O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Michaela Büttgen

Konzert in Memoriam eines Musikmäzens

GEDENKKONZERT FÜR DETLEF MUTHMANN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
27. Februar 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Histo­rische Stadt­halle Wuppertal

Seit über einem Jahr ist Wuppertal um eine Konzert­reihe ärmer. Denn am 9. Dezember 2020 starb Detlef Muthmann, ein Mäzen, wie er im Buche steht. Er wurde 1939 in Wuppertal geboren und verdiente als Unter­nehmer mit mobilen Trans­port­kühl­an­lagen im benach­barten Haan sein Geld. 2005 zog er sich aus dem Berufs­leben zurück. Vier Jahre später rief er, der seit seiner Jugend die klassische Musik liebte und regel­mäßig Konzerte wie Opern vor allem in der Histo­ri­schen Stadt­halle Wuppertal – kurz Stadt­halle – besuchte, die Kammer­mu­sik­reihe Saiten­spiel mit rund zehn Konzerten pro Spielzeit im Mendelssohn-Saal dort auf dem Johan­nisberg ins Leben. Ihm gelang es, in dieser Zeit renom­mierte Ensembles in die Stadt zu holen: das Auryn-Quartett, das Rolston String Quartet, das Prisma-Quartett, das Artis-Quartett Wien, das Novus String Quartet, das Mandelring-Quartett, Bratschist Nils Mönke­meyer, Cellist Peter Bruns, Pianistin Klára Würtz und und und. Er legte Wert darauf, dass nicht nur populäre Werke gespielt wurden, setzte sich für weniger bekannte Tonkünstler und Zeitge­nossen wie Ulrich Leyen­decker, Alfred Schnittke, George Enescu, Sofia Gubai­dulina, Ernest Bloch und Santiago di Murcía ein. Ein Herzens­an­liegen war ihm, Werke von den von Natio­nal­so­zia­listen verfolgten Kompo­nisten Erwin Schulhoff, Gideon Klein, Viktor Ullmann, Pavel Haas und Hans Krása ins Programm aufzu­nehmen. Ein Höhepunkt war außerdem die Aufführung sämtlicher Streich­quar­tette Ludwig van Beethovens an drei Tagen mit dem Uriel-Quartett. Kurzum: Getrost kann man von kammer­mu­si­ka­li­schen Meister­kon­zerten sprechen, die es gegeben hat. Doch damit nicht genug. Alle Musiker verpflichtete er zu Schul­kon­zerten in der Stadt­halle. An Demenz erkrankte Personen und Leute mit geringem Einkommen lud er kostenlos zu seinen Konzerten. Wupper­taler Musik­stu­denten ermög­lichte er einen Kammer­mu­sikkurs bei dem berühmten Minguet-Quartett. Des Weiteren ließ er die während der NS-Zeit abgeschla­genen Namen der jüdischen Musiker Felix Mendelssohn Bartholdy, Jacques Offenbach und Giacomo Meyerbeer wieder an der Stadt­hal­len­fassade anbringen. Die gesamten Aktivi­täten finan­zierte er vollum­fänglich aus seiner eigenen Tasche. Für seine Verdienste und sein vorbild­liches Mäzena­tentum wurde Muthmann im November 2018 das Bundes­ver­dienst­kreuz am Bande verliehen. Bescheiden trat er auf, machte kein Aufheben um seine Person. So saß er etwa in seinen Veran­stal­tungen im Mendelssohn-Saal der Histo­ri­schen Stadt­halle Wuppertal nie wie auf dem Präsen­tier­teller in der ersten Reihe des Audito­riums, sondern am Rand ein paar Reihen dahinter.

Sibylle Mahni – Foto © Michaela Büttgen

Silke Asbeck, Geschäfts­füh­rerin der Stadt­halle, und der städtische Kultur­de­zernent, Matthias Nocke, lassen es sich nicht nehmen, ihn im Rahmen des Gedenk­kon­zerts mit kurzen Ansprachen zu würdigen, sein Leben Revue passieren zu lassen. Außerdem kommt die Tages­ak­tua­lität zu Wort, indem Nocke den kriege­ri­schen Angriff Russlands auf die Ukraine auch im Namen des Wupper­taler Oberbür­ger­meisters Uwe Schnei­dewind und des Stadtrats scharf verur­teilt. Und er weist ausdrücklich darauf hin, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den jüdisch-ukrai­ni­schen Staats­prä­si­denten Wolodymyr Selenskyj als Nazi bezeichnet und für einen Genozid verant­wortlich macht. Komponist Lutz-Werner Hesse, der bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand letztes Jahr geschäfts­füh­render Direktor der Wupper­taler Musik­hoch­schule war und vor den Konzert­hälften mit kurzen Worten durch das Programm führt, schließt sich mit einem Zitat des legen­dären Dirigenten Leonard Bernstein an, in dem ein musika­li­sches, jüdisches Herz schlug. Damit versuchte er die Welt ein Stück besser zu machen und seine Philo­sophie in die Welt zu tragen.

So viel zu dem weinenden Auge an dem Abend. Es gibt aber auch ein lachendes, und das betrifft den rein musika­li­schen Teil. Zum einen werden zwei Werke aus der Taufe gehoben – eine absolute Rarität im Konzert­leben. Wenn überhaupt, ist nämlich nur eine Urauf­führung üblich. Zum anderen sind mit dem Schumann-Quartett, der Hornistin Sibylle Mahni und dem Pianisten Rainer Maria Klaas erstklassige Musiker zu Gast.

Los geht es mit dem fünfsät­zigen Stück Des Baches Wiegen­lieder für Horn und Klavier aus der Feder von Stefan Heucke. Er ist einer der ganz wenigen Künstler, der mittler­weile nur vom Kompo­nieren leben kann. Denn seine Werke verschwinden nicht nach der Erstauf­führung für unbestimmte Zeit in der Schublade, sondern werden regel­mäßig gespielt. Seine Tonsprache ist erzählend. So verwendet er auch für seine Instru­men­tal­werke litera­rische Vorlagen. In diesem Opus 112 ist es das gleich­namige Gedicht Wilhelm Müllers. Musika­lisch scheut er sich nicht, bekannte Melodien zu zitieren. Hier ist es die Vertonung von Franz Schubert, die das letzte Lied des Zyklus Die schöne Müllerin ist. Sangliche Melodien gehen Hand in Hand mit Tonre­pe­ti­tionen, Klang­ver­frem­dungen. Sein Verfahren bezeichnet er als synthe­tische Tonalität. Damit ist eine Reihung von Dur- und Molldrei­klängen gemeint, die durch Überla­ge­rungen von Rhythmen und Melodien verfremdet werden. In diesem Werk übernimmt das Horn den melodiösen Part, während auf dem Klavier damit korre­spon­dierend, reflek­tierend und kontra­punk­tierend die komplexen Struk­turen liegen. Hornistin Sibylle Mahni und Pianist Rainer Maria Klaas verstehen es ausge­zeichnet, den reich­hal­tigen Gehalt klar und fein abgestuft zum Ausdruck zu bringen.

Rainer Maria Klaas – Foto © Michaela Büttgen

Es liegt nahe, dass sich Joseph Haydns berühmtes Kaiser­quartett anschließt. Denn Heucke hat sich einmal mit dem zweiten Satz in seinen Varia­tionen mit Haydn op. 85 für Klavier ausein­an­der­ge­setzt. Unfrei­willig ist er auch tages­ak­tuell, verar­beitete er doch 1797 seine zum Deutsch­landlied gewordene Melodie, damals bekannt als Kaiser­hymne alias Gott erhalte Franz, den Kaiser angesichts der Nieder­lagen Öster­reichs gegen die Truppen Frank­reichs zu dem Varia­ti­onssatz Poco Adagio. Cantabile. Hinzu kamen die Schrecken des öster­rei­chi­schen Erbfol­ge­kriegs, die er als Kind erlebt hatte und die sich tief in seinem Gedächtnis einge­brannt hatten. Dieses Werk mit seinen feinen Phrasie­rungen intoniert das Schumann-Quartett sehr homogen, fest zupackend und schwungvoll. Vielleicht hätte nur der Cantus firmus, also die durch die Stimmen gehende Kaiser­hymne in den Varia­tionen des zweiten Satzes, dynamisch ein wenig verhal­tener intoniert werden können. Dann wäre der meister­hafte Umgang mit den Harmonien, die von Abschnitt zu Abschnitt immer chroma­ti­scher werden, noch deutlicher hervorgetreten.

Die zweite Urauf­führung stammt von Lutz-Werner Hesse. Es handelt sich um einen Auftrag Muthmanns, den er ihm anno 2019 erteilt hatte. Zu einer Aufführung zu seinen Lebzeiten kam das einsätzige sechs­teilige Quintett für Horn und Streich­quartett mit der Opuszahl 84 nicht leider mehr. Hesses Oeuvre beinhaltet haupt­sächlich orches­trale und kammer­mu­si­ka­lische Werke unter­schied­licher Besetzung. Viele von ihnen erklangen in Wuppertal zu ersten Mal. Etliche seiner Tonschöp­fungen wurden und werden in Europa bis hin in die USA und Japan aufge­führt. Der Komponist selbst bezeichnet sein Quintett als „unter­haltsam und erhebend“. Ähnlich wie bei Heucke ist dem Horn die harmo­nische, melodiöse Aufgabe zugeteilt. Laut Hesse verlässt das Instrument nicht seine alther­ge­brachte Tradition. Weniger komplex, harmo­ni­scher, wesentlich geschmei­diger, hin- und herbe­we­gender ist der Klang des Streich­quar­tetts. Wie bei Heucke präsen­tiert sich Mahni auch hier als eine brillante Hornistin. Eine große, runde, warme Tongebung paart sich mit hoher Virtuo­sität und großem musika­li­schen Tiefgang. Sehr einfühlsam intoniert sie Hesses musika­lische Linien, mitatmend und nuanciert vom Schumann-Quartett begleitet.

Ihre große Klasse demons­trieren die drei Brüder Mar, Erik und Ken Schumann sowie der Bratschist Veit Herten­stein zu guter Letzt bei Antonín Dvořáks Streich­quartett in F‑Dur, bekannt als Ameri­ka­ni­sches Quartett. Die große Vielfalt des „American way if life“, die er während seines Aufent­halts in den USA Ende des 19. Jahrhun­derts kennen­lernte und musika­lisch in dieses Werk einfließen ließ, vermitteln sie muster­gültig mit viel Verve, einer sonoren Tongebung und großen musika­li­schen Spannungsbögen.

Stehende Ovationen sind der Dank für das eindrucks­volle Gedenk­konzert, das als Finale der Reihe Saiten­spiel bezeichnet werden kann. Übrig bleibt der Wunsch nach einer Neuauflage solch einer kammer­mu­si­ka­li­schen Meister­kon­zert­reihe in Wuppertal. Dafür sprechen nach kleinen Anlauf­schwie­rig­keiten die stets ausge­zeichnet besuchten Konzerte wie diese Gedenkveranstaltung.

Das Konzert hat der Westdeutsche Rundfunk aufge­zeichnet. Es wird am 4. März um 20 Uhr auf WDR 3 gesendet.

Hartmut Sassen­hausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: