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ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
14. März 2025
(Einmalige Aufführung)
Das russische Repertoire steht ja nur selten auf den Programmen der Liederabende landauf, landab. Umso verdienstvoller ist es, dass Intendant Alexander Fleischer nicht nur einen komplett russischen Liederabend anbietet, sondern auch kontrastierend – oder besser: komplettierend – am Vorabend mit der ukrainischen Sängerin Viktoriia Vitrenko eine Reise durch die Welt des modernen Kunstliedes gewagt hat.
Evelina Dobračeva und Nikolay Borchev nennen ihr Programm Zwischen Himmel und Erde, es geht um höchstintensive Kunstlieder russischer Komponisten, die alle irgendwie mit verpassten Gelegenheiten, verlorener Liebe, Traurigkeit, Melancholie zu tun haben, ruhige und weite Landschaften beschreiben und manchmal hochdramatisch sind. Zuweilen tauchen Volksliedklänge auf, manchmal wird gelacht und getanzt. Und wer von den beiden gerade nicht singt, darf auf der Bühne an einem hübschen antiken Tischchen mit zwei Sektgläsern Platz nehmen und lauschen.
Schon als Dobračeva zum Vorspiel zu Michail Glinkas Die Lerche von hinten durch den Raum zur Bühne schreitet, den leise zwitschernden Klängen vom Klavier lauscht und dann singt, nimmt es das Publikum für sie gefangen. In großer Abendrobe und mit der Haltung einer Diva präsentiert sie die Musik, man wird erinnert an die Liederabende von früher, und so stellt man sich Moskauer Nächte vor. Am Anfang ist alles etwas ungewohnt. Dobračevas Stimme ist groß, füllt den Raum – und sicherlich nicht nur den, sondern auch große Opernhäuser – mit Leichtigkeit, so fokussiert und gut sitzend ist die hochlyrische Stimme, die in der Höhe gleißt, aber auch warm und reich aufblühen kann, eine Tatyana im Eugen Onegin. Sie kann sich aber auch sehr gut zurücknehmen, das Piano ist bis in die Höhe lupenrein und weich. Am Anfang erwartet man das gar nicht, so präsent und unmittelbar sind Höhe und Forte, aber im Laufe des Abends wird sie auch da weicher und nachgiebiger.

Bariton Borchev gestaltet seine Lieder sehr differenziert. Seine Stimme spricht leicht an, zeigt knackige russische Vokale und ist bis in die Tiefe warm, manchmal etwas gedeckt. Drängendes Verlangen, Ungeduld und tiefes Empfinden nimmt den Zuhörer gefangen. Auch er dosiert seine Bewegungen fein, spricht mit den Augen intensiv zum Publikum und legt am Ende mit seiner Partnerin im Duett ein angedeutetes Tänzchen auf die Bühne. In den wenigen Duetten, die die beiden mitbringen, wirken sie ein wenig ungleich, hier ist der Sopran von Dobračeva etwas dominant neben dem recht sensibel geführten Bariton von Borchev.
Man kommt nicht vorbei, immer wieder an Eugen Onegin zu denken, den die beiden Sänger schon zusammen auf der Opernbühne gesungen haben, zu oft ist von unerfüllter Liebe die Rede. Nach Glinka folgen zunächst Lieder von Sergej Rachmaninow, Dmitri Kabalewski, Sergej Tanejew und Sergej Prokofiew. Am Ende aber steht er: Pjotr Tschaikowski, mit der Vertonung von Heinrich Heines Warum, das Dobračeva mit großen, wohldosierten Steigerungen singt, und wo Fleischer aus dem Nachspiel eine kleine Kostbarkeit entwickelt. Inmitten des Balles folgt, Er liebte mich so sehr, Kein Wort von dir, kein Widerhall, kein Gruß und andere, am Ende Morgendämmerung im Duett.
Fleischer zaubert am Flügel im Burkardushaus dazu die Bilder der russischen Landschaft, stürzt sich in wahre sinfonische und emotionale Abgründe und spielt in fulminanter Leichtigkeit Rachmaninows ungeheuer schwere pianistische Begleitung. Man hat den Eindruck, an diesem Abend macht er in sich eine ganz besondere, eine tief in Russland verwurzelte Seite in sich auf, so selbstverständlich klingen die Welten, die er öffnet.
Bei der heftig geforderten Zugabe, dem Ding-Dong-Lied als Duett, kommen Glöckchen und die beiden Sektgläser zum Einsatz, dazu tanzen die beiden Künstler aus dem Saal hinaus, sehr zur Freude des Publikums. Nun fällt bei ihnen noch die restliche Anspannung ab, und beim lockeren Beisammensein hinterher offenbaren die beiden, dass in ihnen neben der ganzen Melancholie auch Ausgelassenheit, überschäumende Lebensfreude und Neugierde wohnt – ein schöner Abend!
Jutta Schwegler