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Foto © Hartmut Sassenhausen

Stilsicher und gesanglich perfekt

GROßES KNABENCHORKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
25. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Wupper­taler Kurrende im Kultur­zentrum Immanuel, Wuppertal

Bekanntlich gehört der Dresdner Kreuzchor mit zu den sechs ältesten Knaben­chören Deutsch­lands. Hinsichtlich des exakten Alters scheiden sich aller­dings die Geister. 2016 hat es zwar die 800-Jahr-Feier gegeben. Doch ist dieser runde Geburtstag nicht wissen­schaftlich belegt. Tatsächlich hätte auch die 645-jährige Existenz gefeiert werden können. Denn erst anno 1371 wurde die Umbenennung der Nikolai- in Kreuz­kirche in der heuten sächsi­schen Landes­haupt­stadt schriftlich erwähnt. Somit falle die Geburt des Chors in dieses Jahr. Laut Histo­riker Karlheinz Blaschke ist nämlich der Bezug auf das Jahr 1216 haltlos. Dessen ungeachtet gehört er weltweit mit zu den berühm­testen Vokal­ensembles seiner Art. 29. Kreuz­kantor ist seit 1. September 2022 Martin Lehmann. Vorher war er ab 2005 für sieben Jahre musika­li­scher Leiter der Wupper­taler Kurrende und anschließend künst­le­ri­scher Leiter des Winds­bacher Knaben­chors. Auf Einladung der Wupper­taler Kurrende sind unter seiner Leitung die Kruzianer – so die Bezeichnung der Chormit­glieder – zum Auftakt ihrer Sommer-Tournee in die voll besetzte Wupper­taler Immanu­els­kirche gekommen und haben gehalt­volle Vokal­werke vom Frühbarock bis zur Moderne im Gepäck.

Die acht vorge­stellten Kompo­si­tionen stellen sehr hohe sänge­rische Ansprüche, die dementspre­chend in der Regel nur profes­sio­nelle Chöre in ihrem Reper­toire haben. Es sind chrono­lo­gisch aufsteigend die barocken Werke Exaudi Deus orationem meam von Giovanni Gabrielis, Miserere mei Deus aus der Feder von Gregorio Allegri, Andreas Hammer­schmidts Wohl dem, dem die Übertretung vergeben sind und von Johann Sebastian Bach Der Geist hilft unser Schwachheit auf. Begleitet von einer exquisit aufspie­lenden Continuo-Gruppe in der Besetzung Orgel­po­sitiv, Cello und Kontrabass ist die Literatur gesetzt für zwei vierstimmige Chöre, dann einen fünf- und sechs­stim­migen Chor sowie last, but not least einen sieben­stim­migen Männerchor. Sie beinhalten über weite Strecken engma­schige polyphone und strenge kontra­punk­tische Struk­turen. Dabei singt der Kreuzchor entweder vollständig auf der Bühne im Altarraum oder verteilt sich dahinter und auf der Orgel­empore. Einwandfrei erklingt die Darbietung. Perfekt ist die Intonation. Selbst vertrackte Einsätze stimmen punkt­genau. Komplexe Mehrstim­mig­keiten und musika­lische Linien­füh­rungen werden, einher­gehend mit nuancierten Dynamiken, äußerst diffe­ren­ziert darge­stellt. Auch die Motette Vater Unser a cappella für zwei vierstimmige Chöre von Oskar Wermann, der bis zu seinem Tod im Jahr 1906 30 Jahre lang Kreuz­kantor war, wird lupenrein und ausge­wogen zu Gehör gebracht.

Foto © Hartmut Sassenhausen

Weiter geht die musika­lische Zeitreise mit der vierstimmige Kantate Jesus und die Krämer aus dem Jahr 1934 von Zoltán Kodály. Die Tempel­rei­nigung durch Jesus hat der Ungar musika­lisch kraftvoll vertont. Drama­tisch-lebendig gestalten die Kruzianer den Kontrast zwischen fried­lichen und zornigen Passagen. 1997 setzte sich der finnische Komponist Jaakko Mänty­järvi, Jahrgang 1963, mit dem vier Jahre zuvor gesche­henen Untergang der Ostsee­fähre Estonia musika­lisch ausein­ander. Entstanden ist Canticum calami­tatis maritimae – deutsch: Lied vom Unglück der See – für achtstim­migen Chor sowie Sopran und Tenor solo. Als Texte liegen die katho­lische Requi­em­messe, Psalm 107, und der Katastro­phen­be­richt des latei­nisch­spra­chigen finni­schen Nachrich­ten­dienstes Nuntii Latini zugrunde. Es wird geseufzt, eine Textzeile des Requiems durch­ein­ander geflüstert. Das Sopransolo klagt wortlos, das Tenorsolo trägt die Bericht­erstattung vor. Anschließend geht es über zum Psalmtext. Es kommen viele Stimm­ef­fekte vor, die das Rauschen der Gischt, Funkstö­rungen, das Brummen des Schiffs­motors, das Kreischen berstenden Metalls oder rhyth­mi­sches Symbo­li­sieren des SOS-Morse­codes wider­spiegeln. Die ganze Dramatik und tiefe Trauer bringt der Kreuzchor außer­or­dentlich ergreifend zum Ausdruck und lässt sie mit „Requiem aeternam“ – ewige Ruhe – andachtsvoll verklingen.

2013 schrieb der 1986 geborene US-ameri­ka­nische Komponist Jake Ruhestad das achtstimmige Chorwerk Alleluja. Anhand dieses Stücks demons­triert der Knabenchor einen perfekten Umgang mit weiteren modernen Gesangs­tech­niken in Form von rhyth­misch vielschich­tigen Gesangs­linien zu Hände­klat­schen und Klopfen auf die Brust oder konti­nu­ier­lichen Tonver­schie­bungen. Äußerst sensibel wird zudem die anfänglich lebendige Freude hin zum medita­tiven Schluss geführt.

Stilsicher, gesanglich erstklassig und hochmu­si­ka­lisch bewegen sich die Kruzianer durch die Musik­epochen. Der hohen Güte stehen ihre Soloauf­tritte in Nichts nach. Dabei ist ihnen Lehmann ein zuver­läs­siger Lotse, auf den sie sich dank seines umsich­tigen, emotio­nalen, mitat­menden wie ‑singenden und präzisen Dirigats stets verlassen können.

Zuvor läutet die Wupper­taler Kurrende unter ihrem Leiter Lukas Baumann für ein knappes halbes Stündchen auf der Orgel­empore mit vier Werken a cappella den Abend ein: My Lord, what a Mornin“ von Henry Burleigh. Karl Hänsels O fílii et fíliae, Die Capelle am Strande von Wilhelm Berger und Aaroni­ti­scher Segen aus der Feder von Alwin Michael Schronen. Zwar nicht ganz so sauber wie die Kruzianer, aber sehr gefühlvoll und engagiert lassen die Kurrendaner die Herzen des Publikums höher schlagen. Zwischen­durch spielt routi­niert Kirchen­mu­sik­di­rektor Jens-Peter Enk, Kreis­kantor des evange­li­schen Kirchen­kreises Wuppertal, zwei Orgel­werke: Präludium und Fuge in a‑Moll von Johann Brahms und ebenfalls in a‑Moll die Toccata des nieder­län­di­schen Kompo­nisten und Organisten Jan Nieland, der von 1903 bis 1963 lebte.

Kaum ist der letzte Ton der Kruzianer verklungen, hebt enthu­si­as­ti­scher Beifall an. Er ebbt erst ab, als sich die Kurrendaner zu den Kruzianern gesellen, um mit drei bekannten Werken das Konzert gemeinsam zu beschließen: Jauchzet dem Herrn alle Welt und Herr, nun lässest Du deinen Diener in Frieden fahren von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Anton Bruckners Locus iste. Anschließend wollen die stehenden Beifalls­be­kun­dungen kein Ende nehmen. Man lässt sich nicht zweimal bitten und lässt den Abend endgültig mit dem Schlaflied Der Mond ist aufge­gangen behaglich ausklingen.

Hartmut Sassen­hausen

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