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Foto © Yannick Dietrich

US-amerikanische und spätromantische Klänge

HELDENLEBEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
22. Januar 2024
(Premiere am 21. Januar 2024)

 

Sinfo­nie­or­chester Wuppertal, Histo­rische Stadt­halle Wuppertal

Als der US-ameri­ka­nische Dirigent Carl St. Clair am 21. Oktober 1997 zum ersten Mal am Pult des Sinfo­nie­or­chesters Wuppertal – kurz SOW – stand, begann eine Ära, die wohl weiterhin bestehen dürfte. Denn seitdem ist er ein immer wieder gern gesehener Gast, erfreut er doch die Herzen der Musik­freunde mit niveau­vollen Konzerten. Er war sogar einmal als General­mu­sik­di­rektor im Gespräch, als Stefan Klieme nach dem Ausscheiden von Peter Gülke interims­mäßig für zwei Spiel­zeiten den Posten übernommen hatte. Die Stadt entschied sich letzt­endlich für George Hanson, der parallel Leiter des Tucson Symphonie Orchestra blieb. Aufgrund seiner bis heute währenden Treue ernennt nun das SOW St. Clair anlässlich seines jüngsten Besuchs zu seinem Ehren­gast­di­ri­genten. Es ist die erste Auszeichnung dieser Art, die das Orchester bisher vergeben hat.

Ein ausge­fal­lenes Programm bringt er mit in die Histo­rische Stadt­halle Wuppertal, das in dieser Zusam­men­stellung wohl einmalig ist. Die erste Konzert­hälfte ist zwei Kompo­nis­tinnen aus den USA gewidmet, die in Europa vielleicht nur in Fachkreisen bekannt sind. Zum einem ist es die Zeitge­nossin Jennifer Higdon, die vor 24 Jahren das etwa 15-minütige Orches­terwerk Blue Cathedral schrieb. Es ist sehr leicht zugänglich, vorwiegend tonal gehalten und abwechs­lungs­reich-einfach orches­triert. Über weite Strecken wirken gerade die sich langsam entwi­ckelnden, sphäri­schen Strei­ch­er­klänge wie eine wohltuende Unter­malung von Filmen. Sehr diffe­ren­ziert, mit geschmei­digen Übergängen und Hervor­hebung der wichtigen, hochmu­si­ka­lisch intonierten Flöten- und Klari­netten-Soli erstrahlt die Nummer in einem akustisch wohltu­enden Licht.

Foto © Yannick Dietrich

Selbst in den Verei­nigten Staaten war Florence Price, die von 1887 bis 1953 lebte, in Verges­senheit geraten. Erst seit rund 20 Jahren und nach etlichen Funden an Manuskripten, Noten und Parti­turen im Jahr 2009 kommen ihre Tonschöp­fungen ans Licht der Öffent­lichkeit. Dazu gehört ihr Piano Concerto in One Movement, das nach der Urauf­führung 1934 erst wieder im Mai 2022 erneut erklang. Nun ist dieses rund 20-minütige, einsätzige Stück mit seiner anfangs spätro­man­ti­schen Ästhetik, einem lyrischen Mittelteil und schließlich einer dem Rag verwandten Juba – ein Planta­gentanz, der vor dem Ersten Bürger­krieg in den Südstaaten entstand – über den Großen Teich gekommen. Die große emotionale Tiefe und lyrischen Melodien bringen die städti­schen Sinfo­niker packend und präzise zum Ausdruck. Der Klavierpart liegt in den Händen der in Rumänien geborenen und im Alter von 17 Jahren nach Großbri­tannien überge­sie­delten Pianistin Alexandra Dariescu. Zum einen begeistern ihre inten­siven Dialoge mit dem Orchester. Zum anderen integriert sie ihr Spiel kongenial in das gesamte Klangbild. Spritzig, ausge­lassen gestaltet sie den rhyth­misch-vitalen Schluss. Ihr außer­or­dentlich großes pianis­ti­sches Können demons­triert sie bei den teils hochgradig schweren Stellen wie gleich zu Anfang die große Kadenz, die an die Technik von Franz Liszt gemahnt. Mit drei kurzen Zugaben – zwei davon Bravour­stücke – bedankt sich Dariescu für den frene­ti­schen Beifall, anhand derer noch einmal ihr hohe Virtuo­sität und Musika­lität deutlich wird. The Goblin And The Mosquito von Florence Price, eine Mazurka in es-Moll des 1845 mit 15 Jahren viel zu früh verstor­benen Kompo­nisten Carl Filtsch aus dem damaligen Kaisertum Öster­reich und O Polichinelo aus der Feder von Heitor Villa-Lobos.

Foto © Yannick Dietrich

Die zweite Konzert­hälfte bringt das Hauptwerk des Abends: die sinfo­nische Dichtung Ein Helden­leben von Richard Strauss. Gerne wird dem Kompo­nisten nachgesagt, dass in dieser Tondichtung Paral­lelen zu seinem eigenen Leben stecken. Doch sollten andere Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. Parallel zu seinem Opus 40 saß er an dem Varia­ti­onswerk Don Quixote, das er rund ein Jahr früher fertig­stellte. In sein Tagebuch schrieb er dazu anno 1897: „Sinfo­nische Dichtung Held und Welt beginnt Gestalt zu bekommen; dazu als Satyr­spiel Don Quixote“. Er beschäf­tigte sich also gleich­zeitig mit des Helden ernsten Absichten mit manchmal satiri­schem Unterton und der traurigen, selbst­er­nannten Ritter­ge­stalt. An den Dirigenten Gustav Kogel schrieb er: „Don Quixote und Helden­leben sind so sehr als direkte Pendants gedacht, daß besonders Don Qu. erst neben Helden­leben voll und ganz verständlich ist. Da es zudem die aller­erste (entschei­dende) Aufführung von Helden­leben ist, läge mir viel daran. Es ist ja dann ein stark fortschritt­liches Programm […] Aber für die aller­erste Aufführung von Helden­leben darf ich schon ein bißchen frech sein.“ Auch auf einen weiteren Aspekt wies Strauss augen­zwin­kernd hin: „Da Beethovens Eroica bei unseren Dirigenten so sehr unbeliebt ist und daher nurmehr selten aufge­führt wird, compo­niere ich jetzt, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, eine große Tondichtung Helden­leben betitelt (zwar ohne Trauer­marsch, aber doch in Es-dur, mit sehr viel Hörnern, die doch einmal auf Heroismus geeicht sind).“ Und in seinem Tagebuch ist rund ein Jahr vor Fertig­stellung notiert: „An Eroica etwas weiter arbeitend“. In dem Werk stecken also weit mehr als nur autobio­gra­fische Bezüge, in dem er sich selbst als Helden verewigt hat.

Die sechs musika­li­schen Episoden vom Helden, der zunächst selbst­be­wusst vor Kraft strotzt, sich gegen Wider­sacher auflehnt, liebt, kämpft und schließlich der Welt entsagt, kommen wie aus einem Guss von der Bühne. Hier wie auch bei den Stücken aus den Verei­nigten Staaten ist St. Clair ein stets umsich­tiger, verläss­licher Dirigent, der anhand seiner Gesten und spannungs­ge­la­denen Körper­sprache den hohen musika­li­schen und emotio­nalen Gehalt vermittelt. So gelingt dem SOW eine tief ausge­lotete, ausge­sprochen nuancierte, mit großen Spannungs­bögen versehene Aufführung des groß angelegten Werks, die in ihren Bann zieht. Außerdem brilliert Konzert­meister Nikolai Mintchev bei seinen großen Soli mit einer variablen, sanglichen Tongebung und souve­räner Spieltechnik.

Das leider nur überschaubare Publikum zeigt sich begeistert, spendet mit Jubel­rufen gespickten frene­ti­schen Beifall, der in stehende Ovationen mündet.

Hartmut Sassen­hausen

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