung der Marie, vor allem aber durch ihre glocken­helle, in Höhen wie Tiefe schön klingende, ausdrucks­starke Stimme. Als Margret gelingt Barbara Schöller mit ihrem hellen Mezzo überzeugend die missgünstige Nachbarin. Max Blankenburg in der stummen Rolle des Knaben, der Trost sucht bei seinem Kuscheltier, ist ständig beteiligt an den immer stärkeren tragi­schen Gescheh­nissen. Brad Cooper als Tambour­major trumpft nicht nur auf als Macho, sondern füllt die Figur auch kraftvoll aus mit kräftigem Tenor. Dagegen scheint Andres, Julian Habermann, seinem Freund Wozzeck und dessen verwirrten Beobach­tungen etwa über Gespens­ti­sches unter und über der Erde wenig entge­gen­setzen zu können, und dazu passt seine eher etwas flache Tenor­stimme. Dagegen trompetet der selbst­ge­fällige Hauptmann, Mathew Habib, seine angeb­lichen Erkennt­nisse über die Welt und Gott laut heraus, und Alexander Kiechle als blasser Doktor wirkt mit seinem etwas fahlen Bass durchaus nicht besonders wissen­schaftlich gefestigt. Der neugierige Kinderchor kann am Ende mit seinem Liedchen die düstere Stimmung nach dem Mord nicht aufhellen. Das war sicher auch nicht die Absicht Bergs.

Das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg untermalt äußerst aufmerksam die sich auf die Katastrophe hinzu­be­we­genden, kurzen Handlungs­seg­mente, die Seelen­zu­stände bis in die kleinsten Regungen, die extrem wechselnden Stimmungen, die nervösen Zustände Wozzecks; die instru­men­talen Hinweise, etwa die Glissandi der Streicher, das gläserne Xylophon oder das lang vom Orchester ausge­haltene H, nach dem Wozzeck davon­stürzt, das Fortissimo mit schmet­ternden Bläsern und Trommel­wirbel nach dem Mord begleiten erläu­ternd oder verstärkend das Geschehen;  das dünne, verklin­gende Ende der Oper aber lässt das Publikum bestürzt und nachdenklich zurück. Mit dem sehr engagierten Dirigat verab­schiedet sich General­mu­sik­di­rektor Enrico Calesso eindrucksvoll von seiner früheren Wirkungsstätte.

Das Premie­ren­pu­blikum im nahezu ausver­kauften Haus feiert lange begeistert alle Mitwirkenden.

Renate Freyeisen

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