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BORDGEFLÜSTER
(Kerry Rennard)
Besuch am
29. Oktober 2017
(Premiere am 6. Oktober 2017)
Man hatte sich fast schon daran gewöhnt, ja, sie ein bisschen liebgewonnen, die Spielstätte des Theaters im Tanzhaus in Wuppertal-Barmen. Die gepolsterten Stühle auf dem Parkett, auf dem in der Woche Menschen die Grundschritte zu Standard- und lateinamerikanischen Tänzen lernen. Die Scheinwerfer-Traverse über dem Podium, aus dem so oft eine fantasievolle Bühne mit kleinsten Mitteln entstand, die Steuerungstechnik auf dem Pult an der Rückwand des Saales, die mal besser und mal schlechter funktioniert. Links die Terrasse, auf der im Sommer auch schon mal gegrillt wurde, rechts das Rattern der S‑Bahnen, das auch bei heruntergefahrenen Verdunkelungsvorhängen noch zu hören war. Vorbei. Nach fast vier Jahren verlässt KS Entertainment, das kleine Theaterensemble um Kristof Stößel, den Standort, der nach eigenen Angaben zu arbeitsaufwändig und zu klein geworden ist.
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Als letztes Stück zeigt das Theater im Tanzhaus bis Ende des Jahres die Komödie Bordgeflüster nach dem Buch von Kerry Renard. Der Plot ist eigentlich schön angelegt. Wir lernen Dagmar und Jürgen kennen, als sie zu ihrer sechsten Kreuzfahrt einchecken. Die Urlaubsreise findet anlässlich ihrer Silbernen Hochzeit statt und ist Anlass, auf die zurückliegenden 25 Jahre einer Ehe mit Höhen und Tiefen zurückzublicken. Da gibt es in der Retrospektive manches als Anekdote zu belächeln oder gar zu belachen, was damals vermutlich gar nicht so lustig war. Schlagfertige Dialoge, genau gezeichnete Befindlichkeiten der Personen sorgen für einen gelungenen Einstieg. Am Ende geht dem Buch die Puste aus, und der Autor rettet sich in Zoten. Für den Hauch an Melancholie, der einer Komödie erst die Würze verleiht, lässt Renard keinen Platz. Dass die Handlung hintenraus immer stärker nur noch Schlaglichter wirft, passt gut zu Stößels Konzept und so findet das Stück auf die Bühne in Wuppertal.
Diese Bühne ist mit einfachsten Mitteln besonders liebevoll gestaltet. Im Mittelpunkt steht ein Doppelbett, das von einer Baldachin-Andeutung überdacht ist. Die Vorhänge seitlich sind so gehängt, dass sie ausreichend Abgänge ergeben, links vorne ist noch Platz für eine Sitzgruppe. Die Detailfreude bei den Requisiten geht auf den hinteren Sitzplätzen vollkommen verloren. Das ist umso bedauerlicher, weil hier viel Aufwand betrieben wird.
Aufwändig wie immer auch die Kostüme und ihre Wechsel. Herrlich: Kaum eine Szene, in der nicht nahezu alle im neuen Outfit auftreten, Perückenwechsel inklusive. Das ist Markenzeichen des Ensembles und alle machen mit sichtlich viel Vergnügen mit, auch wenn die Kostümwechsel noch so kurz bemessen und schweißtreibend sind. Dass Stößel mit jedem Kostüm auch gleich den Dialekt wechselt, trägt zur zusätzlichen Erheiterung bei.

Das Miniatur-Ensemble zeigt sich spielfreudig und – meistens – textstark. Vor allem aber trägt es jede noch so abstruse Wendung überzeugend vor. Sabine Reinhardt spielt durchgängig Dagmar, die als Ehefrau die Tochter großgezogen und ansonsten ein Faible für Esoterik hat. Natürlich hat auch sie ihre dunklen Seiten wie das lesbische Verhältnis mit der Sekretärin ihres Mannes. Darauf allerdings muss man erst mal kommen. Ihr Mann Jürgen, Beamter eines Bundesministeriums, hat so viel Fantasie nicht, wohl auch deshalb, weil er selbst gern ein Verhältnis mit der Sekretärin gepflegt hätte. Andreas Strigl gibt den eigentlich ständig in Not befindlichen Ehemann, ohne zu überziehen. Das ist erfrischend und glaubhaft, trägt vor allem die Rolle über den gesamten Zeitraum. Auch dann, wenn es nur noch um Viagra geht. Kristof Stößel zeigt humorvoll, was auch sonst, zahlreiche weibliche Nebenrollen. Überspielt seine Texthänger mit Charme und Einfallsreichtum. Teresa Schulz übernimmt den Rest, also die Trauzeugin, Sekretärin, Tochter, Nonne, Privatdetektivin, Schlagersängerin und so weiter. Ihr kommt auch die „Erotik im Rahmen des Üblichen“ bis hin zum Auftritt im Bikini zu. Sie absolviert das alles fehlerfrei, muss aber zu sehr im Seichten bleiben.
Auch bei der Musik, die „vom Band“ kommt, ist wenig Einfallsreichtum zu erkennen.
Das Publikum liebt die ungezwungene Atmosphäre und das anspruchslose Stück. Derbe Witze bis hin zu Zoten sorgen dafür, dass die männlichen Zuschauer sich aufführen wie auf einer Herrensitzung. Aber auch die Damen kommen auf ihre Kosten. Keiner, der an diesem Abend enttäuscht nach Hause geht.
Bereits seit September dieses Jahres werden zwei zusätzliche Aufführungsorte in Gruiten und im Ennepetal bespielt. Im kommenden Jahr geht es dann im Zwei-Monats-Rhythmus weiter an der Komödie Wuppertal am Karlsplatz. Begonnen wird im Januar. Und wenn es einen roten Vorhang gibt, den die Ensemble-Mitglieder nicht einmal selbst aufziehen müssen, also ein richtiges Theater zur Verfügung steht, bleibt vielleicht auch Zeit, nach Stücken zu schauen, die ein bisschen mehr Pfiff bieten. Das Ensemble, so viel ist sicher, hätte es jedenfalls drauf.
Michael S. Zerban