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Auch wenn sie schon über 30 Jahre auf dem Buckel haben: John Cages Europeras gehören nach wie vor zu den radikalsten Beiträgen des zeitgenössischen Musiktheaters. Das gilt vor allem für die ersten beiden Komplexe des fünfteiligen Zyklus‘, die in ihrer Kompromisslosigkeit und ihrem immensen Aufwand mittlere Opernhäuser an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führen. Häuser, die nicht über Mittel wie die Frankfurter Oper verfügen, die das Werk 1989 zur Uraufführung brachte, oder die Ruhrtriennale, die es vor sechs Jahren in einer gigantischen Inszenierung von Heiner Goebbels in der Bochumer Jahrhunderthalle stemmte. Bereits unter diesem Aspekt verdient die Wuppertaler Oper mit ihrer Neuinszenierung von Cages Europeras 1 & 2 vollen Respekt. Erst recht, wenn man sich mit Daniel Wetzel und dem innovativen Regie-Team des Rimini Protokolls gewagten szenischen Lösungen öffnet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der begeisterte Beifall des Wuppertaler Premierenpublikums zeugt von einer beachtlichen Aufgeschlossenheit gegenüber Cages Ästhetik, auch wenn Rimini Protokoll die Radikalität des Werks durch clowneske Spielereien streckenweise entschärft. Gleichwohl wird deutlich, dass sich Cages „Negation der Oper“ als eine Vivisektion der Oper bei vollem Bewusstsein entpuppt. Nichts war Cage so zuwider wie eingestanzte, verkrustete und routinierte Strukturen, die die Geschichte der Oper und den Alltag unseres Kulturbetriebs prägen. Cage stellt damit nicht nur Wagners Vision vom „Gesamtkunstwerk“ auf den Kopf und seziert im ersten Teil eine Auswahl aus 200 mehr oder weniger bekannten Opern mit einem scharfen Skalpell, trennt Gesang, Orchesterstimmen, Bühnenbild, Bewegung, Kostüm und Licht minutiös wie ein künstlerischer Pathologe voneinander und setzt das alles in neue, bewusst unlogische Beziehungen, oft simultan und damit nur begrenzt nachvollziehbar.
Die Auswahl vieler Fragmente lässt Cage mit Zufallsoperationen aus buddhistischen I‑Ging-Orakeln vornehmen, so dass die Positionen der zehn Sänger auf den 64 Spielfeldern der Bühne mit ihren vielfältig kombinierten Montagen und Collagen nicht ausschließlich der Entscheidung des Regisseurs überlassen bleiben. Für die 26 Szenen des ersten Teils greift Ausstatterin Katrin Wittig tief in den Kostüm‑, Requisiten- und Bühnenbildfundus des Theaters und zaubert eine bizarre Mixtur aus theatralischen Elementen, die in ihrer Buntscheckigkeit jeden Ansatz zu einer geschlossenen dramaturgischen Struktur unterbinden.

Lässt sich der 90-minütige erste Teil in seiner recht klaren szenischen Gliederung zumindest formal noch einigermaßen gut erfassen, so wirkt der halb so lange zweite Teil wie eine auf engsten Raum komprimierte Verdichtung des ersten Blocks. Hier prallt pausenlos und simultan ein ganzes Arsenal an Orchester- und Singstimmen auf den Zuschauer ein, was eine Identifizierung der Arien fast völlig verhindert. In Wuppertal eröffnet man den Abend mit diesem überrumpelnden Auftakt, bei dem die Regie den Schwerpunkt auf den europäischen Akzent des Stücks legt. Zu sehen ist eine in 16 Sektoren geteilte Videowand, auf der simultan Sänger und Alltagsszenen aus neun Ländern mit Bildern der europäischen Kulturgeschichte verknüpft werden. Die Arien wurden in den Geburtsländern der Sänger aufgenommen, in Alltagskleidung und entsprechender Umgebung, wodurch dieser Teil an theatralischer Wirkung verliert und in seiner technischen und klanglichen Überfrachtung erheblich radikaler und verstörender wirkt als Europeras 2. Gleichwohl haben nur wenige Zuschauer das Haus in der Pause verlassen.
Dass sich die politische Akzentuierung des ersten Teils und der spielerische Umgang mit Europeras 2 in ihrer Widersprüchlichkeit einer konzeptionellen Geschlossenheit entziehen, passt durchaus zur zersplitterten und jeder gängigen Logik ausweichenden Struktur des Werks. Damit leistet Wuppertal nicht nur einen mutigen Beitrag zum zeitgenössischen Musiktheater, sondern ist auf dem besten Weg zu einer stabilen Ensemblepflege. Denn die 18 Sänger, die ihre Arien inmitten klanglicher Tumulte bombensicher vortragen, leisten gerade im Team Überragendes. Nicht nur Lucia Lucas, die mit ihrer einzigartigen Baritonstimme als Don Giovanni und Wotan für einen besonders exotischen Akzent sorgt. Nicht minder engagiert setzt sich das von Johannes Pell geleitete Wuppertaler Sinfonieorchester für das komplexe Werk ein.
Pedro Obiera