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Stimmige konservative Inszenierung

FAUST
(Charles Gounod)

Besuch am
23. Februar 2025
(Premiere)

 

Wupper­taler Bühnen, Opernhaus

Die große franzö­sische Oper Faust von Charles Gounod wurde im Jahr 1858 in Paris urauf­ge­führt. Schon kurze Zeit darauf gab es in Darmstadt die deutsche Erstaufführung.

Faust war von Beginn an ein großer Erfolg. In den ersten zehn Jahren wurde sie alleine am Théâtre-Lyrique etwa 300 Mal aufge­führt. In Paris insgesamt gab es sogar über 3000 Aufführungen.

In Abgrenzung zu Goethes bedeu­tendster Tragödie Faust trägt die Oper in Deutschland meist den Titel Marga­rethe. In Wuppertal hat man die Oper 1999 im Kontext des Schil­ler­theaters NRW zuletzt gehört. Eine Produktion von Arrigo Boitos themen­ver­wandter Oper Mephis­to­pheles gab es in einer Insze­nierung von Friedrich Meyer-Oertel 1990.

Grund genug also, das Defizit aufzu­ar­beiten und sich des Themas Faust auch musika­lisch wieder anzunehmen.

Foto © Matthias Jung

Die Insze­nierung von Matthew Ferraro verortet die Handlung in ein gründer­zeitlich anmutendes Interieur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts, so wie sie auch heute noch im Briller Viertel zu finden sind. Nach der jüngsten Produktion von Thalia geküsst vielleicht eine zweite unbeab­sich­tigte Referenz an die eigene Stadt­ge­schichte. Die Rückwand mit großzü­giger Flügeltüre steht auf einer Drehbühne und erlaubt elegante Szenen­wechsel. Das bestim­mende ästhe­tische Moment der Bühne sind die großzügig furnierten Kasset­ten­wände des Fin de Siècle, von denen eine zur haushohen Bibliothek stili­siert wird. Schnelle Szenen­wechsel werden zudem durch das Herab­lassen eines weißen Vorhangs ermög­licht, der entweder intime Kammer­spiel­mo­mente zulässt oder zur Projek­ti­ons­fläche wird. Projek­tionen werden zu einem der handlungs­tra­genden Faktoren der Insze­nierung. Ganz großartig die Darstellung des Bildnisses der Marga­rethe in der ersten Schlüs­sel­szene des Abends. Einem riesigen Hologramm gleich erstrahlt das Konterfei von Margaux de Valensart und faszi­niert nicht nur den nach ewiger Jugend strebenden Dr. Faust. Die Überzeu­gungs­kraft, die dieser Projektion innewohnt, macht Fausts inten­sives Begehren durchaus nachvoll­ziehbar. Andere Projek­tionen visua­li­sieren die mephis­to­phe­li­schen Menetekel, den Höllen­schlund oder rekapi­tu­lieren Fausts Verführung in Stumm­film­manier. Als beson­deres Bühnen­element ist das kleine Puppenhaus zu bewerten, das Marga­rethes Zuhause symbo­li­siert und gleich­zeitig als Chiffre für ihre Unschuld und Beschei­denheit steht. Besonders bemer­kenswert noch die dampfende, blinkende Zeitma­schine als Referenz zu H. G. Wells sowie die überle­bens­große Mario­net­ten­figur des Mephis­to­pheles im Volksfestbild.

Innerhalb des stimmigen Bühnen­am­bi­entes nimmt das Tauziehen um das Seelenheil der Protago­nisten nun seinen Verlauf. Das Konzept der Insze­nierung ist stimmig und vor allem stilsicher. Mit der Wahl des Regie­teams setzt man in Wuppertal erneut auf Wertigkeit und Authen­ti­zität. Es scheint eine sichere Bank, das klassische Mensch­heits­drama im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse konser­vativ in Szene zu setzen. Die Insze­nierung hat durchaus Längen, aber das Konzept geht optisch insgesamt auf. Die Kostüme von Devi Saha verbleiben im Kontext der Entste­hungszeit der Oper und zeigen einen geschlos­senen Kanon in Schwarzweiß mit sehr gedeckten, verein­zelten Farbak­zenten. In der Gesamt­erscheinung stilis­tisch gekonnt zusam­men­ge­halten von schwarzem Chiffon.

Die Perso­nen­regie gelingt insgesamt sehr überzeugend, und gerade die Choreo­grafien der großen Massen­szenen hinter­lassen einen nachhal­tigen Eindruck. Da klappt alles vorbildlich mit Marsch und Walzer. Ein wirklich nicht zu unter­schät­zender Faktor für das Gelingen einer Opern­pro­duktion. Kaum etwas ist befremd­licher als asynchron daher stamp­fende, aus dem Takt geratene Choristen und das sieht man allzu oft.

Musika­lisch muss man sich am Premie­ren­abend ankün­di­gungs­be­dingt auf Einschrän­kungen gefasst machen. Für den erkrankten Eric Rousi springt Almas Svilpa ein, und Margaux de Valensart in der zweiten Haupt­rolle lässt sich rekon­va­les­zenz­be­dingt für leichte Unpäss­lich­keiten entschuldigen.

Aber die spontanen Befürch­tungen erweisen sich als grundlos. Aus dem Ensemble des Aalto-Theaters Essen kommend, gestaltet Svilpa die Rolle des Mephis­to­pheles gekonnt. Seine sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Quali­täten konnte er bereits 2016 bei seinem Rollen­debüt auf der Aalto-Bühne unter Beweis stellen. Der erfahrene Sänger­dar­steller vermag die feinsten Nuancen rollen­konform diabo­lisch heraus­zu­ar­beiten. Seine warme Bass-Bariton-Stimme rahmt die Aufführung äußerst solide.

Entgegen der gedämpften Erwartung brilliert de Valensart in der Rolle der Marga­rethe. Sie ist eine hinrei­ßende Bühnen­per­sön­lichkeit und Ideal­be­setzung. Seit zwei Jahren im Ensemble der Oper Wuppertal erweist sie sich als Licht­ge­stalt und stellt sich souverän allen Heraus­for­de­rungen. Alcina, Frau Fluht und nun Marga­rethe: Ihr klarer, wunderbar timbrierter Sopran meistert alle Facetten der Partie und nimmt für sich ein.

Sangmin Jeon als Dr. Faust ist insgesamt etwas ambivalent. Sein kraft­voller Tenor meistert die stimm­lichen Heraus­for­de­rungen der Rolle angemessen. Kleinere Defizite beim Übergang zwischen Mittellage und Höhe lassen sich aber nicht verleugnen. Insgesamt fehlt es noch mehr an der notwen­digen schau­spie­le­ri­schen Hingabe an seine Rolle. Man kann ihm das lodernde Feuer und die grenzenlose Begierde, die ihn zum Teufelspakt treibt, einfach nicht anmerken.

Foto © Matthias Jung

Die Hosen­rolle des Siebel von Edith Grossmann gerät wunderbar diffe­ren­ziert und darstel­le­risch überzeugend. Ihre samtige Mezzo-Stimme vermag erneut zu unter­streichen, dass sie Musik­theater kann. Ebenso wie de Valensart ein Glück­griff für das junge Wupper­taler Ensemble. Eine positive Überra­schung ist erneut Zachary Wilson als Valentin, der die doch recht umfang­reiche Rolle von Marga­rethes Bruder vorbildlich meistert. Es ist ein großer Genuss, seine noch junge, so vielver­spre­chende Bariton­stimme zu hören. Vera Egorova brilliert in der Rolle der Marthe. Stimmlich und darstel­le­risch ein ganz beson­deres Erlebnis. Von Franco Ferraro erfährt die Figur der Marthe Schwertlein eine ganz besondere Akzen­tu­ierung und wird als Cougar in Szene gesetzt. Eine vor allem in Nordamerika gebräuch­liche Bezeichnung für eine reifere Frau auf der Jagd nach jüngeren Sexual­partnern. Die ganz besonders delikate, spritzige Note zeigt Egorova mit überra­gender Inten­sität. Ein viel zu kurzer Theater­moment der Extra­klasse. Hak-Young Lee ist eine adäquate Besetzung für die kleine Rolle des Wagner.

Beein­dru­ckend sind Chor und Extrachor der Wupper­taler Bühnen, die in dieser Form zum ersten Mal in der laufenden Spielzeit auf der Bühne zu erleben sind. Der enorm verstärkte Chor kann allen Ansprüchen entsprechen, die die Gounodsche Oper für die großen Chorszenen bereithält. Schade, dass man darauf verzichtet hat, die sphäri­schen Gesänge unmit­telbar im Zuschau­erraum zu generieren. Es wider­spricht ein wenig dem Liveer­lebnis Oper, Bandein­spie­lungen zu verwenden oder den Beitrag des Chores nicht wirklich sichtbar oder erlebbar zu machen. Dabei macht sich der Chorgesang von der Hinter­bühne im ersten Akt so gut. Steht doch gerade das Opernhaus in Barmen für überra­gende Live-Darstel­lungen des Chores vom Seiten­balkon in den ikoni­schen Tanzopern von Pina Bausch.

Das Sinfo­nie­or­chester Wuppertal ist unter der musika­li­schen Leitung von Johannes Witt bestens aufgelegt und vermag die komplexe Partitur äußerst diffe­ren­ziert umzusetzen. Dabei gelingt der Spagat zwischen sprit­ziger Leich­tigkeit und gefühl­voller Tiefe, die von seidig glänzenden Strei­ch­er­klängen getragen wird.

Mit der aktuellen Produktion von Faust hat die neue Intendanz einen weiteren Baustein zur Revita­li­sierung der Oper in Wuppertal geliefert. Man möchte fest die Daumen dafür drücken, dass die Oper wieder die Strahl­kraft erfährt, die sie lange Zeit hatte.

Das Premie­ren­pu­blikum im gut gefüllten Haus ist auf jeden Fall begeistert. Die Neugierde auf den Wahlausgang hält die Besucher nicht davon ab, das gesamte Ensemble stehend mit langan­hal­tendem Applaus für die imposante Gesamt­leistung zu belohnen.

Bernd Lausberg

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