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DER BERGISCHE LÖWE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
23. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)
Ganz im Osten Wuppertals, an der Grenze des Stadtteils Langerfeld zur Kleinstadt Schwelm, also salopp ausgedrückt „weit ab vom Schuss“, befindet sich unscheinbar an einer Hauptstraße die „Bandfabrik“. Wo sich einst eine Bandweberei befand, tummelt sich seit 25 Jahren kulturelle Vielfalt. Im Gründungsjahr gaben selbst professionelle Kulturveranstalter dem dafür verantwortlichen eingetragenen Verein „Kultur am Rand“ wegen der entlegenen Lokalität keine Überlebenschance. Doch sie waren schief gewickelt. Man blieb stur, ließ sich trotz kleiner Krisen nicht unterkriegen. Es hat sich ausgezahlt. Denn heute kommen nicht nur Wuppertaler und Schwelmer, sondern auch Kulturfreunde aus weiter entfernten Regionen wie dem Ruhrgebiet in den Veranstaltungsraum mit seiner gemütlichen Club-Atmosphäre. In dem reichhaltigen Programm ist die Reihe „Friday Night Jazz Club“ Kult. In diesem Rahmen geben an jedem letzten Freitag eines Monates ausgezeichnete Jazzmusiker ein Stelldichein und sorgen durch die Bank weg für Begeisterung.

Dieses Mal haben sich vier Musiker angekündigt, die weit über die Stadtgrenzen hinaus in der Szene einen hohen Ruf genießen. So kann Erhard Ufermann, der sich mit um die Geschicke des Hauses kümmert, stolz verkünden, dass wegen der großen Kartennachfrage das Konzert zweimal wiederholt wird – eine Premiere in der Geschichte des Hauses. Außerdem ist ihr Auftritt mit dem Bandnamen Der Bergische Löwe eine weitere Premiere. Die vier Musiker kennen sich zwar schon lange. Manche von ihnen treten regelmäßig seit den 1980-er Jahren in unterschiedlichen Formationen gemeinsamen in Erscheinung. Aber als Quartett treten nun Saxofonist Wolfgang Schmidtke, E‑Bassist Jan Kazda, Schlagzeuger Mickey Neher und Roman Babik am E‑Piano erstmalig in der Zusammensetzung gemeinsam auf.
In ihren Lebensläufen erscheinen viele berühmte Kollegen, mit denen sie bereits zusammengespielt haben. Bei Schmidtke sind es etwa Ginger Baker, Randy Brecker und Bobby McFerrin. Kazda, der einstige Bandleader der namhaften Fusionformation Das Pferd, war unter anderem an Produktionen von Tom Mega beteiligt und schrieb Filmmusiken etwa für den Tatort. Neher war an CD-Produktionen von Chris Farlowe, Albie Donnelly oder Paul Kuhn beteiligt und ist auch durch seine eigene Band Mickey’s Monkey Party in vieler Munde. Sie gehören zu der Generation, die in den 1970-er Jahren mit dem Jazzrock aufgewachsen sind.
Es wundert also nicht, dass sie den Fusion-Stil präsentieren – und zwar lupenrein. Sie spielen aber keine großen Hits von damals, etwa solche der legendären Bands Weather Report, Mahavishnu Orchestra oder Return To Forever. Es sind ausschließlich Stücke von Schmidtke, Kazda und Neher, die ganz im Zeichen dieser Musikrichtung stehen. Merkmale sind beispielsweise zu bodenständigem, rockigem Groove raffinierte Themenköpfe mit unter anderem großen Intervallsprüngen, komplexen rhythmischen Punktierungen oder bei langsamen Nummern geschmeidige musikalische Linien. Einige hat Schmidtke schlicht Electric Quartet genannt. Anderen hat er die Namen Birthday Party, Next Week In Paris und Yorkshire gegeben. Von Kazda stammen Three Secrets, The Legacy und Song Two. Und Neher schrieb Hip Autumn und Vibra Shuffle. Unüberhörbar wird dem 2007 verstorbenen großen Jazzrock-Musiker Joe Zawinul Respekt gezollt, als bei Electric Quartet 1 als erstes Stück des Abends die ersten Töne seines Hits Birdland durch Schmidtkes Tenorsaxofon kommen. Der Kreis schließt sich mit der Zugabe The Z Song von Schmidtke, die ganz im unverwechselbaren Zawinul-Sound gehalten ist.

Absolut kongenial harmonieren die vier Musiker miteinander. Blindes Verständnis füreinander, selbst ein perfektes Zusammenspiel bei vertrackten Passagen wie die wieselflinken Unisoni beeindrucken. Auch Babik als Benjamin im Quartett, der die große Zeit des Jazzrock qua seiner späteren Geburt anno 1981 nicht miterleben konnte, scheint diese Musik in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Denn wie selbstverständlich sorgt er am Keyboard für variable Sounds, die wie seinerzeit die reine Dur-Moll-Tonalität durch chromatische Veränderungen in Frage stellen. Er, der mittlerweile ebenfalls eine Zusammenarbeit mit der anerkannten Band Club des Belugas in seine Vita schreiben kann und auf Festivals wie dem Montreux Jazz Festival zu Gast war, brilliert mit dieser ausgezeichneten harmonischen Haltung bei seinen virtuosen Soli. Anhand alterierter Skalen und gerückter Akkorde führt er die musikalischen Themen und Motive kreativ zu neuen Horizonten.
Stoisch-ruhig steht Kazda am Notenpult, Doch in starkem Kontrast dazu entlockt er seinen beiden E‑Bässen außerordentlich groovende, teils funky angehauchte Bassfundamente und ungemein quirlige Licks. Schmidtke entlockt seinem Sopran- und Tenorsaxofon fest zupackende Töne, und glänzt mit intensiven, eindringlichen solistischen Einlagen, die an improvisatorischer Raffinesse keine Wünsche offenlassen. Last but not least ist es Neher, der an seinen Trommeln und Becken ein Feuerwerk nach dem anderem an wirbelnden rockig- treibenden Beats entfacht.
Das Publikum zeigt sich hellauf begeistert, begleitet das kurzweilige Konzert mit ausgiebigem Beifall und entlässt die Band erst nach oben erwähnter Zugabe.
Hartmut Sassenhausen