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FORMATION UFERMANN
(Erhard Ufermann)
Besuch am
23. August 2024
(Einmalige Aufführung)
Es hätte ein so richtig schöner romantischer Abend unter einem uralten, großen Kirschbaum sein können. Denn Open Air war das Konzert dort im Garten vor der Bandfabrik geplant. Und passend dazu heißt das Programm auch noch Manchmal stehen die Sterne Kopf – Lieder zur Liebe und zur Nacht. Doch die Wettervorhersage macht einen Strich durch die Rechnung. Zwar ist es zu Beginn noch herrlich sommerlich bei Wohlfühltemperatur. Doch gegen Ende des Abends kommt das Wasser doch noch von oben. Zum Glück stören die Wuppertaler solche Vorkommnisse herzlich wenig, sind sie doch bekanntlich wegen der vielen Niederschläge mit dem Regenschirm auf die Welt gekommen. Also begibt man sich kurzerhand in den Vortragsraum mit seiner angenehmen Club-Atmosphäre, um sich von einer Band verwöhnen zu lassen, die seit rund 35 Jahren fester Bestandteil im Wuppertaler Kulturleben ist und sich weit über die Stadtgrenzen hinaus ihre Meriten verdient hat. Auftritte etwa beim berühmten Jazzfestival in Montreux sprechen für sich. Nun gibt sich die Formation Ufermann im Rahmen des Festivals „Unterm Kirschbaum“ die Ehre und zollt damit dem diesjährigen 25. Geburtstag des soziokulturellen Orts ihren Respekt.

Vor rund einem halben Jahrhundert begann Bandleader Erhard Ufermann, Stücke zu schreiben. Seitdem hat er als Pfarrer im Wuppertaler Knast oder auf Reisen durch Südamerika viele Leute kennengelernt und soziales Elend, Ungerechtigkeiten wie Repressionen mitbekommen. Viele solcher Erfahrungen flossen mit in seine Kompositionen ein. Bei dem Lied Sonja geht es um eine 18-jährige Prostituierte in der brasilianischen Hafenstadt Recife, die Mutter von zwei Kindern ist. Das ältere lebt auf Kartons und Zeitschriften, das jüngere Kind auf ihren Armen. Sie hat den Traum, Tänzerin werden zu können. Und immer wenn sie tanzt, dann ist sie wunderschön. Dann laufen die Nachbarn in der Favela zusammen. Der letzte Satz des Liedes lautet: „Und das Elend klatscht ihr Beifall“. Nazim handelt von dem türkischen Lyriker Nazim Hikmet, der 1963 im Exil in Moskau starb. In Lembranca do futuro beziehungsweise Memoria al futuro – auf Deutsch: Erinnerung an die Zukunft – denkt Ufermann über die Frage nach: „Woher können wir wissen, wohin es geht, wenn wir nicht verstanden haben, woher wir kommen?“ Liebe, eine Illusion entstand, nachdem er während seiner Tätigkeit als Seelsorger im Gefängnis die kolumbianische Dichterin und Schauspielerin Patricia Ariza im Rahmen eines Theaterworkshops kennengelernt und sie später bei ihr daheim besucht hatte. Sie, die in ihrem Heimatland rund 20 Jahre lang wegen ihres politischen Engagements eine schusssichere Weste tragen musste und schließlich vor zwei Jahren für kurze Zeit Kultusministerien Kolumbiens wurde, sagte zu den in Wuppertal Inhaftierten: „Wir brauchen Illusionen, um zu überleben“. Oder vor dem Song Begehr dich so rezitiert er ein Gedicht von Erich Fried: „Bevor ich sterbe / Noch einmal sprechen / Von der Wärme des Lebens / Damit doch einige wissen / Es ist nicht warm / Aber es könnte warm sein – Bevor ich sterbe / Noch einmal sprechen von der Liebe / Damit doch einige sagen / Das gab es / Das muss es geben – Bevor ich sterbe / Noch einmal sprechen / Von dem Glück der Hoffnung auf Glück / Damit doch einige fragen / Was war das / Wann kommt es wieder?“

Diese und dreizehn weitere Titel Ufermanns plus zwei Zugaben, davon sechs rein instrumental, hat Dieter Nett fein und sensibel arrangiert. Lateinamerikanische Rhythmen, Klänge und Stile sind genauso mit dabei wie tradierter tonaler Jazz. Ruhige, kontemplative, melancholische Momente changieren mit Ausgelassenheit, Lebensfreude und Groove. Ein bestens disponiertes Sextett sorgt damit für einen kurzweiligen, exzellenten Abend. Neben Ufermann am E‑Piano sind es fünf professionelle Vollblutmusiker, die seit fast vier Dekaden in Wuppertal bestens bekannt sind und einen hervorragenden Ruf genießen: Saxofonist Nett, Martin Zobel an der Trompete und am Flügelhorn, Harald Eller am E‑Bass, Perkussionist Thomas Lensing und last but not least Schlagzeuger Jörg Dausend. Seit 35 Jahren treten sie regelmäßig zusammen auf, haben unter anderem auch gemeinsam in Südamerika gespielt. Man versteht sich also blind. Nur ganz wenige kurze Einsätze reichen aus für ein harmonisches Zusammenspiel. Darüber hinaus glänzen sie mit schönen stilsicheren Soli. Außerdem kommen die Gesänge von Ufermann, Nett und Lensing sehr ausdrucksstark von der Bühne.
Passend lautet die letzte Nummer Abend ward, bald kommt die Nacht. Qua des enthusiastischen Beifalls der Gäste im ausverkauften Haus muss die Nacht aber noch etwas warten. Denn ohne Draufgabe darf sie nicht einsetzen. Hier ist nun Hayat Chaoui mit dabei, die regelmäßig mit der Formation Ufermann zusammenarbeitet. Zunächst wird das deutsche Abendlied von Matthias Claudius Der Mond ist aufgegangen mit dem ältesten arabisch-islamischen Lied Der Mond ist über uns aufgegangen kombiniert. Mit diesem Nett-Arrangement gehen die beiden unterschiedlichen Musikstile eine erstklassige Symbiose ein. Zu guter Letzt erklingt Für mein Kind. Beide Zugaben singt die Sopranistin mit ihrer profunden und beweglichen Stimme ungemein anrührend. Erst jetzt darf es Nacht werden, und das Publikum zieht selig von dannen.
Hartmut Sassenhausen