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Die große französische Oper Faust von Charles Gounod wurde im Jahr 1858 in Paris uraufgeführt. Schon kurze Zeit darauf gab es in Darmstadt die deutsche Erstaufführung.
Faust war von Beginn an ein großer Erfolg. In den ersten zehn Jahren wurde sie alleine am Théâtre-Lyrique etwa 300 Mal aufgeführt. In Paris insgesamt gab es sogar über 3000 Aufführungen.
In Abgrenzung zu Goethes bedeutendster Tragödie Faust trägt die Oper in Deutschland meist den Titel Margarethe. In Wuppertal hat man die Oper 1999 im Kontext des Schillertheaters NRW zuletzt gehört. Eine Produktion von Arrigo Boitos themenverwandter Oper Mephistopheles gab es in einer Inszenierung von Friedrich Meyer-Oertel 1990.
Grund genug also, das Defizit aufzuarbeiten und sich des Themas Faust auch musikalisch wieder anzunehmen.

Die Inszenierung von Matthew Ferraro verortet die Handlung in ein gründerzeitlich anmutendes Interieur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so wie sie auch heute noch im Briller Viertel zu finden sind. Nach der jüngsten Produktion von Thalia geküsst vielleicht eine zweite unbeabsichtigte Referenz an die eigene Stadtgeschichte. Die Rückwand mit großzügiger Flügeltüre steht auf einer Drehbühne und erlaubt elegante Szenenwechsel. Das bestimmende ästhetische Moment der Bühne sind die großzügig furnierten Kassettenwände des Fin de Siècle, von denen eine zur haushohen Bibliothek stilisiert wird. Schnelle Szenenwechsel werden zudem durch das Herablassen eines weißen Vorhangs ermöglicht, der entweder intime Kammerspielmomente zulässt oder zur Projektionsfläche wird. Projektionen werden zu einem der handlungstragenden Faktoren der Inszenierung. Ganz großartig die Darstellung des Bildnisses der Margarethe in der ersten Schlüsselszene des Abends. Einem riesigen Hologramm gleich erstrahlt das Konterfei von Margaux de Valensart und fasziniert nicht nur den nach ewiger Jugend strebenden Dr. Faust. Die Überzeugungskraft, die dieser Projektion innewohnt, macht Fausts intensives Begehren durchaus nachvollziehbar. Andere Projektionen visualisieren die mephistophelischen Menetekel, den Höllenschlund oder rekapitulieren Fausts Verführung in Stummfilmmanier. Als besonderes Bühnenelement ist das kleine Puppenhaus zu bewerten, das Margarethes Zuhause symbolisiert und gleichzeitig als Chiffre für ihre Unschuld und Bescheidenheit steht. Besonders bemerkenswert noch die dampfende, blinkende Zeitmaschine als Referenz zu H. G. Wells sowie die überlebensgroße Marionettenfigur des Mephistopheles im Volksfestbild.
Innerhalb des stimmigen Bühnenambientes nimmt das Tauziehen um das Seelenheil der Protagonisten nun seinen Verlauf. Das Konzept der Inszenierung ist stimmig und vor allem stilsicher. Mit der Wahl des Regieteams setzt man in Wuppertal erneut auf Wertigkeit und Authentizität. Es scheint eine sichere Bank, das klassische Menschheitsdrama im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse konservativ in Szene zu setzen. Die Inszenierung hat durchaus Längen, aber das Konzept geht optisch insgesamt auf. Die Kostüme von Devi Saha verbleiben im Kontext der Entstehungszeit der Oper und zeigen einen geschlossenen Kanon in Schwarzweiß mit sehr gedeckten, vereinzelten Farbakzenten. In der Gesamterscheinung stilistisch gekonnt zusammengehalten von schwarzem Chiffon.
Die Personenregie gelingt insgesamt sehr überzeugend, und gerade die Choreografien der großen Massenszenen hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Da klappt alles vorbildlich mit Marsch und Walzer. Ein wirklich nicht zu unterschätzender Faktor für das Gelingen einer Opernproduktion. Kaum etwas ist befremdlicher als asynchron daher stampfende, aus dem Takt geratene Choristen und das sieht man allzu oft.
Musikalisch muss man sich am Premierenabend ankündigungsbedingt auf Einschränkungen gefasst machen. Für den erkrankten Eric Rousi springt Almas Svilpa ein, und Margaux de Valensart in der zweiten Hauptrolle lässt sich rekonvaleszenzbedingt für leichte Unpässlichkeiten entschuldigen.
Aber die spontanen Befürchtungen erweisen sich als grundlos. Aus dem Ensemble des Aalto-Theaters Essen kommend, gestaltet Svilpa die Rolle des Mephistopheles gekonnt. Seine sängerischen und darstellerischen Qualitäten konnte er bereits 2016 bei seinem Rollendebüt auf der Aalto-Bühne unter Beweis stellen. Der erfahrene Sängerdarsteller vermag die feinsten Nuancen rollenkonform diabolisch herauszuarbeiten. Seine warme Bass-Bariton-Stimme rahmt die Aufführung äußerst solide.
Entgegen der gedämpften Erwartung brilliert de Valensart in der Rolle der Margarethe. Sie ist eine hinreißende Bühnenpersönlichkeit und Idealbesetzung. Seit zwei Jahren im Ensemble der Oper Wuppertal erweist sie sich als Lichtgestalt und stellt sich souverän allen Herausforderungen. Alcina, Frau Fluht und nun Margarethe: Ihr klarer, wunderbar timbrierter Sopran meistert alle Facetten der Partie und nimmt für sich ein.
Sangmin Jeon als Dr. Faust ist insgesamt etwas ambivalent. Sein kraftvoller Tenor meistert die stimmlichen Herausforderungen der Rolle angemessen. Kleinere Defizite beim Übergang zwischen Mittellage und Höhe lassen sich aber nicht verleugnen. Insgesamt fehlt es noch mehr an der notwendigen schauspielerischen Hingabe an seine Rolle. Man kann ihm das lodernde Feuer und die grenzenlose Begierde, die ihn zum Teufelspakt treibt, einfach nicht anmerken.

Die Hosenrolle des Siebel von Edith Grossmann gerät wunderbar differenziert und darstellerisch überzeugend. Ihre samtige Mezzo-Stimme vermag erneut zu unterstreichen, dass sie Musiktheater kann. Ebenso wie de Valensart ein Glückgriff für das junge Wuppertaler Ensemble. Eine positive Überraschung ist erneut Zachary Wilson als Valentin, der die doch recht umfangreiche Rolle von Margarethes Bruder vorbildlich meistert. Es ist ein großer Genuss, seine noch junge, so vielversprechende Baritonstimme zu hören. Vera Egorova brilliert in der Rolle der Marthe. Stimmlich und darstellerisch ein ganz besonderes Erlebnis. Von Franco Ferraro erfährt die Figur der Marthe Schwertlein eine ganz besondere Akzentuierung und wird als Cougar in Szene gesetzt. Eine vor allem in Nordamerika gebräuchliche Bezeichnung für eine reifere Frau auf der Jagd nach jüngeren Sexualpartnern. Die ganz besonders delikate, spritzige Note zeigt Egorova mit überragender Intensität. Ein viel zu kurzer Theatermoment der Extraklasse. Hak-Young Lee ist eine adäquate Besetzung für die kleine Rolle des Wagner.
Beeindruckend sind Chor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen, die in dieser Form zum ersten Mal in der laufenden Spielzeit auf der Bühne zu erleben sind. Der enorm verstärkte Chor kann allen Ansprüchen entsprechen, die die Gounodsche Oper für die großen Chorszenen bereithält. Schade, dass man darauf verzichtet hat, die sphärischen Gesänge unmittelbar im Zuschauerraum zu generieren. Es widerspricht ein wenig dem Liveerlebnis Oper, Bandeinspielungen zu verwenden oder den Beitrag des Chores nicht wirklich sichtbar oder erlebbar zu machen. Dabei macht sich der Chorgesang von der Hinterbühne im ersten Akt so gut. Steht doch gerade das Opernhaus in Barmen für überragende Live-Darstellungen des Chores vom Seitenbalkon in den ikonischen Tanzopern von Pina Bausch.
Das Sinfonieorchester Wuppertal ist unter der musikalischen Leitung von Johannes Witt bestens aufgelegt und vermag die komplexe Partitur äußerst differenziert umzusetzen. Dabei gelingt der Spagat zwischen spritziger Leichtigkeit und gefühlvoller Tiefe, die von seidig glänzenden Streicherklängen getragen wird.
Mit der aktuellen Produktion von Faust hat die neue Intendanz einen weiteren Baustein zur Revitalisierung der Oper in Wuppertal geliefert. Man möchte fest die Daumen dafür drücken, dass die Oper wieder die Strahlkraft erfährt, die sie lange Zeit hatte.
Das Premierenpublikum im gut gefüllten Haus ist auf jeden Fall begeistert. Die Neugierde auf den Wahlausgang hält die Besucher nicht davon ab, das gesamte Ensemble stehend mit langanhaltendem Applaus für die imposante Gesamtleistung zu belohnen.
Bernd Lausberg